Ukrainische Drohnen treffen Russlands Öl – doch die Produktion läuft
Drohnen treffen Raffinerien, doch die Produktion läuft weiter – eine Analyse der strategischen Lage.

Seit Monaten attackiert die Ukraine mit Drohnen russische Raffinerien und Öl-Export-Häfen. Die Reichweite der Angriffsmittel wächst stetig, sodass inzwischen ein Großteil der russischen Erdölverarbeitung bedroht ist. Die Bilder sind spektakulär: schwarze Rauchwolken über brennenden Öltanks, zeitweise lange Schlangen vor Tankstellen in vielen Landesteilen. Dennoch läuft die russische Ölindustrie weiter – wenn auch unter zunehmendem Druck.
Dmitry Lebedev, Direktor des Beratungsunternehmens REnergyCO, sieht die Effekte der Luftschläge von vielen Beobachtern und Analysten überschätzt. Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche erklärt er, dass die Arbeitsweise der Anlagen oft nicht ausreichend verstanden werde. Entscheidend sei der Aufbau der Raffinerien: Zu den wichtigsten Komponenten gehören die Rohöldestillationsanlagen (CDUs), von denen eine normale Raffinerie in der Regel mehrere besitzt. Neben diesen Doppelkreisläufen existieren laut Lebedev häufig noch ältere CDUs, die im Normalbetrieb abgeschaltet sind, aber als Reserve dienen.
Wird eine dieser Komponenten bei einem Angriff beschädigt, können Betreiber auf ältere Anlagen zurückgreifen. Diese arbeiten zwar weniger effektiv, sind aber dennoch operabel. Hinzu kommt ein technischer Effekt: Bestimmte Ölprodukte wie Benzin werden in einem eigenen Bearbeitungsschritt aus Zwischenprodukten gewonnen. Bleibt dieser Kreislauf verschont, läuft die Produktion unverändert weiter. Eine Reduktion des Rohöl-Durchsatzes ist daher nicht automatisch gleichbedeutend mit einem Rückgang bei der Produktion bestimmter Ölprodukte.
Entscheidend ist die Trefferqualität
Die Frage ist also, welche Teile einer Raffinerie getroffen werden und wie groß der Schaden ausfällt. Lebedev weist darauf hin, dass russische Raffinerien weit weniger stark modernisiert wurden als westliche Anlagen. "Es gab durchaus Modernisierungen. Diese waren häufig darauf ausgerichtet, die Qualität von Diesel und Benzin an gesetzliche Vorgaben anzupassen", sagt er. Dazu gehörten insbesondere Hydroprocessing- und Hydrotreating-Einheiten, die vor allem die Euro-Normen und damit die Treibstoffqualität für moderne Autos betrafen.
Der Verzicht auf weitergehende Upgrades ist wesentlich auf einen staatlichen Steuervorteil zurückzuführen. Dieser erlaubt es den Betreibern, auch ohne große Investitionskosten mit einer auskömmlichen Marge zu arbeiten. Wenngleich dies eine geringere Effektivität – etwa bei der Benzinproduktion – zur Folge hat, kommt es Russland in der aktuellen Lage an anderer Stelle entgegen: Die Technik ist einfacher als in modernen westlichen Anlagen und daher leichter zu warten und zu reparieren.
Dies gilt allerdings vor allem für die Primärverarbeitung, also die physikalische Trennung verschiedener Rohölbestandteile. Bei der Sekundärverarbeitung, die durch das Aufbrechen langer Kohlenstoffketten hochwertige Ölprodukte entstehen lässt, sind die benötigten Technologien deutlich kritischer. Hier liegt eine strukturelle Schwachstelle des russischen Ölsektors.
Westliche Technologie als Achillesferse
Lebedev stellt zudem klar: Weder Russland noch die Sowjetunion waren je in der Lage, eine Raffinerie komplett eigenständig von Grund auf neu zu bauen. "Viele Anlagen basierten auf westlicher Technologie oder wurden mit westlicher Unterstützung errichtet", erklärt er. Dies ist ein entscheidender Punkt für Anleger, die die Widerstandsfähigkeit der russischen Ölindustrie bewerten wollen.
Daraus ergibt sich eine wichtige strategische Erkenntnis: Offensichtlich ist es nicht das Ziel der Ukraine, die russische Ölindustrie dauerhaft auszuschalten. Wäre dies der Fall, müsste Kiew einzelne Raffinerien viel massiver und mit deutlich mehr Drohnen gleichzeitig treffen – oder auf Marschflugkörper wie den Flamingo zurückgreifen. Stattdessen werden möglichst viele Anlagen gleichzeitig oder in kurzem zeitlichen Abstand attackiert.
Lebedevs Analyse zufolge verfolgt die Ukraine eine Strategie der kumulativen Belastung: "Wenn Angriffe wiederholt erfolgen, entsteht eine kumulative Belastung. Wartungen werden verschoben, Ersatzteile müssen beschafft werden, Ausweichkapazitäten werden knapper und das gesamte System wird anfälliger." Seiner Einschätzung nach will die Ukraine die Lieferketten derart aus dem Takt bringen, dass Russland gezwungen ist, Ölquellen stillzulegen.
Geologische Besonderheiten als Risikofaktor
Die geologische Beschaffenheit der russischen Ölfelder und ihre Lage im Permafrostboden unterscheiden sich grundsätzlich von anderen Weltregionen. Die Förderung erfolgt oft durch Wasserinjektion. Muss eine Quelle gedrosselt oder geschlossen werden, verändern sich Druck- und Strömungsverhältnisse im Feld, was die Wiederaufnahme der Förderung erheblich erschwert. Dies könnte langfristig zu Produktionsausfällen führen, selbst wenn die Raffinerien selbst nur temporär beeinträchtigt sind.
Insgesamt bewertet Lebedev die Angriffe der Ukraine als wirkungsvoll, wenngleich sie nicht geeignet sind, die Raffinerien dauerhaft lahmzulegen. "Ihre Bedeutung liegt in der Häufigkeit und in der Belastung des Gesamtsystems", sagt er. "Es kann zu einer kritischen Schwelle kommen, an der Wartungen, Ersatzteile, Logistik, Lagerung und Förderung nicht mehr problemlos zusammenpassen."
Für Anleger an den internationalen Rohstoffmärkten bedeutet dies: Die russische Ölindustrie läuft zwar weiter, aber die Risiken steigen. Sollte die Ukraine ihre Taktik der Nadelstiche beibehalten oder intensivieren, könnte die kumulative Belastung irgendwann einen Kipppunkt erreichen. Die Entwicklung der Drohnenangriffe und ihre Auswirkungen auf die russische Ölproduktion bleiben daher ein entscheidender Faktor für die globale Energieversorgung und die Rohstoffpreise.
