Junge Käufer beleben britische Traditionsschuhmacher in Northampton
Nach Jahren des Niedergangs entdecken jüngere Kunden formelle englische Schuhe wieder – und geben Herstellern wie Crockett & Jones neuen Auftrieb.

Northampton in Zentralengland war einst die Schuhhauptstadt der Welt und ein stolzes Kernland des handgefertigten englischen Schuhwerks. Doch Outsourcing und der Brexit setzten die lokalen Unternehmen unter Druck, wie ein Bericht aus dem Umfeld der Financial Times zeigt. Während einer Fahrt am Montagmorgen durch die Stadt listet ein Taxifahrer die Namen der Einzelhändler auf, die in der Region Northamptonshire kürzlich ihre Türen geschlossen haben: „BHS ist geschlossen, Debenhams ist geschlossen, alle sind geschlossen. Auch die Nachtclubs schließen, es gibt keine Jobs mehr für Taxifahrer während der Nachtausgänge.“
Die Covid-Pandemie verschärfte die Lage zusätzlich, weil sie Büroangestellte ins Homeoffice zwang und die Partykultur beendete. Die Mode reagierte entsprechend und förderte in den folgenden Jahren der hybriden Arbeitsweise die Popularität von Marken wie Birkenstock. Doch da immer mehr Menschen in die Büros zurückkehren und neue Generationen den Arbeitsmarkt betreten, scheint das Interesse an formellen englischen Schuhen wiederzuerwachen. Die zentrale Frage lautet, ob dies den Herstellern in Northampton eine Lebensader bieten kann.
Crockett & Jones setzt auf Qualität statt kurzlebige Modetrends
Jonathan Jones ist Geschäftsführer von Crockett & Jones, einer Premium-Marke, die Schuhe für die James-Bond-Filme liefert und weiterhin familiengeführt wird – er ist ein Jones der vierten Generation. Er sagt, die Italiener seien stets und bleiben auch heute noch die Hauptkonkurrenz Großbritanniens, nicht zuletzt, da das Label „Made in Italy“ und das Fertigungserbe des Landes trotz jüngster Skandale um die Ausbeutung von Arbeitern nach wie vor ein Rückgrat der italienischen Wirtschaft bilden.
Dennoch hat das englische Schuhwerk nach wie vor einen echten Reiz – für alle von den schweren Gewichten im italienischen Luxussektor wie Prada, die Church’s of Northampton 1999 übernahmen, bis hin zu neuen Konsumenten, die langlebige, anspruchsvolle Produkte suchen. „Ich habe bereits 2024 in Tokio gesehen, dass die eher modisch orientierten Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiteten, mir sagten, dass jüngere Leute damals Derbys kauften“, sagt Jones. Diese Einkaufstrends, die er von seinen japanischen Kontakten erfährt, werden an das Team weitergegeben und in die Kollektionen der Marke eingearbeitet.
„Heute sehen wir, dass viele junge Leute die Sneaker ablegen und nach qualitativ besseren Schuhen suchen“, sagt Jones. In diesem Zusammenhang sieht er klare Vorteile für britische Marken für formelle Schuhe gegenüber ihren italienischen Pendants. „Während die Italiener stärker modisch getrieben sind, geht es bei [den Briten] mehr um ernsthafte Qualität. Wir machen keine Modestile, und obwohl wir uns offensichtlich an den Trends anpassen müssen, versuchen wir, wirklich schöne, elegante Schuhe herzustellen, die viele Saisons halten werden.“
Bowhill & Elliott verzeichnet mehr als eine Verdopplung seit 2019
In Norwich in Ostengland ist Bowhill & Elliott ein kleines, familiengeführtes Unternehmen, das seit 1874 Fußbekleidung fertigt und sich in den 1960er Jahren zu einem spezialisierten Pantoffelhersteller entwickelte. Seit den 1940er Jahren führt es auch Schuhe von Crockett & Jones. Geschäftsführer Marc Debieux sagt, die eine Sache, die jüngere und ältere Kunden heute gemeinsam haben, sei die Wertschätzung für Qualität und Handwerkskunst.
Der Umsatz von Crockett & Jones in seinem Geschäft sei seit 2019 um mehr als 100 Prozent gestiegen, fügt Debieux hinzu, wobei ein Großteil dieses Wachstums von einer jüngeren Zielgruppe stammt, die sich Stilen wie dem Penny Loafer zuwendet. „Jüngere Kunden schauen zunehmend über Fast Fashion hinaus und erkennen den Reiz, etwas Gutgemachtes zu kaufen, das hält“, sagt er. „Das ist für uns besonders ermutigend, da es zeigt, dass traditionelles Handwerk für eine neue Generation relevant bleibt. Kunden jeden Alters sind bereit, in Qualität, Handwerkskunst und Langlebigkeit zu investieren, aber sie wollen eine echte Rendite für diese Investition sehen.“
Ein weiterer britischer Vorteil ist die Goodyear-Vulkanisierung, die hochwertige, reparierbare Sohlen schafft und ein Merkmal ist, das die meisten in Northampton gefertigten Schuhe teilen. Doch während jüngere Käufer die Bedeutung gut gemachter Fußbekleidung wiederentdeckt haben, gibt es auch stilistische Nuancen zu berücksichtigen, wenn man dieser Kundengruppe dienen will.
