Novartis meistert Patentkluft – doch die nächste Bedrohung naht bereits
Der Schweizer Pharmariese überzeugt im dritten Quartal, doch Analysten blicken bereits auf die nächsten auslaufenden Patente.

Novartis hat im dritten Quartal eine verbesserte Profitabilität gemeldet und damit den steilsten Patent-Cliff seiner Geschichte hinter sich gelassen. Der Schweizer Pharmakonzern verlor in diesem Jahr den Patentschutz für sein Blockbuster-Herzmedikament Entresto, konnte laut eigenen Angaben aber dennoch ein Umsatzwachstum vorweisen. Konzernchef Vas Narasimhan zeigte sich am Dienstag gegenüber dem US-Sender CNBC zuversichtlich und stellte mit Remibrutinib ein experimentelles Multiple-Sklerose-Medikament in den Mittelpunkt.
„Dieses Medikament könnte eines der größten in unserer Geschichte sein“, sagte Narasimhan gegenüber CNBC. Novartis unterstützt Remibrutinib mit dem Ziel, einen jährlichen Umsatzpeak von mehr als 4 Milliarden US-Dollar zu erreichen. Für den Gesamtumsatz des Wirkstoffs, einschließlich Indikationen jenseits der rezidivierenden MS, hat der Konzern sogar einen Wert von über 8 Milliarden Dollar prognostiziert.
Doch die Euphorie wird von Analysten gedämpft. Die britische Investmentbank Barclays senkte ihre Prognose für den Umsatzpeak des Medikaments, nachdem detaillierte Ergebnisse aus zwei klinischen Studien der späten Phase gezeigt hatten, dass Remibrutinib Rückfälle bei MS-Patienten weniger stark reduzierte als von Analysten erwartet. Zwar erreichten die Studien ihren primären Endpunkt, schnitten aber schlechter ab als angenommen. Dies unterstreicht eine Herausforderung für Novartis, während sich das Unternehmen auf die Darstellung seiner langfristigen Wachstumsstrategie Mitte November vorbereitet.
Die Details
Im Zentrum der aktuellen Diskussion steht die Wirksamkeit von Remibrutinib bei der rezidivierenden Multiplen Sklerose. Amit Bar-Or, Spezialist für Multiple Sklerose an der University of Pennsylvania, sagte gegenüber CNBC, dass Remibrutinib zwar ein vielversprechendes Sicherheitsprofil aufzuweisen scheine, aber wahrscheinlich nicht so wirksam sei, um rezidivierende MS zu kontrollieren, wie hochwirksame Antikörper wie Novartis' eigenes Kesimpta. Die klinischen Ergebnisse für Remibrutinib bei rezidivierender MS ähneln laut Bar-Or denen des rivalisierenden BTK-Inhibitors Fenebrutinib von Roche, sind jedoch weniger wirksam bei der Verhinderung von Rückfällen als Anti-CD20-Behandlungen wie Kesimpta.
Bisherige Head-to-Head-Studien haben Remibrutinib weder mit Fenebrutinib noch mit Anti-CD20-Behandlungen verglichen, was direkte Vergleiche erschwert. Bar-Or zufolge könnte Remibrutinib dennoch ein attraktiver Wechsel für Patienten sein, die eine progressive MS entwickeln, während sie eine Anti-CD20-Therapie erhalten. Eine laufende klinische Studie, die untersucht, ob Remibrutinib progressive MS effektiv behandeln kann, soll voraussichtlich 2031 Ergebnisse liefern.
Ein potenzieller Vorteil von BTK-Inhibitoren besteht darin, dass sie Immunzellen regulieren, anstatt sie zu eliminieren, was sie langfristig sicherer machen könnte als einige bestehende MS-Behandlungen, sagte Bar-Or. Allerdings gebe es noch nicht genügend Langzeit-Sicherheitsdaten, um dies zu bestätigen, fügte er hinzu. Ein Sprecher von Novartis sagte gegenüber CNBC, dass das Unternehmen Remibrutinib primär als Chance zur Erweiterung seines MS-Portfolios sehe, anstatt den Umsatz von Kesimpta zu ersetzen. Das Unternehmen richtet sich an neu diagnostizierte Patienten, solche, die derzeit orale Behandlungen einnehmen, sowie an Patienten, die Anti-CD20-Therapien erhalten und möglicherweise für einen Wechsel infrage kommen. Novartis sieht ein Potenzial für einen jährlichen Umsatzpeak von über 6 Milliarden Dollar für Kesimpta sowie von über 4 Milliarden Dollar für Remibrutinib bei rezidivierender MS.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entwicklung ist Teil einer wechselvollen Geschichte für den Basler Konzern. Bereits am 4. Februar 2026 berichtete aktien.news, dass Novartis trotz seines größten Patentablaufs in der Unternehmensgeschichte für 2026 ein niedrig einstelliges Umsatzwachstum erwartet. Für das Geschäftsjahr 2025 meldete der Arzneimittelhersteller einen Nettoumsatz von 54,53 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg von 8 Prozent in konstanten Währungen gegenüber 50,32 Milliarden Dollar im Vorjahr. Das operative Kernergebnis kletterte um 14 Prozent auf 21,89 Milliarden Dollar.
Am selben Tag berichtete aktien.news zudem, dass Novartis für 2026 einen Rückgang des operativen Gewinns im niedrig einstelligen Prozentbereich erwartet. Hauptgrund ist die zunehmende Konkurrenz durch günstigere Generika-Versionen etablierter Medikamente, insbesondere beim Herzinsuffizienz-Medikament Entresto. Wachstumstreiber waren vor allem drei Schlüsselmedikamente: das Brustkrebsmittel Kisqali, das Multiple-Sklerose-Präparat Kesimpta und ein weiteres Präparat.
