Lebenslauf: Soft Skills allein reichen nicht mehr, sagt ZipRecruiter-Expertin
Wer im Lebenslauf nur Kommunikation und Empathie auflistet, verfehlt laut Karriereexpertin Sam DeMase die Erwartungen der Arbeitgeber.

Wer im Lebenslauf lediglich Begriffe wie Kommunikation, Teamfähigkeit oder Empathie auflistet, verfehlt einer Karriereexpertin zufolge das Ziel. Sam DeMase von der Jobbörse ZipRecruiter sagt, viele Bewerberinnen und Bewerber nutzten ihren Lebenslauf, um zu zeigen, dass sie sich auf „grundlegende menschliche Fähigkeiten“ gestützt hätten – also auf Fähigkeiten wie Kommunikation, Zuhören oder Empathie, um mit anderen zusammenzuarbeiten. Genau das reiche Arbeitgebern derzeit nicht mehr: „Das ist für Arbeitgeber im Moment nicht genug“, sagt DeMase.
Stattdessen müssten Jobsuchende diejenigen Kompetenzen belegen, die sie als „fortgeschrittene“ soziale Fähigkeiten bezeichnet. Die drei wichtigsten menschlichen Fähigkeiten, die Arbeitgeber aktuell suchten, seien kritisches Denken, Urteilsvermögen und Entscheidungsfindung sowie Kreativität. DeMase beruft sich dabei auf den kürzlich erschienenen AI Employer Report von ZipRecruiter, für den im Juni mehr als 1.000 Personalverantwortliche befragt wurden. Diese drei Fähigkeiten seien insbesondere „Gegenpole zu den Schwachstellen der KI“, so die Expertin, die nach eigenen Angaben Tausenden von Menschen bei der Jobsuche geholfen hat.
Damit reiht sich die ZipRecruiter-Analyse in eine Entwicklung ein, die Unternehmensführer seit geraumer Zeit beschreiben: Künstliche Intelligenz führe zu einem Aufpreis für Arbeitnehmer mit starken zwischenmenschlichen Fähigkeiten. DeMase formuliert die Verschiebung so: „Während Arbeitgeber ihre Anforderungen an KI-Kenntnisse erhöhen, steigern sie auch ihre Anforderungen an menschliche Kompetenzen.“
Die Details
Entscheidend ist laut DeMase die Unterscheidung zwischen grundlegenden und fortgeschrittenen menschlichen Fähigkeiten. Zu den grundlegenden Soft Skills, die für Personalverantwortliche heute wenig Bedeutung hätten, zählt sie Schlüsselwörter wie Kommunikation, Zuhören, Zusammenarbeit und Empathie. Zu den fortgeschritteneren Fähigkeiten gehören dagegen Beziehungspflege, Konfliktlösung, menschenzentrierte Führung, Ethik sowie Urteilsvermögen, Entscheidungsfindung, kritisches Denken, Kreativität, Storytelling und inspirierende Führung.
Der Unterschied liegt in der Wirkung: Während eine grundlegende Fähigkeit benennt, wozu man in der Lage ist, zeigt eine fortgeschrittene Fähigkeit, wie man diese Kompetenz nutzt, um Menschen zu beeinflussen oder Aktionen voranzutreiben. Der beste Weg, diese fortgeschrittenen Fähigkeiten zu demonstrieren, führt laut DeMase über die Aufzählungspunkte der beruflichen Erfahrungen im Lebenslauf.
DeMase schlägt dafür eine klare Formel vor: Nennen Sie die fortgeschrittene menschliche Fähigkeit, die Sie angewendet haben, den Umfang der Arbeit, in der Sie sie eingesetzt haben, und das Ergebnis, das für Ihr Team oder Ihr Unternehmen Auswirkungen hatte. Um beispielsweise Urteils- und Entscheidungsfähigkeiten zu zeigen, könnten Bewerber einen Aufzählungspunkt formulieren, der erklärt, dass sie die Ergebnisse der KI mithilfe eines fundierten Urteilsvermögens und ethischer Richtlinien bewerten, um zu entscheiden, welche Lösungen für ein bestimmtes Projekt verwendet werden sollen – was zu einem schnelleren und nahtloseren Prozess für das Team führte.