Grenson kombiniert das Label „Made in Northampton“ mit zeitgemäßem Styling
Grenson mit Sitz in Rushden, Northamptonshire, blickt auf 160 Jahre Schuhmachertradition zurück, und heute werden seine Schuhe von Prominenten wie Lewis Hamilton, Sam Fender und Emma Corrin getragen. Laut Kreativdirektor Tim Little ist die Botschaft „Made in Northampton“ wertvoll, muss jedoch von einer frischen Sicht auf das Styling begleitet werden. „Wenn wir die Schuhe auf der Website stylen, stylen wir sie auf eine zeitgemäßere Weise. Wir haben keine steifen alten Herren in Anzügen“, sagt Little.
„Viele unserer jüngeren Zielgruppe wollen etwas anderes tragen, weil ihre Väter Sneaker tragen. Aber sie tragen keinen Anzug, kein Hemd und keine Krawatte sowie ein Paar Oxfords. Sie tragen Loafers und Derbys zu einer Jeans.“ Grenson bietet eine Reihe von Stilen in seiner Männer-Derbys-Kollektion an, beginnend bei 195 Pfund für das braune Suede Byron bis hin zum 650 Pfund teuren schwarzen oder braunen Leder- und Suede-Derby, einer Zusammenarbeit mit der US-Schuhmarke Yuketen. Grenson bedient auch Frauen, vom Romilly, einem klassischen Loafer im Einzelhandel für 295 Pfund, bis zum Epsom, einem preppy-klassischen Penny Loafer für 550 Pfund.
Jones hat ebenfalls bemerkt, dass jüngere Käufer Derbys, wie den Winderly-Stil der Marke (ab 525 Pfund), den klassischeren Oxfords vorziehen. Erstere ist eher ein smart-casualer oder Alltags-Schuh mit offener Schnürung, während letztere eine geschlossene Naht aufweist, die einen schlankeren Schuh erzeugt und als formeller gilt. „Jüngere Leute kleiden sich lässiger. Sie tragen keine Anzüge. Sie tragen wahrscheinlich Chinos, und der Derby passt in diesem Kontext quite gut“, sagt er.
Brexit, Energiekosten und Zölle belasten die Hersteller weiterhin
Trotz der Wiederbelebung bleiben Herausforderungen für diese Schuhhersteller bestehen. Nachdem das Vereinigte Königreich im Januar 2020 die EU verlassen hatte, spürten Marken wie Grenson den Druck „über Nacht“, so Little. „Wir hatten eine Phase von sechs Monaten, vielleicht, in der man kaum etwas verkaufen konnte“, sagt er. Die Kriege in der Ukraine und im Iran, die die Energiekosten in die Höhe getrieben haben, sowie Zölle haben die Unternehmen ebenfalls getroffen.
Eine weitere Herausforderung ist die Suche nach den richtigen Personen für den Fertigungsteil des Geschäfts. Jones erklärt, dass es mit schrumpfender Branche schwieriger wird, die „Support-Akteure“ des Schuhmacherhandwerks zu finden, wie diejenigen, die Leisten herstellen, also Formen, auf denen Schuhe gebaut werden. „Es gibt nur noch einen Leistenhersteller in Großbritannien. Er befindet sich zufällig in Northampton“, erklärt er.
Jonathan und William Church sind Miteigentümer von Joseph Cheaney & Sons und Nachkommen einer Familie aus Northamptonshire, die seit fünf Generationen Schuhe herstellt und Church’s gründete. William Church sagt, die Belegschaft von Cheaney in ihrer Fabrik in Desborough habe eine „große Altersspannung von 18 Jahren bis zu über 70 Jahren“ und fügt hinzu, dass etwa 85 Prozent dieser Belegschaft innerhalb eines Radius von bis zu 5 km um das Gebäude herum leben. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass sie weitreichende familiäre Verbindungen zum Unternehmen haben. Ihre Mutter arbeitet hier. Ihr Vater, ihr Großvater“, sagt er. Die Hauptherausforderung in diesem Bereich sei jedoch die Erhöhung der National Insurance Contributions im vergangenen Jahr, eine Abgabe, die die Cousins statt als Steuer auf den Gewinn als „Steuer auf Beschäftigung“ bezeichnen.
Grenson wechselt den Besitzer und will mit Castore wachsen
Manchmal ist der beste Weg, um das Überleben zu sichern, der Verkauf. Im Juni verkaufte Little Grenson an Castore, eine britische Sportbekleidungsgruppe, die auch die Lizenz für die Marke Umbro in mehreren europäischen Märkten besitzt und Trikots für Fußballteams wie Everton in der English Premier League herstellt. „Es geht darum, es wachsen zu lassen, und Castore kann uns dabei helfen, unser Geschäft auf Arten zu erweitern, die wir als kleines unabhängiges Unternehmen nicht selbst tun könnten“, sagt Little.
