Ryanair-Chef warnt vor bis zu 20 Prozent höheren Flugpreisen 2027
Michael O'Leary rechnet 2027 mit deutlich höheren Flugpreisen in Europa, weil die Treibstoffkosten um zwei Milliarden Euro steigen.

Der Vorstandschef von Ryanair, Michael O'Leary, rechnet für das Jahr 2027 mit deutlich höheren Flugpreisen in Europa. In einem Interview mit dem US-Finanzsender CNBC sagte er am Montag, die Ticketpreise könnten im nächsten Jahr um bis zu 20 Prozent steigen. Auslöser ist der sprunghafte Anstieg der Kerosinpreise, während die Absicherungsgeschäfte der Fluggesellschaften auslaufen.
"Wir stehen also vor dem Jahr 2027, in dem wir deutlich höhere Ölpreise haben. Ich denke, diese werden sich in deutlich höheren Flugpreisen niederschlagen", sagte O'Leary gegenüber CNBC-Reporter Steve Sedgwick. "Die Kunden auf dem Markt waren im letzten Jahr zwölf Monate lang abgeschirmt. Aber diese Hedges laufen ab. Es gibt immer noch keine Lösung im Nahen Osten."
Konkret nannte der Manager eine Preisspanne: "Ich glaube, Sie werden sehen, dass die Flugpreise in ganz Europa nächstes Jahr um 10 Prozent, vielleicht sogar um 20 Prozent steigen werden." Der Jet-Treibstoff koste heute 170 US-Dollar pro Barrel, sagte O'Leary. Er sprach von einer "sehr signifikanten Kostenklippe", der alle Fluggesellschaften im kommenden Jahr gegenüberstehen.
Der Halbjahresgewinn von Ryanair fällt um 15 Prozent
Hinter der Warnung stehen konkrete Zahlen aus dem laufenden Geschäftsjahr. Der Gewinn der irischen Billigfluggesellschaft fiel im ersten Halbjahr um 15 Prozent auf 2,15 Milliarden Euro (2,3 Milliarden US-Dollar). Als Grund nennt das Unternehmen den Preis für seinen zu 20 Prozent nicht abgesicherten Jet-Treibstoff, der sich verdoppelte.
Ryanair erklärte, nicht damit zu rechnen, dass ein Anstieg der Kurzstreckenflugpreise den geschätzten Anstieg der Kraftstoffkosten um zwei Milliarden Euro im nächsten Jahr vollständig ausgleichen wird. Deshalb startet das Unternehmen eine Kostenüberprüfung. Sie umfasst die Reduzierung der Crew-Rationen, eine potenzielle temporäre Gehaltskühlung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, um weitere Effizienzmaßnahmen zu erschließen.
Ryanair kürzt die Winterkapazität erstmals seit Jahren
Auch beim Flugangebot reagiert der Konzern. Im September senkte die Fluggesellschaft ihr Gesamtziel für den Verkehr im Geschäftsjahr von 216 Millionen auf 214 Millionen Passagiere, um ihre Exposition gegenüber nicht abgesichertem Treibstoff im Winter zu verringern. Für die Monate November bis März erwartet Ryanair nun einen im Jahresvergleich weitgehend stabilen Verkehr.
"Ich denke, Sie sehen sogar in diesem Winter, dass alle Fluggesellschaften in Europa, sogar Ryanair, zum ersten Mal seit vielen Jahren unsere Winterkapazität kürzen", sagte O'Leary. "Wir werden diesen Winter im Vergleich zum Vorjahr nur stabil bleiben, weil es keinen Sinn macht, dass wir unsere Kapazität erhöhen, wenn wir nicht gehedgtes Öl zu 170 US-Dollar pro Barrel kaufen."
Zur finanziellen Ausstattung erklärte das Unternehmen, per 30. September 2,6 Milliarden Euro an liquiden Mitteln gehalten zu haben – und das nach der Rückzahlung von 1,3 Milliarden Euro an Schulden. "Sie wissen, wir haben dieses Jahr all unsere Schulden getilgt, also haben wir effektiv null Schulden. Wir haben 650 Flugzeuge in der Bilanz. Wir sind deutlich cash-positiv", sagte O'Leary. Die Herausforderung für alle Fluggesellschaften seien die Volatilität der Ölpreise, das Fehlen von Hedging und höhere Finanzierungskosten.
Ryanair sichert Treibstoff zu 67 US-Dollar pro Barrel ab
Ein Teil der Belastung ist bereits abgefedert. Ryanair hat seinen Jet-Treibstoff für das laufende Jahr zu einem Preis von 67 US-Dollar pro Barrel abgesichert, was dem Unternehmen einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern verschaffte, da die Gewinne vor volatilen Ölpreisen geschützt blieben. Für 2028 hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits Treibstoff zu 95 US-Dollar pro Barrel gesichert.
Die Aktien von Ryanair notierten zuletzt höher, nachdem die Zahlen des Halbjahres die Erwartungen des Marktes trafen. Seit Jahresbeginn ist der Kurs jedoch gefallen. Adam Vetesse, Marktanalyst beim Broker eToro, sieht darin ein Signal: "Investoren scheinen den Einbruch durch nicht gehedgten Treibstoff und weichere Sommerflugpreise bereits eingepreist zu haben, was Spielraum für Erleichterung lässt, dass das Quartal genau dort ankam, wo der Konsens vorhergesagt hatte."
