Ohne „Bank of Mum and Dad": Junge Briten im finanziellen Überlebenskampf
Immer mehr junge Erwachsene sind auf elterliche Hilfe angewiesen – wer sie nicht hat, droht abzustürzen.

Mehr als 40 Prozent der 25-Jährigen in Großbritannien leben heute bei ihren Eltern. Das ergab eine Umfrage von BBC Your Voice in diesem Sommer. Viele von ihnen sind auf die sogenannte „Bank of Mum and Dad" angewiesen – die finanzielle Unterstützung durch die Eltern für Miete, Rechnungen und Lebenshaltungskosten. Doch was passiert mit denen, die dieses Sicherheitsnetz nicht haben? Citizens Advice berichtet von einer wachsenden Zahl junger Menschen ohne familiäre Hilfe, die Schwierigkeiten haben, alltägliche Grundbedürfnisse wie Miete und Lebensmittel zu bezahlen. Drei junge Frauen haben der BBC geschildert, wie sie ohne elterliche Unterstützung ums Überleben kämpfen.
Die Details
Eleanor Bell, 23, aus East Riding of Yorkshire, wurde mit zehn Jahren in die Obhut des Staates gegeben. Sie erwarb einen erstklassigen Abschluss (First-Class Degree) an der University of Central Lancashire, doch nach ihrem Abschluss vor zwei Jahren fand sie keine Arbeit. „Ich kenne viele Leute, die einen Job bekommen haben, weil ihre Mutter oder ihr Vater vorher dort gearbeitet hat", sagt sie. Derzeit lebt sie im Haus ihres Freundes außerhalb von Penistone in South Yorkshire. Die ländliche Lage erschwert die Jobsuche für jemanden ohne Führerschein zusätzlich. Offizielle Zahlen zeigen, dass 39 Prozent der ehemaligen Schutzbefohlenen im Alter von 19 bis 21 Jahren in England weder in Bildung, Beschäftigung noch in Ausbildung sind – verglichen mit rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung junger Menschen. „Ich möchte unabhängig sein, und wenn man dann an solche Hürden stößt, fühlt es sich an, wie gegen eine Wand zu laufen", erklärt Eleanor.
Sam Barrett, 24, aus Sunderland, kündigte ihren Vollzeitjob im Gastgewerbe, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Sie studiert nebenberuflich Gesundheits- und Sozialwesen, sagt jedoch, dass die Carer's Allowance (Pflegezulage) und Universal Credit ihre Hauptausgaben nicht decken. „Nicht viel kommt herein, man bekommt als Pflegekraft nur begrenzte Beträge. Ich kaufe keine Luxusgüter, ich unternehme selten etwas Lustiges", berichtet sie. Ihre Mutter hilft finanziell, wann immer sie kann, aber es ist nicht viel Geld da. „Ich hatte schon immer das Gefühl, es sei etwas unfair, aufzuwachsen und zu sehen, dass andere Menschen einen enormen Vorteil gegenüber mir hatten."
Ezgi Polat, 23, aus Cambridgeshire, verlor vor zwölf Monaten ihren Job. Ihre Familie war nicht in der Lage zu helfen, sodass sie schnell mit Miete und Rechnungen in Verzug geriet. „Meine Eltern hatten finanzielle Schwierigkeiten, genau wie ich, genau wie alle anderen", sagt sie. Ihr lokaler Busverkehr wurde eingestellt, was Fahrten zum Arbeitsamt erschwerte, woraufhin ihre Leistungen gekürzt wurden. Sie erhielt monatlich 360 Pfund an Universal Credit, bei einer Miete von 460 Pfund zuzüglich Strom-, Gas- und Nebenkosten sowie Gemeindesteuern und Lebenshaltungskosten. Ihre gesamten Schulden summierten sich auf etwa 4.000 Pfund. Nachdem sie sich an Citizens Advice gewandt hatte, wurden ihre Mietrückstände vor drei Monaten vom Rat erlassen. Sie zahlt nun 200 Pfund pro Monat in Raten an ihre Versorger zurück. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage von mehr als 5.500 Personen, die von Citizens Advice in Auftrag gegeben wurde, gaben 36 Prozent der Erwachsenen an, bei mindestens einer Rechnung im Verzug zu sein – bei den Zwanzigjährigen steigt diese Zahl auf 57 Prozent.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 26.02.2026 berichtete aktien.news, dass fast eine Million junger Menschen in Großbritannien in einer wirtschaftlichen Sackgasse stecken. Die Zahl der sogenannten NEETs – junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren, die weder erwerbstätig noch in Ausbildung oder Studium sind – stieg im letzten Quartal 2025 auf 957.000, den zweithöchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt. Die aktuellen Regierungsdaten bestätigen diesen Trend: Knapp eine Million junger Menschen sind derzeit nicht in Beschäftigung, Bildung oder Ausbildung.