Am 8. September 2026 berichtete aktien.news über eine schmerzhafte Woche für Novartis: Gleich zwei vielversprechende Medikamentenkandidaten scheiterten innerhalb weniger Tage in klinischen Studien. Die Aktie brach am Dienstag um rund neun Prozent ein und steuerte auf den größten Tagesverlust seit 2020 zu. Rund 24 Milliarden Franken an Börsenwert wurden dabei vernichtet. Von drei großen Hoffnungsträgern in der Pipeline waren damit zwei gescheitert – lediglich das Multiple-Sklerose-Mittel Remibrutinib überzeugte in einer späten Studienphase.
Am 16. September 2026 folgte ein weiterer Bericht: Die Novartis-Aktie handelte weiterhin mit einem Aufschlag gegenüber den europäischen Pharma-Peer-Unternehmen, und die Analysten der Investmentbank Berenberg senkten das Kursziel deutlich. Der Pharmariese hatte in kurzer Abfolge die Ergebnisse mehrerer hoch erwarteter klinischer Studien der späten Phase veröffentlicht, wobei eine Studie ihre gesetzten Ziele erzielte, während zwei andere die Erwartungen verfehlten.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die zentrale Botschaft, dass Novartis zwar den unmittelbaren Patent-Cliff rund um Entresto hinter sich gelassen hat, der Markt aber bereits auf die nächste Herausforderung blickt. Barclays-Analysten sagten am Mittwoch, dass der Markt bereits auf das nächste Patent-Cliff schaue, da Bestseller wie Kisqali und Kesimpta etwa um 2032 auslaufen würden. Das sei „die größere Frage des Marktes“, so die Analysten, und sie wiesen darauf hin, dass allein die Ausläufe von Kisqali und Kesimpta einen Umsatzpeak von 18 Milliarden Dollar darstellen.
Jay Lee, Analyst bei Morningstar, sagte gegenüber CNBC, dass die Prognose von Novartis für einen Umsatzpeak von über 4 Milliarden Dollar für Remibrutinib bei MS „im Bereich des Möglichen“ liege, aber nicht „risikobereinigt“ sei. Lee fügte hinzu, dass dies davon abhängen würde, wie Remibrutinib im Vergleich zum rivalisierenden Fenebrutinib von Roche abschneidet, wie die Verhandlungen über Arzneimittelpreise verlaufen, ob potenzielle Toleranzvorteile dazu führen, dass Patienten länger auf die Behandlung bleiben, und ob klinische Studien einen Wechsel von Patienten von bestehenden MS-Behandlungen unterstützen.
„Auf kurze Sicht erwarte ich, dass der größte Markt für Remibrutinib der orale Wechselmarkt sein wird, also Patienten, die eine generische orale Behandlung einnehmen und wechseln müssen, insbesondere aus Gründen der Verträglichkeit“, sagte Lee. Derzeit konzentrieren sich Anleger auf die RESHAPE-Studie, die Patienten im Alter von 40 bis 70 Jahren einschließt, die Roches Anti-CD20-Antikörper Ocrevus einnehmen, und deren Ergebnisse voraussichtlich 2028 vorliegen werden. Während dies Remibrutinib ermöglichen könnte, Marktanteile von CD20-Medikamenten wie Ocrevus und Kesimpta zu übernehmen, „könnte es sich immer noch zugunsten von Novartis auswirken, wenn dies bedeutet, dass sie insgesamt Marktanteile bei RMS-Patienten von Roche gewinnen, das derzeit den Markt anführt“, sagte Lee. Novartis schätzt, dass etwa 75 Prozent der für einen Wechsel qualifizierten Patienten unter CD20-Medikamenten nicht unter Kesimpta stehen.
Ausblick
Neben der MS-Indikation verfolgt Novartis weitere Anwendungen für Remibrutinib. Das Medikament ist bereits zur Behandlung bestimmter Formen chronischer Nesselsucht zugelassen. Eine klinische Studie der späten Phase, die es zur Behandlung der chronisch entzündlichen Hautkrankheit Hidradenitis suppurativa (HS) testet, soll vor dem 19. November Ergebnisse liefern. Barclays schätzt ein Potenzial für einen jährlichen Umsatzpeak von 2 Milliarden Dollar bei HS, weist dem Medikament jedoch nur eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 50 Prozent zu, wobei auf ein ungewöhnliches Dosis-Wirkungs-Muster in mittleren Studien und eine Historie von Misserfolgen in späten Studien bei HS verwiesen wird. Mitte November will Novartis zudem seine langfristige Wachstumsstrategie vorstellen.
Kurz erklärt
- BTK-Inhibitoren: Eine Wirkstoffklasse, die die Aktivität bestimmter Immunzellen reguliert, um Entzündungsreaktionen zu dämpfen.
- Monoklonaler Antikörper: Ein biotechnologisch hergestelltes Eiweiß, das gezielt an ein bestimmtes Zielmolekül im Körper bindet.
- Anti-CD20-Therapie: Eine Behandlungsform, bei der ein Antikörper an das CD20-Protein bindet und bestimmte Immunzellen abbaut.
- Rezidivierende MS: Eine Verlaufsform der Multiplen Sklerose, bei der Patienten immer wieder Schübe erleben.
- Progressive MS: Eine Verlaufsform der Multiplen Sklerose, bei der sich die Beschwerden über die Zeit allmählich verschlechtern.