Eine weitere Möglichkeit betrifft den Aufbau von Beziehungen. DeMase nennt folgende Formulierung: „Durch den Einsatz fortgeschrittener Fähigkeiten zum Aufbau von Beziehungen habe ich authentische, langfristige Partnerschaften mit drei neuen Kunden geknüpft, was $120K an Umsatz generierte.“ Arbeitgeber wollen demnach nicht nur wissen, dass Bewerber über diese Fähigkeiten verfügen, sondern auch, dass sie wissen, wie sie diese in der Praxis mit anderen Menschen und KI-unterstützten Prozessen einsetzen, um Arbeitsabläufe zu verbessern. Es gebe „eine enorme Chance für Arbeitsplatzsuchende, Geschichten zu erzählen und Beispiele für ihre fortgeschrittenen menschlichen Fähigkeiten zu liefern“, sagt DeMase.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 25.06.2026 berichtete aktien.news, dass der Arbeitsmarkt des Jahres 2026 Jobsuchende und Politiker gleichermaßen vor neue Herausforderungen stellt und dabei zwei Entwicklungen in den Vordergrund rücken: die wachsende Bedeutung sozialer Kompetenzen im KI-Zeitalter und legislative Reformen, die historische Beschäftigungsbarrieren abbauen sollen. Beide Ansätze verfolgten dasselbe Ziel – die Maximierung des menschlichen Potenzials auf dem Arbeitsmarkt. Besonders junge Berufseinsteiger in den USA sähen sich einem intensiven Wettbewerb um eine begrenzte Anzahl offener Stellen gegenüber, hieß es damals.
Ebenfalls am 25.06.2026 meldete aktien.news, dass das Personalvermittlungsunternehmen Reed auf seiner Website einen drastischen Rückgang der Stellenangebote für Absolventen verzeichnet – von rund 180.000 vor drei oder vier Jahren auf nur noch 50.000. James Reed, Vorsitzender und CEO von Reed, beobachtet seit 30 Jahren, wie Arbeitgeber Entscheidungen treffen, und gab konkrete Ratschläge, wie Bewerber in diesem schwierigen Umfeld dennoch Aufmerksamkeit erregen können.
Schon am 20.04.2026 hatte aktien.news berichtet, dass zwischenmenschliche Fähigkeiten am Arbeitsplatz im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zunehmend an Bedeutung gewinnen und wer beruflich vorankommen möchte, mehr als Fachwissen braucht – nämlich die Fähigkeit, überzeugend zu kommunizieren. Am 06.02.2026 folgte der Hinweis auf eine Prognose der Unternehmensberatung McKinsey, wonach bis 2030 allein in Deutschland rund drei Millionen Jobwechsel notwendig werden. Die Personalexpertin Inga Dransfeld-Haase vom TÜV Nord betonte damals, entscheidend sei die richtige Kombination von Kompetenzen: Künstliche Intelligenz analysiere brillant Muster aus der Vergangenheit, scheitere jedoch an echten Innovationen und menschlichen Zwischentönen.
Was das für Anleger bedeutet
Die ZipRecruiter-Erhebung ist kein Börsenereignis im engeren Sinne, liefert aber einen Hinweis auf die Investitionslogik hinter dem KI-Boom. Wenn Unternehmen ihre Anforderungen an menschliche Kompetenzen parallel zu den KI-Kenntnissen erhöhen, verschiebt sich der Wertschöpfungsbeitrag innerhalb der Belegschaften. Für Privatanleger, die in Unternehmen mit hohem Personalkostenanteil investiert sind, ist das ein Argument, den Personalmix und die Weiterbildungsstrategie der Titel im Depot aufmerksamer zu verfolgen.
Zugleich deutet die von DeMase beschriebene Nachfrage nach kritisches Denken, Urteilsvermögen und Kreativität darauf hin, dass der KI-Einsatz in den Unternehmen nicht zu einer reinen Rationalisierungswelle führt, sondern die Aufgabenprofile verschiebt. Das ist relevant für die Bewertung von Dienstleistungs- und Softwareunternehmen, deren Margen stark von der Produktivität ihrer Belegschaft abhängen. Eine konkrete Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Der Quelltext nennt für die Zukunft keine konkreten Termine, Zahlen oder Unternehmenspläne. Festgehalten werden kann lediglich, dass ZipRecruiter den AI Employer Report veröffentlicht hat, der im Juni auf Basis von mehr als 1.000 befragten Personalverantwortlichen entstand, und dass die darin beschriebene Verschiebung hin zu fortgeschrittenen menschlichen Fähigkeiten laut DeMase weiter anhält. Aus dem Archivauszug vom 06.02.2026 stammt ferner die Erwartung von McKinsey, dass bis 2030 allein in Deutschland rund drei Millionen Jobwechsel notwendig werden.
Kurz erklärt
- Soft Skills: zwischenmenschliche Kompetenzen, die das Zusammenzuarbeiten mit anderen Menschen betreffen
- Fortgeschrittene menschliche Fähigkeiten: Kompetenzen, die zeigen, wie eine Fähigkeit eingesetzt wird, um Menschen zu beeinflussen oder Aktionen voranzutreiben
- AI Employer Report: eine von ZipRecruiter veröffentlichte Befragung von Personalverantwortlichen zur Rolle von KI in der Personalarbeit
- Storytelling: die Fähigkeit, berufliche Erfahrungen als nachvollziehbare Geschichte mit Ergebnis zu erzählen
