Nscale-Chef beruhigt Mitarbeiter vor US-Börsengang: KI-Nachfrage bleibt unersättlich
Josh Payne versichert der Belegschaft, die Nachfrage nach KI-Rechenleistung sei unersättlich, und verweist auf mehr als 14 Milliarden US-Dollar gesicherte Aufträge.

Der Gründer und Chief Executive des britischen Rechenzentrumsbetreibers Nscale, Josh Payne, hat seine Belegschaft angesichts wachsender Sorgen über die Nachhaltigkeit des KI-Booms zu beruhigen versucht. In einer internen Mitteilung, die der Financial Times vorliegt, betonte er am Dienstag, die Nachfrage nach den Diensten des Unternehmens sei weiterhin „unersättlich“. Zugleich räumte Payne ein, ihm sei bewusst, dass „derzeit viel Besorgnis darüber besteht, wie Unternehmen in unserem Sektor ihr künftiges Wachstum finanzieren“.
Payne verwies in dem Schreiben auf „mehr als 14 Milliarden US-Dollar an vertraglich gesicherten Umsätzen“. „Unsere Projekte werden durch langfristige Kundenverträge unterstützt, denen eine robuste Kapitalstruktur zugrunde liegt“, schrieb der Nscale-Chef. Die Mitteilung fällt in eine Phase ausgeprägter Nervosität an den Märkten: Weit verbreitete Investorensorgen um die finanzielle Stabilität des KI-Sektors hatten in der vergangenen Woche zu Kursverlusten von nahezu 25 Prozent bei „Neocloud“-Aktien geführt – darunter die Nscale-Wettbewerber CoreWeave und Nebius.
Die Details
Nscale hat im vergangenen Monat Unterlagen für einen Börsengang in New York eingereicht. Drei mit der Angelegenheit vertraute Personen zufolge hält das Unternehmen trotz der Marktsorgen an dem Plan fest, bis Ende dieses Jahres notiert zu sein. Zwei dieser Personen gaben an, Nscale strebe weiterhin eine Bewertung im Bereich von 14 Milliarden US-Dollar an. Der Aufsichtsrat des Unternehmens umfasst ehemalige Meta-Führungskräfte wie Sir Nick Clegg und Sheryl Sandberg.
Die australische Rechenzentrumsgruppe Firmus hat im laufenden Monat einen milliardenschweren Börsengang in Sydney aufgegeben und dies auf „die jüngste Marktvolatilität“ zurückgeführt, die zu einem weiteren Rückgang KI-bezogener Aktien beigetragen hat. Die Marktschwankungen sowie die Entscheidung von Microsoft, einen Vertrag zur Anmietung von Kapazitäten im Londoner Osten (East London) bei Nscale zu kündigen, hatten einige Branchenakteure zu der Spekulation veranlasst, das britische Unternehmen könnte seine Bewertung für den Börsengang senken müssen.
In einer Finanzierungsrunde im März sammelte Nscale 2 Milliarden US-Dollar ein und wurde dabei mit 14,6 Milliarden US-Dollar bewertet. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte jedoch, ein IPO zu einer Bewertung in der Nähe dieses Betrags sei unwahrscheinlich. Payne schrieb in der Mitteilung, auf dem Markt werde es immer „Bullen und Bären“ geben, das Unternehmen liefere aber weiterhin „für seine Kunden“ ab, und fügte hinzu: „Die Zahlen sprechen für sich selbst.“
Für das erste Halbjahr 2026 meldete Nscale einen Nettoverlust von 1 Milliarde US-Dollar bei einem Umsatz von 141 Millionen US-Dollar. Trotz des Ausstiegs aus dem Vertrag für den Standort Loughton bleibe Microsoft „engagiert“ in seiner Partnerschaft mit Nscale, betonte Payne. Zu den zwei größten Kunden des Unternehmens zählen Microsoft und Anthropic.
Nscale steht unter zunehmendem Druck, seine geplanten Rechenzentren in Betrieb zu nehmen, oder riskiert branchenübliche Strafen bei verspäteter Lieferung. Ende August belief sich der gesamte vertraglich gesicherte Wert bei Nscale auf mehr als 14 Milliarden US-Dollar, wobei nur 2 Milliarden US-Dollar davon aktiv waren. Die Zerbrechlichkeit der Verträge des Unternehmens ist nach dem Ausstieg von Microsoft am Standort Loughton stärker in den Blick geraten. Anthropic könnte sich zudem von seinem 45-Milliarden-US-Dollar-Deal mit Nscale lösen, wenn die Gruppe die Finanzierungs- oder Liefertermine für ihr großes Projekt in West Virginia nicht einhält. Das britische Start-up führt zudem Gespräche mit Anthropic über ein zweites milliardenschweres Geschäft in West Virginia; die Konditionen sind noch nicht vereinbart, wie die FT diese Woche berichtete.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 09.03.2026 berichtete aktien.news, dass Nscale eine Serie-C-Finanzierungsrunde abgeschlossen hat und dabei mit 14,6 Milliarden US-Dollar bewertet wurde. Angeführt wurde die Runde vom norwegischen Industriekonzern Aker und 8090 Industries; zu den weiteren Investoren zählten Nvidia, Citadel, Dell und Jane Street. Insgesamt flossen 2 Milliarden US-Dollar in das erst 2024 gegründete Unternehmen, das eigene Rechenzentren, Grafikprozessoren und Software-Stacks betreibt. Zu den Kunden gehörten bereits Schwergewichte wie Microsoft und OpenAI.
