Ölpreis steigt auf 70 Dollar – Iran-Risiko treibt Brent-Futures
Militärische Spannungen im Persischen Golf lassen Rohölpreis auf höchsten Stand seit Januar klettern.

Der Brent-Ölpreis ist am Mittwoch um 4,4 Prozent auf 70,35 Dollar je Barrel gestiegen – der höchste Stand seit Ende Januar. Auslöser waren angekündigte Marineübungen von Iran und Russland im Golf von Oman und im nördlichen Indischen Ozean. Die Manöver finden nur wenige Tage nach Militärübungen der iranischen Revolutionsgarden in der strategisch wichtigen Straße von Hormus statt.
Die militärischen Aktivitäten überschatteten positive diplomatische Signale. Der iranische Außenminister Abbas Araqchi hatte zuvor erklärt, dass Teheran und Washington sich in Gesprächen über wichtige Leitprinzipien einig geworden seien. Dennoch reagierte der Markt nervös auf die Machtdemonstration in einer der wichtigsten Öl-Transportrouten der Welt.
In den vergangenen 14 Handelstagen schwankte der Brent-Preis ohne klare Richtung – sechsmal fiel er, achtmal stieg er. Marktbeobachter sprechen von einem schlagzeilengetriebenen Handel ohne fundamentale Orientierung. Die Volatilität spiegelt die Unsicherheit über die weitere Entwicklung im Nahen Osten wider.
Risikoprämie von bis zu 10 Dollar eingepreist
Experten schätzen die aktuelle Risikoprämie im Ölpreis auf 7 bis 10 Dollar je Barrel. Diese Aufschlag reflektiert das Risiko gescheiterter Verhandlungen zwischen Washington und Teheran sowie möglicher Militärschläge durch US-Präsident Donald Trump. Auch eine Beteiligung Israels an Angriffen auf den Iran wird nicht ausgeschlossen.
Allerdings ist die Prämie relativ moderat. Der Markt geht offenbar nicht davon aus, dass es zu tatsächlichen Unterbrechungen der Ölversorgung durch die Straße von Hormus kommt. Durch diese Meerenge werden täglich etwa 20 Prozent der weltweiten Rohölmengen transportiert. Historisch haben Konflikte im Nahen Osten selten zu anhaltenden Versorgungsengpässen geführt.
Die Marktlogik: Selbst bei militärischen Auseinandersetzungen liegt es im Interesse aller Beteiligten, dass das Öl weiter fließt. Diese Einschätzung basiert auf Erfahrungen vergangener Krisen in der Region, bei denen die Ölinfrastruktur weitgehend verschont blieb.
Zwei Szenarien dominieren die Erwartungen
Der Ölmarkt preist derzeit zwei Hauptszenarien ein. Im ersten Fall einigen sich Washington und Teheran auf ein begrenztes Abkommen. Dieses würde vermutlich die Überwachung des iranischen Atomprogramms im Austausch gegen eine teilweise Aufhebung von Sanktionen vorsehen. Ein solches Abkommen würde einen militärischen Konflikt vermeiden oder zumindest verschieben.
Das zweite Szenario sieht ein Scheitern der Verhandlungen vor, gefolgt von US-Militärschlägen gegen den Iran. Die Unsicherheit über Trumps tatsächliche Ziele ist hier größer. Dennoch geht der Markt davon aus, dass selbst bei militärischen Aktionen die Ölproduktion und -infrastruktur unversehrt blieben.
Ein drittes, nicht eingepreistes Szenario birgt das größte Risiko: Der Iran könnte sich zu umfassenden Angriffen auf die Ölinfrastruktur im gesamten Golf entschließen. Ziel wäre ein massiver Preisanstieg, der Trump innenpolitisch unter Druck setzen würde – insbesondere vor den anstehenden Zwischenwahlen.
Eskalationsrisiko höher als vom Markt angenommen
Die iranische Führung könnte kalkulieren, dass sie bei unvermeidlichen Militärschlägen besser der regionalen Ölproduktion maximalen Schaden zufügt, statt eine begrenzte Vergeltung hinzunehmen. Dieses Szenario bleibt zwar unwahrscheinlich, doch die Möglichkeit schwerer Eskalation und anhaltender Versorgungsunterbrechungen ist womöglich größer, als die aktuellen Ölpreise widerspiegeln.
Für Anleger bedeutet dies: Die moderate Risikoprämie könnte sich als zu niedrig erweisen, sollte sich die Lage im Persischen Golf weiter verschärfen. Eine Unterbrechung der Ölströme durch die Straße von Hormus würde den globalen Ölmarkt erheblich belasten und die Preise deutlich über das aktuelle Niveau treiben.