„Wenn Sie an eine Zielgruppe von über 60 Jahren verkaufen, brauchen Sie ihnen nichts darüber zu sagen, dass es in Northampton gemacht wurde – sie wissen, was das bedeutet. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Geschichte an eine neue Generation zu verkaufen.“ Der Bericht stammt aus dem Umfeld des FT-Newsletters, den Roula Khalaf, Chefredakteurin der Financial Times, mit ihren favorisierten Geschichten bestückt.
Frühere aktien.news-Berichte ordneten das Handwerk in den Luxusmarkt ein
Bereits am 19.09.2026 berichtete aktien.news, dass Khalaf in ihrem wöchentlichen Newsletter eine kuratierte Auswahl exquisiter Accessoires und Kunstgegenstände vorstellte, die Mode, Kunst und Handwerk auf höchstem Niveau vereint – vom Wollmantel von Dolce & Gabbana bis zum feinen Taschentuch aus Baumwolle mit Scritto-Muster von Berluti. Bereits am 10.04.2026 berichtete aktien.news über eine Ausgabe des Newsletters, die sich ausschließlich sogenannten Ein-Produkt-Spezialisten widmete – Herstellern, die sich auf ein einziges Kernprodukt oder eine sehr enge Produktkategorie konzentrieren und darin Exzellenz anstreben; die Auswahl umfasste 16 Produkte aus den unterschiedlichsten Kategorien.
Bereits am 24.09.2026 berichtete aktien.news über einen Beitrag des FT-Newsletters „The AI Shift“, der einen ungewöhnlichen Blick zurück auf die englische Schuhherstellung des 19. Jahrhunderts warf, um Parallelen zwischen dem KI-Zeitalter und den Umwälzungen der Industriellen Revolution zu ziehen. Bereits am 30.05.2026 berichtete aktien.news, dass Khalaf in ihrem Newsletter eine persönlich kuratierte Auswahl von 16 Organisationsprodukten vorstellte, von Reise-Organizern über Schreibtisch-Accessoires bis hin zu Aufbewahrungslösungen für Zuhause und Büro.
Die Renaissance des Handwerks ist für deutsche Anleger kein direkter Investmentfall
Für deutsche Anleger ist die Geschichte vor allem ein Schlaglicht auf die Nischenökonomie des europäischen Luxushandwerks. Die genannten Unternehmen – Crockett & Jones, Bowhill & Elliott, Joseph Cheaney & Sons und Grenson – sind nicht börsennotiert und damit für Privatanleger nicht direkt investierbar. Ein börsennotierter Bezugspunkt im Quelltext ist lediglich Prada, das Church’s of Northampton 1999 übernahm, sowie Castore als Käufer von Grenson, ohne dass deren Börsenstatus im Bericht genannt wird.
Bemerkenswert ist die Beobachtung, dass ein Teil des Wachstums bei Crockett & Jones aus einer jüngeren Zielgruppe stammt und der Umsatz in einem Einzelhandelsgeschäft seit 2019 um mehr als 100 Prozent zulegte. Solche Angaben beziehen sich auf einzelne Händler und sind nicht mit Konzernkennzahlen gleichzusetzen. Anleger sollten daher zwischen der kulturellen Renaissance eines Handwerkssegments und belastbaren Investmentfällen unterscheiden.
Konkrete Termine nennt der Bericht nicht
Konkrete Termine oder Prognosen nennt der Bericht nicht. Die Erwartungen der Beteiligten richten sich auf die Rückkehr in die Büros, auf neue Generationen im Arbeitsmarkt und auf die wachsende Nachfrage nach langlebigen, reparierbaren Schuhen. Jones verweist auf die Rückmeldungen seiner japanischen Kontakte, die in die Kollektionen einfließen. Little sieht die Aufgabe darin, die Geschichte von „Made in Northampton“ an eine neue Generation zu verkaufen, nachdem Grenson an Castore verkauft wurde. Die Cousins Jonathan und William Church verweisen auf die gestiegenen National Insurance Contributions als zentrale Belastung für die Beschäftigung in der Fertigung.
Diese Fachbegriffe helfen beim Verständnis des Schuhmarkts
- Goodyear-Vulkanisierung: Ein Verfahren, bei dem die Sohle so mit dem Schuh verbunden wird, dass sie sich später reparieren oder ersetzen lässt.
- Derby: Ein Schuh mit offener Schnürung, der als weniger formell gilt und sich auch zu lässigerer Kleidung tragen lässt.
- Oxford: Ein formellerer Schuh mit geschlossener Schnürung, der eine schlankere Silhouette erzeugt.
- Leisten: Die Form, auf der ein Schuh gebaut wird und die seine Passform bestimmt.
- National Insurance Contributions: Eine britische Abgabe auf Erwerbseinkommen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer belastet.