Am 19.09.2026 meldete aktien.news einen Umsatzsprung von 1.252 Prozent auf 140,6 Millionen US-Dollar in den sechs Monaten bis zum 30. Juni; im Vorjahreszeitraum hatte Nscale 10,4 Millionen US-Dollar umgesetzt. Der Nettoverlust fiel im Berichtszeitraum mit 1,02 Milliarden US-Dollar deutlich höher aus als die 368,9 Millionen US-Dollar im Vorjahr. Ebenfalls am 19.09.2026 berichtete aktien.news, dass Nscale offiziell den Börsengang an der New York Stock Exchange eingeleitet hat und eine Bewertung von bis zu 35 Milliarden US-Dollar anstrebt. Das Unternehmen war 2024 aus der Bitcoin-Mining-Gruppe Arkon Energy hervorgegangen.
Was das für Anleger bedeutet
Die Mitteilung des Nscale-Chefs zeigt, wie stark die Stimmung im KI-Sektor inzwischen von der Frage nach der Finanzierung des Wachstums getrieben wird. Nscale verweist auf langfristige Kundenverträge und eine robuste Kapitalstruktur – doch die Zahlen aus dem Quelltext machen die Ambivalenz deutlich: Dem vertraglich gesicherten Wert von mehr als 14 Milliarden US-Dollar stand Ende August ein aktives Volumen von nur 2 Milliarden US-Dollar gegenüber. Ein erheblicher Teil des Auftragsbestands ist also noch nicht in Umsatz übergegangen.
Hinzu kommt eine ausgeprägte Kundenkonzentration. Mit Microsoft und Anthropic hängt Nscale an zwei Großkunden, deren Verträge nicht unkündbar sind: Microsoft hat den Mietvertrag für den Standort Loughton beendet, und Anthropic könnte sich unter Bedingungen von seinem 45-Milliarden-US-Dollar-Deal lösen. Für Anleger bedeutet das, dass die im Börsenprospekt ausgewiesene Wachstumsstory stark von der Einhaltung von Finanzierungs- und Lieferterminen abhängt.
Die Bewertungsfrage bleibt offen. Der Quelltext nennt für die März-Runde 14,6 Milliarden US-Dollar, während ein früherer Bericht von aktien.news für den Börsengang eine Zielbewertung von bis zu 35 Milliarden US-Dollar nannte. Zugleich heißt es, ein IPO nahe der 14,6-Milliarden-Marke sei unwahrscheinlich. Diese Spanne illustriert, wie unsicher die Preisbildung in einem Umfeld ist, in dem vergleichbare „Neocloud“-Aktien binnen einer Woche nahezu 25 Prozent verloren haben. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Nscale plant nach Angaben von drei mit der Angelegenheit vertrauten Personen weiterhin, bis Ende dieses Jahres an der Börse notiert zu sein. Offen ist, zu welcher Bewertung der Schritt erfolgt. Zusätzlich führt das Unternehmen Gespräche mit Anthropic über ein zweites milliardenschweres Geschäft in West Virginia; die Konditionen sind noch nicht vereinbart. Entscheidend für die weitere Entwicklung dürften die Finanzierungs- und Liefertermine des West-Virginia-Projekts sein, an die der bestehende 45-Milliarden-US-Dollar-Deal geknüpft ist. Als warnendes Beispiel gilt die australische Gruppe Firmus, die ihren Börsengang in Sydney wegen der jüngsten Marktvolatilität abgesagt hat.
Kurz erklärt
- Neocloud: Bezeichnung für junge Anbieter, die gemietete Rechenleistung für KI-Anwendungen in eigenen Rechenzentren bereitstellen.
- Börsengang (IPO): Der erstmalige Verkauf von Aktien eines Unternehmens an einer Börse.
- Vertraglich gesicherter Umsatz: Auftragsvolumen, das Kunden vertraglich zugesagt haben, aber noch nicht abgerufen haben.
- Bewertung: Der rechnerische Marktwert eines Unternehmens, etwa auf Basis einer Finanzierungsrunde.
