Wie KI das faule Gemüt verführt: Lehren aus dem Telefon
Ein FT-Beitrag vergleicht generative KI mit dem Telefon – und entlarvt zugleich falsche Lewis-Zitate.

Kann künstliche Intelligenz Menschen einander näherbringen – oder sie voneinander entfremden? Dieser Frage geht ein Beitrag aus dem Umfeld der Financial Times nach, der in der wöchentlichen Newsletter-Kolumne von Chefredakteurin Roula Khalaf erschienen ist. Khalaf wählt in diesem Format regelmäßig ihre favorisierten Geschichten aus. Im Zentrum steht diesmal eine Reflexion des Anthropic-Mitbegründers Jack Clark über die gesellschaftlichen Folgen generativer KI.
Clark hatte auf einer Bühne über die Wirkung der Technologie gesprochen und dabei ein literarisches Bild bemüht. Gegenüber Kenny Malone von NPRs Planet Money sagte er: „Ich weiß nicht, wie wir darauf reagieren werden." Er verwies auf C. S. Lewis' Buch „Die Briefe des Screwtape", in dem ein Dämon in der Hölle Briefe an seinen Vorgesetzten schreibt. In einem dieser Briefe, so Clark, freue sich der Dämon über eine Erfindung namens Telefon, weil sein Mensch dann statt introspektiver Selbstbetrachtung lieber zum Hörer greife.
Die Details
Der Beitrag prüft diese Erzählung und kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Clark erinnerte sich an nahezu alle seine Behauptungen falsch. Lewis schrieb „Die Briefe des Screwtape" im Jahr 1942 – nicht vor einem Jahrhundert. Es handelt sich zudem nicht um Briefe eines niederen Dämons, sondern um solche, die ihm von seinem Onkel Screwtape geschrieben wurden. Und das Telefon wird in dem Werk überhaupt nicht erwähnt. Planet Money ergänzte zu seiner Aufnahme eine „Klärung" und merkte an, dass Lewis in einem anderen privaten Brief über die Nachteile der Technik, einschließlich des drahtlosen Radios, gesprochen habe.
Der Autor des Beitrags suchte nach einem Lewis zugeschriebenen Zitat über das Radio – ein ironischer Ratschlag, wie man Gott vermeide: „Konzentrieren Sie sich auf Geld, Sex, Status, Gesundheit und (vor allem) auf Ihre eigenen Beschwerden. Halten Sie das Radio an. Leben Sie in einer Menge. Nutzen Sie reichlich Sedierung." Als er das Zitat in Google eingab, mischte sich noch vor den Suchergebnissen Googles KI Gemini ein und behauptete fälschlich, es stamme aus „Die Briefe des Screwtape". Tatsächlich entstanden die Worte zwei Jahrzehnte nach „Screwtape".
Um zu verstehen, wie Technik auf Menschen wirkt, lohnt ein Blick auf ein konkretes Ereignis. Im Jahr 1975 trennte ein großer Brand in einer Telefonvermittlungsstelle im Lower East Side von Manhattan mehr als 100.000 Telefonleitungen voneinander – potenziell für Monate, obwohl der Service schließlich nach etwa drei Wochen wiederhergestellt wurde. Kurz nach der Wiederaufnahme befragten die Medienforscher Alan Wurtzel und Colin Turner mehrere Hundert der Betroffenen.
Die Ergebnisse fielen ambivalent aus. Zwei Drittel der Befragten gaben an, das Fehlen eines Telefons habe sie entweder „isoliert" oder „unruhig" fühlen lassen, und mehr als die Hälfte fühlte beides. Viele betrauerten den Verlust der Fähigkeit, Anrufe mit Freunden und Familie zu tätigen und anzunehmen. Positiv bewertete ein Drittel der Menschen, dass sie bei ausgefallenen Telefonleitungen andere Personen häufiger persönlich besuchten, und derselbe Anteil gab an, dass sie öfter Besucher empfingen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Folgen von KI ist bei aktien.news kein neues Thema. Bereits am 24.09.2026 berichtete aktien.news über einen Beitrag des FT-Newsletters „The AI Shift", der die Parallelen zwischen dem KI-Zeitalter und der Industriellen Revolution am Beispiel der englischen Schuhherstellung des 19. Jahrhunderts untersuchte – mit dem Befund, dass technologischer Wandel nicht immer so verläuft, wie man vermuten würde.