Vetesse ergänzte: "Die kurzfristigen Gewinne bleiben Geisel der Ölpreise und der kurzfristigen Buchungen, aber der frühe Aufschwung des Marktes deutet darauf hin, dass Investoren bereit sind, Ryanair den Nutzen des Zweifels zu gewähren, dass ihr Kostenvorteil wichtiger sein wird als der Treibstoffanstieg, sobald sich der Staub gelegt hat."
Bereits im Mai berichtete aktien.news über Kerosinsorgen bei Ryanair
Die aktuelle Warnung ist Teil einer längeren Entwicklung, über die aktien.news bereits mehrfach berichtet hat. Bereits am 18.05.2026 berichtete aktien.news, dass Ryanair nach einem Rekordjahresgewinn die Flugpreise im Sommer senken wollte, um vorsichtige Verbraucher anzulocken. Der Jahresüberschuss war um 40 Prozent auf 2,26 Milliarden Euro gestiegen – leicht besser als die intern prognostizierten 2,2 Milliarden Euro. Zugleich senkte das Unternehmen seine Prognosen für die Tarifeinnahmen, weil Kunden angesichts der Auswirkungen des Iran-Krieges zurückhaltend buchten.
Ebenfalls am 18.05.2026 berichtete aktien.news, dass sich Ryanair auf ein "Armageddon-Szenario" infolge der Kerosinkrise vorbereitet hatte. Der Finanzvorstand verwies gegenüber CNBC auf die wirtschaftliche Unsicherheit durch den Nahostkonflikt und die Blockade der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten für Öllieferungen. Damals hatte Ryanair 80 Prozent seines Kerosinbedarfs für den Sommer zu einem Preis von 668 US-Dollar pro Tonne gesichert.
Am 20.07.2026 berichtete aktien.news über einen Gewinneinbruch von 34 Prozent im ersten Geschäftsquartal bis zum 30. Juni. Der Nettogewinn nach Steuern fiel auf 538 Millionen Euro (rund 616 Millionen US-Dollar) und lag damit unter der internen Analystenprognose von 579 Millionen Euro. O'Leary nannte damals zwei Ursachen: "Der Preis für unseren zu 20 Prozent nicht abgesicherten Treibstoff hat sich im Quartal verdoppelt, und die Flugpreise fielen um 6 Prozent."
Und bereits am 26.01.2026 hatte aktien.news berichtet, dass Ryanair seine Gewinnprognose anhob. Das Unternehmen rechnete mit einem Gewinn nach Steuern zwischen 2,13 und 2,23 Milliarden Euro – ein Plus von etwa einem Drittel gegenüber dem Vorjahreswert von 1,61 Milliarden Euro. Grund war die positive Preisentwicklung: Die Durchschnittspreise für Flugtickets sollten im Geschäftsjahr bis Ende März 2025 um 8 bis 9 Prozent steigen.
Ryanair-Aktien hängen stark vom Ölpreis ab
Für Anleger in Deutschland ist die Nachricht in mehrfacher Hinsicht relevant. Ryanair ist eine der größten Fluggesellschaften Europas und ein wichtiger Wettbewerber für deutsche Airlines und den Standort Deutschland. Steigen die Preise in ganz Europa, betrifft das nicht nur Urlauber, sondern auch Geschäftsreisende und den Tourismus insgesamt.
Gleichzeitig zeigt der Fall, wie stark die Gewinne einer Fluggesellschaft von der Entwicklung der Ölpreise abhängen. Ryanair hat einen Teil seines Treibstoffs abgesichert, was den Konzern zeitweise vor Preissprüngen schützte. Diese Absicherung läuft jedoch aus, während der nicht abgesicherte Anteil bereits heute zu deutlich höheren Preisen eingekauft werden muss. Die Kostenüberprüfung mit Maßnahmen wie der Reduzierung der Crew-Rationen und einer möglichen temporären Gehaltskühlung zeigt, wie ernst das Unternehmen die Belastung nimmt.
Hinzu kommt die Bilanzstärke: Mit 2,6 Milliarden Euro an liquiden Mitteln, 650 Flugzeugen und einer effektiv schuldenfreien Bilanz verfügt Ryanair über finanziellen Spielraum, den kleinere Wettbewerber nicht haben. Der Analyst Vetesse weist allerdings darauf hin, dass die kurzfristigen Gewinne "Geisel der Ölpreise" bleiben.
Ryanair hat bereits Treibstoff für 2028 abgesichert
Für die kommenden Monate stehen mehrere Punkte im Kalender. Im Winter, also zwischen November und März, erwartet Ryanair einen im Jahresvergleich weitgehend stabilen Verkehr – nach der Kürzung des Gesamtjahresziels von 216 Millionen auf 214 Millionen Passagiere. Für das Jahr 2027 rechnet O'Leary mit Flugpreisen, die in ganz Europa um 10 bis 20 Prozent steigen. Ob sich diese Erwartung bestätigt, hängt maßgeblich von der Entwicklung der Ölpreise und der Lage im Nahen Osten ab, für die O'Leary weiterhin keine Lösung sieht. Für 2028 hat Ryanair bereits Treibstoff zu 95 US-Dollar pro Barrel abgesichert.
Drei Fachbegriffe erleichtern das Verständnis der Ryanair-Meldung
- Hedging: Absicherungsgeschäft, mit dem sich ein Unternehmen einen Preis für einen Rohstoff im Voraus sichert.
- Jet-Treibstoff: Der spezielle Kerosin-Kraftstoff, mit dem Verkehrsflugzeuge betrieben werden.
- Kurzstreckenflugpreise: Ticketpreise für Flüge über vergleichsweise geringe Entfernungen innerhalb einer Region.
