Ölpreis auf Vierjahreshoch: Märkte unterschätzen Iran-Kriegsrisiken
Brent-Rohöl erreicht höchsten Stand seit März 2022 – Investoren warnen vor massiver Unterschätzung der geopolitischen Risiken.

Erneute Sorgen über den Verlauf des Krieges zwischen den USA und dem Iran haben den globalen Referenzpreis für Rohöl der Sorte Brent auf ein Vierjahreshoch getrieben. Gleichzeitig erschütterten die Entwicklungen am Donnerstag die Aktienmärkte weltweit. Analysten warnen jedoch: Anleger setzen weiterhin auf eine baldige Friedenslösung und unterschätzen die potenziellen künftigen Risiken erheblich.
Auslöser des jüngsten Preisanstiegs war ein Bericht von Axios, der sich auf anonyme Quellen stützt. Demnach trifft das U.S. Central Command Vorbereitungen, um US-Präsident Donald Trump Pläne für weitere mögliche Militäraktionen gegen den Iran vorzulegen. Berichten zufolge lehnte Trump zudem einen Friedensvorschlag aus Teheran ab – was bedeutet, dass eine amerikanische Blockade der Straße von Hormus vorerst bestehen bleibt.
Die Straße von Hormus gilt als eine der kritischsten Schifffahrtsrouten der Welt für den globalen Ölversand. Ihre faktische Schließung infolge des Konflikts hat bereits erhebliche Auswirkungen auf die Energiemärkte. Bis 6:06 Uhr ET fielen die Brent-Futures für die Lieferung im Juni um 1,7 Prozent auf 116,05 US-Dollar pro Barrel, nachdem sie zuvor auf Kurs für ihren höchsten Schlussstand seit März 2022 lagen. Die US-Futures der Sorte West Texas Intermediate (WTI) für die Lieferung im Juni gaben ebenfalls frühere Gewinne ab und notierten bei 106,59 US-Dollar, ein Rückgang von rund 0,2 Prozent.
Märkte preisen Frieden ein – trotz anhaltender Eskalation
Seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar befindet sich der Ölmarkt in einem Zustand der sogenannten Backwardation. Dabei werden Futures mit kurzfristigen Lieferterminen mit einem Aufschlag gegenüber länger datierten Kontrakten gehandelt – ein Signal, das die Märkte typischerweise senden, wenn sie eine baldige Entspannung der Lage erwarten. Neil Birrell, Chief Investment Officer bei Premier Miton Investors in London, erklärte gegenüber CNBC, dass sich die Vermögenspreise und die Stimmung „eher die Wahrscheinlichkeit einer Lösung des Konflikts widergespiegelt" hätten.
„Diese Bewegung des Ölpreises könnte der Katalysator dafür sein, dass sich die Stimmung und die langfristige Positionierung ändern", sagte Birrell. Er warnte zudem: „Die makroökonomischen Auswirkungen und der potenzielle Schaden für die Unternehmensgewinne werden wieder rasant in den Fokus rücken." Die entscheidende Frage sei, ob sich Volkswirtschaften und Aktienmärkte weiterhin als widerstandsfähig erweisen könnten, wenn der Ölpreis auf diesem Niveau oder höher verbleibe.
Patrick Armstrong, Chief Investment Officer der Plurimi Group, äußerte sich noch deutlicher. Er bezeichnete die starke Backwardation in der Ölpreiskurve als „einfach verrückt". „Es wird so eingepreist, als ob die Meerenge unmittelbar geöffnet würde und dann alles in Ordnung wäre", sagte er. Dabei seien täglich Millionen von Barrel nicht durchgekommen, was zu massiven Lagerbestandsabnahmen geführt habe.
Krisenniveau bei Diesel und Kerosin
Besonders besorgniserregend ist laut Armstrong die Lage bei raffinierten Produkten. „Bei raffinierten Produkten, insbesondere Kerosin, Diesel und sogar Benzin, nähern sich all diese Dinge einem Niveau, das man als Krisenniveau bezeichnen kann, bei dem man wirklich viel bezahlen muss, um sie zu bekommen", warnte er. Raffinerien würden in diesem Umfeld „unglaubliche Gewinnmargen erzielen", während Verkäufer in der Lage seien, für raffinierte Waren zu verlangen, was sie wollen.
Armstrong kritisierte zudem Trumps Kommunikation: „Trump hat den Ölpreis durch die Behauptung, wir hätten ein Friedensabkommen, nach unten geredet, was aber nicht der Fall ist." Er geht davon aus, dass die Schifffahrt in der Meerenge den gesamten Mai über gestört sein wird. Angesichts sehr geringer Lagerbestände empfiehlt er Energieaktien als Diversifikationsinstrument: „Das ist es, was steigt, wenn alles andere fällt, weil es eine Absicherung gegen Stagflation bietet, und das ist derzeit das größte Risiko weltweit."
Verzögerte Auswirkungen auf die Realwirtschaft
Bill Perkins, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des auf Energiemärkte spezialisierten Hedgefonds Skylar Capital, betonte gegenüber CNBC, dass die Wirtschaft die wahren Folgen der Ölkrise erst noch zu spüren bekommen werde. „Es dauert etwa 40 Tage, bis diese Ladung an ihren Bestimmungsorten, bei den großen Verbrauchern, ankommt", erklärte er. Solange sich noch Öl auf dem Wasser befinde, das sein Ziel erreichen konnte, seien die vollen Auswirkungen der Blockade noch nicht spürbar.
Perkins hob besonders die Lage bei Diesel und Kerosin hervor. Während die strategischen Erdölreserven den Rohölmarkt etwas gedämpft hätten, habe sich der Preis für Diesel fast verdoppelt. „In den Produktmärkten herrscht Wildwest-Stimmung", sagte er. „Selbst wenn wir heute Frieden hätten, müsste man auch die Logistik berücksichtigen, um diese Schiffe wieder herauszubekommen."
Dennoch schlug Perkins auch optimistischere Töne an. Ein Friedensabkommen würde seiner Einschätzung nach „mit einer Art Wohlverhaltens-Dividende für den Iran einhergehen" und deflationären Druck auf die Energiepreise ausüben. Strategische Erdölreserven weltweit könnten freigegeben werden, und der Markt werde „extrem bearish sein, sobald die Logistik in den Energiemärkten geklärt ist" – was wiederum ein Impuls für Aktienmärkte und eine Wiederbelebung der Nachfrage sein sollte. „Es ist nur eine Frage des Zeitpunkts", so Perkins.