Am 30.09.2026 griff aktien.news eine weitere Ausgabe der Newsletter-Kolumne von Roula Khalaf auf. Darin diskutierte die FT-Journalistin Sarah O'Connor ihr Buch „We Are Not Machines" über die bereits heute spürbaren Auswirkungen von KI auf Arbeitsplätze, unter anderem am Beispiel schwedischer Bergleute und von Übersetzern.
Schon am 16.04.2026 hatte aktien.news über die neue monatliche FT-Gesprächsserie „KI-Börse" berichtet, die Vorteile, Risiken und ethische Aspekte des KI-Einsatzes beleuchtet und die aktuelle Entwicklung historisch einordnet. Und am 29.03.2026 thematisierte aktien.news die These, dass KI als sachlichere, faktenbasierte Informationsquelle sogar ein Gegenpol zu populistischen sozialen Medien sein könnte.
Was das für Anleger bedeutet
Der Beitrag liefert keine Anlageempfehlung, wohl aber einen Denkanstoß. Der Politikwissenschaftler Robert Putnam schrieb in seinem Buch „Bowling Alone" (2000): „Gesellschaftlich betrachtet gibt und nimmt das Telefon zugleich." Der Brand von 1975 habe gezeigt, dass „das Telefon sowohl Einsamkeit als auch face-to-face-Sozialisation zu reduzieren scheint". Diese Ambivalenz gelte auch für hyper-konnektive Technologien, die dem Telefon nachfolgten.
Für Anleger, die auf KI-Unternehmen setzen, ist die Kernbotschaft des Beitrags relevant: Generative KI verbindet Nutzer mit Fakten – und entfernt sie zugleich von ihnen. Wer ein Large Language Model um einen Forschungsbericht bittet, erhält beeindruckende, weitreichende und schnell erstellte Ergebnisse mit nützlichen Links. Doch mit jedem Durchgang konfrontiere die KI mit „glatten, doch vergesslichen Zusammenfassungen und selbstbewussten, plausiblen Konfabulationen". Cheerleader der KI beteuerten zwar, solche Fiktionen kämen kaum noch vor – die eigenen Erfahrungen des Autors erzählten eine andere Geschichte.
Ausblick
Der Beitrag endet mit einer offenen Frage, die er selbst als moralische Frage bezeichnet: Lässt sich die oberflächliche Umfrage durch KI als Katalysator für tieferes Verständnis nutzen – oder ersetzt sie dieses? Die Wahl liege bei den Nutzern. Der Autor imaginiert, was der fiktive Dämon Screwtape daraus gemacht hätte: Man solle den Menschen nicht von der Unfehlbarkeit der Maschine überzeugen, sondern sein Misstrauen auf theoretischer Ebene halten, wo es leicht in Zynismus umschlagen könne. Fragen nach spezifischen Fakten seien zu vermeiden, Fact-Checking solle als pedantische Ineffizienz erscheinen. „Lassen Sie ihn seine Faulheit genießen und nennen Sie sie Produktivität", lautet der fiktive Ratschlag. Konkrete Termine oder angekündigte Maßnahmen nennt der Quelltext nicht.
Kurz erklärt
- Generative KI: Systeme, die auf Basis großer Datenmengen eigenständig neue Inhalte wie Texte oder Bilder erzeugen.
- Large Language Model: Ein Sprachmodell, das auf sehr großen Textmengen trainiert wurde und Antworten generiert.
- Konfabulation: Das Phänomen, dass ein KI-System überzeugend klingende, aber falsche Informationen liefert.
