Software-Aktien im Sinkflug: KI-Revolution verschiebt Anlegerinteresse
Die Wall Street wendet sich von etablierten Software-Aktien ab. Salesforce, Adobe und ServiceNow verloren seit Jahresbeginn über 30 Prozent – Anleger setzen verstärkt auf reine KI-Player.

Der Glanz traditioneller Software-Aktien verblasst zusehends. Was einst als sichere Wachstumswette galt, gerät unter massiven Verkaufsdruck. Branchengrößen wie Salesforce, Adobe und ServiceNow mussten seit Anfang letzten Jahres Kursverluste von mindestens 30 Prozent hinnehmen. Ein S&P-Index für kleine und mittelgroße Softwareunternehmen sackte im gleichen Zeitraum um mehr als 20 Prozent ab.
Der Grund für die Talfahrt: Die rasante Entwicklung von KI-Tools verändert fundamental, wie Software entwickelt wird. Tools wie Anthropic's Claude Code können laut Branchenexperten die Entwicklungszeit für komplexe Anwendungen drastisch verkürzen. Dieses Phänomen wird bereits als "Vibe Coding" bezeichnet – die Nutzung von KI-Werkzeugen zur schnellen Produktion von Apps und Webseiten.
Narrativwechsel an der Wall Street
"Das Narrativ hat sich wirklich verschoben", kommentiert Rishi Jaluria, Software-Analyst bei RBC Capital Markets. Die Anleger befürchten, dass etablierte Softwareunternehmen ihr Geschäftsmodell durch KI-gestützte Entwicklungstools gefährdet sehen könnten. Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf reine KI-Unternehmen, obwohl viele Investoren den KI-Boom selbst bereits als potenzielle Blase betrachten.
Der Abschwung dient als deutliche Mahnung, wie schnell sich Anlegergunst verschieben kann – selbst bei ehemals hochgelobten Technologiewerten.
IPO-Markt erwacht zu neuem Leben
Parallel zur Neubewertung etablierter Sektoren könnte 2026 das Jahr der großen Börsengänge werden. Schwergewichte wie SpaceX, OpenAI und Anthropic stehen möglicherweise vor ihrem Initial Public Offering (IPO). Die KI-Euphorie macht Börsengänge wieder attraktiver, unterstützt durch verbesserte wirtschaftliche Rahmenbedingungen und sinkende US-Leitzinsen.
Für Privatanleger gestaltet sich die Teilnahme an IPOs jedoch schwierig. Eine Zeichnung ist nur möglich, wenn der eigene Broker dies anbietet – und selbst dann gibt es keine Garantie auf die gewünschte Zuteilung. Ein Kauf am ersten Handelstag birgt oft hohe Volatilität in den ersten Wochen.
IPO-ETFs als Alternative mit Schwächen
Eine vermeintlich einfachere Alternative bieten IPO-ETFs. Der First Trust US IPO Index ETF (IE00BYTH6238) ist derzeit der einzige IPO-ETF am deutschen Markt. Er bildet den IPOX Schuster US 100 Index ab, der die 100 größten und liquidesten US-Unternehmen umfasst, die in den letzten 1000 Handelstagen an die Börse gingen.
Allerdings führt dies zu einem ungewöhnlichen Mix: Größte Position ist der Industriekonzern GE Vernova, eine Abspaltung von General Electric. Selbst IBM, seit 111 Jahren börsennotiert, ist aufgrund der HashiCorp-Übernahme enthalten. Echte IPO-Kandidaten wandern erst am Ende des sechsten Handelstages ins Portfolio – zu spät für die lukrativen "IPO-Pops" am ersten Tag.
Ernüchternde Performance-Daten
In der ersten Jahreshälfte 2025 verzeichneten neu emittierte Aktien im Schnitt ein Plus von 27,5 Prozent am ersten Handelstag – davon profitiert der ETF nicht. Historische Daten zeigen zudem, dass IPO-Aktien über 12 bis 24 Monate durchschnittlich schlechter als der Gesamtmarkt abschneiden, bei gleichzeitig höherer Volatilität.
Der First-Trust-ETF erzielte seit 2015 eine durchschnittliche jährliche Rendite von elf Prozent – weniger als ein S&P 500 ETF. Die Fünf-Jahres-Volatilität liegt bei über 26 Prozent, verglichen mit rund 17 Prozent beim S&P 500. Hinzu kommen hohe Kosten von 0,65 Prozent jährlich und ein niedriges Fondsvolumen von nur zwölf Millionen Dollar.
Fazit für Anleger
Die Nachteile des IPO-ETFs überwiegen deutlich. Anleger, die von echten Börsengängen profitieren möchten, sollten bei entsprechender Gelegenheit besser Aktien direkt zeichnen, statt auf diesen spezifischen ETF zu setzen. Der aktuelle Sektor-Shift von etablierten Software-Aktien zu KI-Unternehmen zeigt einmal mehr, wie schnell sich Trends an der Wall Street ändern können.