Am 12.04.2026 zeigte eine Studie der Wells Fargo, dass etwa 64 Prozent der Eltern mit Kindern der Generation Z – junge Erwachsene zwischen 18 und 28 Jahren – ihren Nachwuchs weiterhin finanziell unterstützen. Mehr als die Hälfte dieser Eltern gab an, dass diese Unterstützung die eigenen Finanzen belastet. Am 19.09.2026 berichtete aktien.news zudem, dass viele junge Erwachsene trotz steigender Wohnkosten und hoher Lebenshaltungsausgaben frühzeitig in den Aktienmarkt investieren – oft mit finanzieller Unterstützung der Eltern.
Was das für Anleger bedeutet
Die wachsende Kluft zwischen jungen Menschen mit und ohne familiäre Unterstützung ist kein Randphänomen mehr, sondern ein strukturelles Problem. Luke Young, Leiter der Politikabteilung bei Citizens Advice, bringt es auf den Punkt: „Für junge Menschen wächst die Kluft zwischen denen, die finanzielle Unterstützung von Familien und anderen Netzwerken erhalten, und denen, die dies nicht tun. Junge Menschen, die dieses breitere Unterstützungsnetzwerk nicht haben, werden im Stich gelassen." Die steigende Zahl junger Erwachsener in finanziellen Schwierigkeiten hat direkte Auswirkungen auf den Konsum, die Sparquote und die Investitionsfähigkeit einer ganzen Generation. Für Anleger bedeutet dies, dass Branchen, die auf die Kaufkraft junger Verbraucher angewiesen sind – etwa Einzelhandel, Freizeit und Immobilien – unter Druck geraten könnten. Gleichzeitig könnten staatliche Hilfsprogramme und Sozialausgaben steigen, was wiederum Staatshaushalte belastet.
Ausblick
Ein Regierungssprecher kündigte an: „Wir sind entschlossen, Hoffnung zurückzubringen und jungen Menschen in jedem Postleitzahlengebiet Chancen zu bieten. Deshalb investieren wir 2,5 Milliarden Pfund, um jungen Menschen Möglichkeiten zu schaffen, durch mehr Lehrstellen, Jobzuschüsse und Schulungen zu verdienen oder zu lernen." Zudem soll der Renters' Rights Act Mietern mehr Rechte und Schutz vor übermäßigen Mieterhöhungen geben. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um die wachsende Schere zwischen jungen Menschen mit und ohne familiäre Unterstützung zu schließen, bleibt abzuwarten. Die neuesten Regierungsdaten zeigen, dass knapp eine Million junger Menschen derzeit nicht in Beschäftigung, Bildung oder Ausbildung sind – eine Zahl, die trotz aller Ankündigungen weiterhin auf einem besorgniserregend hohen Niveau verharrt.
Kurz erklärt
- Bank of Mum and Dad: Umgangssprachliche Bezeichnung für die finanzielle Unterstützung, die junge Erwachsene von ihren Eltern erhalten, etwa für Miete, Lebenshaltungskosten oder größere Anschaffungen.
- NEETs: Abkürzung für „Not in Education, Employment or Training" – junge Menschen, die weder arbeiten noch zur Schule gehen oder eine Ausbildung absolvieren.
- Universal Credit: Eine staatliche Sozialleistung in Großbritannien, die verschiedene frühere Leistungen zusammenfasst und einkommensabhängig gezahlt wird.
