Metall-Tarifrunde startet: IG Metall fordert fünf Prozent mehr
Rund 3,7 Millionen Beschäftigte betroffen: IG Metall und Arbeitgeber ringen um Löhne und Standortsicherung.

In der Metall- und Elektroindustrie hat die Tarifrunde begonnen. IG Metall und die Arbeitgeber verhandeln über die Einkommen von rund 3,7 Millionen Beschäftigten – es ist das größte Flächentarifvertragssystem Deutschlands. Die Gewerkschaft fordert fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Beschlossen wurde die Forderung bereits Ende September.
Betroffen sind zentrale Industriezweige: Automobil, Maschinenbau, Elektrotechnik und die Rüstungsgüter. Die Verhandlungen finden vor dem Hintergrund internationaler Krisen und steigender Inflation statt. Die Tarifverträge laufen zum 31. Oktober aus.
Auftakt in Südwest und NRW
Den Auftakt machen die regionalen Runden in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Nach dem üblichen Verfahren verhandelt am Ende ein Pilotbezirk stellvertretend für alle – das Ergebnis wird anschließend auf die anderen Tarifgebiete übertragen. In der Vergangenheit kamen die entscheidenden Abschlüsse meist aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Bayern. Auch die zentralen Einheiten – Gesamtmetall in Berlin und der IG-Metall-Vorstand in Frankfurt – können in das Geschehen eingreifen.
Neben höheren Löhnen verlangt die Gewerkschaft eine Absicherung von Arbeitsplätzen und Standorten. Zusätzlich fordert sie eine Gewinnbeteiligung in sogenannten Boom-Unternehmen. Zur Begründung verweist die IG Metall auf einen guten Auftragsbestand: In zwei Dritteln der Unternehmen sei die Auftragslage gut oder sehr gut. Besonders stark laufen demnach Schiffe, Schienenfahrzeuge, Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt sowie die Rüstung.
Arbeitgeber sehen keinen Spielraum
Die Arbeitgeberseite weist die Forderung zurück. Gesamtmetall sieht keinen Verteilungsspielraum. Udo Dinglreiter, Präsident des Arbeitgeberverbands, macht die Position deutlich: "Wir haben in der kommenden Tarifrunde nicht den Luxus, über die Verteilung von Zuwächsen zu verhandeln. Jetzt muss es darum gehen, Kosten zu senken und den Standort zu retten."
Die Arbeitgeber verweisen auf Deindustrialisierung und Stellenabbau. Seit 2019 wurden in der Branche rund 350.000 Stellen gestrichen. Zudem betont Gesamtmetall, dass nur eine Minderheit der Beschäftigten in den boomenden Branchen arbeite – die Mehrheit der 3,7 Millionen sei in schlecht laufenden Betrieben tätig. Die Autoindustrie steckt wegen der China-Konkurrenz und Absatzproblemen in der Krise.
Ein weiterer Streitpunkt ist die Arbeitszeit. Mercedes-Benz verlangt eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Die 35-Stunden-Woche steht aus Sicht der Arbeitgeber nicht zur Diskussion. Volkswagen ist beim Flächentarif ausgeklammert und hat einen eigenen Haustarifvertrag; Audi, Mercedes-Benz und BMW fallen dagegen unter den Flächentarif.
Warnstreiks als Druckmittel
In der vorigen Runde hatte die IG Metall sieben Prozent gefordert und am Ende 5,1 Prozent über 25 Monate durchgesetzt – in zwei Stufen. Für die aktuelle Runde hat die Gewerkschaft ihre Fristen verkürzt. Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen, sagt: "Wir haben unsere Fristen auch für Eskalationsszenarien innerhalb der IG Metall deutlich verkürzt."
Warnstreiks sind in der Metall- und Elektroindustrie eher die Regel. Da die Verträge zum 31. Oktober auslaufen, sind sie danach sofort möglich – eine Friedenspflicht besteht dann nicht mehr. Unbefristete Streiks mit Urabstimmung gelten dagegen als eher unwahrscheinlich. Die IG Metall betont ihre volle Streikkasse, geht den letzten Schritt aber selten.
Für Anleger sind die Verhandlungen vor allem für die Automobil- und Zulieferwerte relevant. Höhere Lohnabschlüsse belasten die Margen der ohnehin kriselnden Autobranche, während boomende Segmente wie Rüstung und Medizintechnik mehr Spielraum hätten. Ein schneller Abschluss ohne Arbeitskampf würde die Unsicherheit an den Märkten reduzieren. Kommt es dagegen zu längeren Warnstreiks, könnten Produktionsausfälle die Quartalszahlen belasten. Der Pilotbezirk dürfte daher mit Spannung verfolgt werden – sein Ergebnis gibt die Richtung für die gesamte Branche vor.
