Kritische Mineralien: Technologie und Politik treiben die Nachfrage
Dr. Nils Backeberg von Project Blue erklärt auf einer Konferenz in Kapstadt, warum kritische Mineralien strategisch an Bedeutung gewinnen.

Kritische Mineralien sind in den vergangenen Jahren zu einem strategischen Schlüsselthema der Weltwirtschaft geworden. Technologische Entwicklungen und globale politische Rivalitäten treiben diese Entwicklung voran. Das betonte Dr. Nils Backeberg, Gründer und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Project Blue, auf der 2026er Konferenz der Southern African Geophysical Association in Kapstadt.
Backeberg, in Südafrika geboren und im Vereinigten Königreich ansässig, spezialisiert sich mit Project Blue auf Marktversorgungs- und Nachfrage- sowie Intelligenzforschung. In seinem Vortrag erläuterte er, wie sich die Weltordnung verschiebt und welche Folgen das für die Versorgung mit Rohstoffen hat. Die Kritikalität eines Minerals definiere sich, so Backeberg, durch drei Faktoren: Knappheit, Risiko und das Fehlen von Alternativen.
Der Experte beschrieb einen grundlegenden Wandel: Die Welt bewege sich vom Globalismus hin zu einer „interdependenten Fragmentierung“. Die Welt werde multipolar, die Stärke des US-Dollars sei weniger wichtig, während China an Bedeutung gewonnen habe.
Die Details
Backeberg unterteilte die globale Ordnung in mehrere Ebenen. Die globale Sicherheitsordnung sei weiterhin unipolar, da die USA nach wie vor die einzige dominante Militärmacht darstellten. Die globale Wirtschaftsordnung hingegen sei nunmehr multipolar. Daneben existiere eine globale digitale Ordnung, die zwar ebenfalls multipolar sei, sich jedoch nicht aus Staaten, sondern aus Unternehmen zusammensetze. Und es gebe die globale Ressourcenordnung, die per Definition multipolar sei – wobei China „diese Diskussion anführe“.
Als Schlüsselereignis dieser Prozesse benannte Backeberg die Covid-19-Pandemie. Sie habe einen enormen Schock dargestellt. Seitdem versuchten alle großen Volkswirtschaften, die Versorgung mit ihren Schlüsselinputs wie Metallen und Mineralien zu sichern.
Das Thema der kritischen Mineralien habe erstmals durch den Klimawandel breitere Aufmerksamkeit erlangt, bemerkte er. Viele davon seien für die Entwicklung moderner Technologien zur Bekämpfung des Klimawandels unerlässlich – obwohl sie bereits als wichtige Inputs für Konsumgüter wie Mobiltelefone und Laptops etabliert waren. Nun seien viele davon auch für fortschrittliche Luft- und Raumfahrttechnologien sowie Verteidigungstechnologien von entscheidender Bedeutung.
Aktuell trieben Technologien wie Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Elektrofahrzeuge, erneuerbare Energien und Energiespeicherung, Rechenzentren und künstliche Intelligenz die Nachfrage nach Mineralien voran. Das Problem dabei: Viele kritische Mineralien kommen in Lagerstätten mit geringem Gehalt vor und benötigen viel Verarbeitung, um nutzbar zu werden.
Die wirtschaftliche Tragfähigkeit solcher Betriebe hängt vom Zielfmarkt ab. Backeberg unterschied drei Fälle: einen rein kommerziellen Markt, einen teilweise kommerziellen und teilweise subventionierten Markt oder eine nationale Regierung, die einen unwirtschaftlichen Betrieb aus Gründen der nationalen Sicherheit subventionieren will.
Ein zentraler Punkt seiner Analyse ist die Rolle Chinas. Das Land habe massiv in Raffinerien für Mineralien und Metalle investiert und verarbeite nun mehr als 50% aller weltweit geförderten Mineralien – einschließlich jener, die nicht in China selbst abgebaut würden. Dies sei, so seine Beobachtung, zu einem Anliegen westlicher Länder geworden.
China habe zudem stark in den Bergbau und die damit verbundene Infrastruktur insbesondere in Afrika investiert. Die USA und Europa täten dies nun ebenfalls. Dies stelle, betonte er, eine enorme Chance für Afrika dar.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Bedeutung Afrikas für die globale Rohstoffversorgung war in den vergangenen Monaten mehrfach Thema bei aktien.news. Bereits am 09.06.2026 berichtete aktien.news, dass ein starkes und lebendiges Explorationssystem für die Zukunft des Bergbausektors in Südafrika unverzichtbar sei. Das betonte Nevashnee Naicker, Senior VP Corporate Affairs South Africa bei Anglo American, auf der Junior Indaba in Johannesburg.
Am 10.06.2026 stand das Seltenerdprojekt Zandkopsdrift im rohstoffreichen Northern Cape am zweiten Tag der Junior Indaba im Mittelpunkt des Interesses. James Kenny, CEO und Mitbegründer von Frontier Rare Earths, erklärte, Zandkopsdrift sei weltweit der kostengünstigste Produzent von Magnet-Seltenen Erden und Mangansulfat in Batteriequalität.
Am 18.07.2026 berichtete aktien.news über die vierte Sitzung der binationalen Kommission zwischen Südafrika und Namibia am 17. Juli. Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa unterstrich dort gemeinsam mit der namibischen Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah die Bedeutung einer vertieften bilateralen Zusammenarbeit bei Exploration, Infrastrukturentwicklung, Kompetenzaufbau und Investitionsförderung.
Am 03.10.2026 berichtete aktien.news, dass Forschung, Innovation und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie entscheidend sind, wenn Afrika mehr Wert aus seinen kritischen Mineralrohstoffen schöpfen will. Das betonte Margreth Tadie, außerplanmäßige Professorin für chemische Verfahrenstechnik an der Universität Stellenbosch und Inhaberin des Lehrstuhls für geometallurgische Forschung von African Rainbow Minerals (ARM), in ihrer Keynote auf der Mintek-Sci-2026-Konferenz in Johannesburg.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Analyse vor allem ein Signal, die Rohstoffversorgungskette genauer zu betrachten. Die Nachfrage nach kritischen Mineralien wird laut Backeberg von einer breiten Palette von Technologien getragen – von Elektrofahrzeugen über erneuerbare Energien und Energiespeicherung bis hin zu Rechenzentren und künstlicher Intelligenz. Diese Nachfrage trifft auf Lagerstätten mit geringem Gehalt, die eine aufwendige Verarbeitung erfordern.
Entscheidend ist die Frage, wer diese Verarbeitung bezahlt. Backebergs Unterscheidung zwischen rein kommerziellen, teilweise subventionierten und staatlich aus Sicherheitsgründen gestützten Märkten zeigt, dass die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines Projekts stark vom politischen Umfeld abhängt. China kontrolliert mit mehr als 50% der weltweiten Verarbeitung einen zentralen Engpass – ein Umstand, der westliche Regierungen auf den Plan gerufen hat.
Afrika rückt in diesem Zusammenhang in den Fokus. Der Kontinent pflegt laut Backeberg gute Beziehungen zu allen wichtigen globalen Volkswirtschaften. Er könne zu einer Art schweizerischem Modell im kontinentalen Maßstab werden – freundlich zu allen, aber keiner Seite zugehörig. Für Anleger bedeutet das: Projekte in Afrika könnten von der wachsenden Konkurrenz zwischen China, den USA und Europa um Rohstoffzugang profitieren.
Ausblick
Backeberg erwartet, dass die USA und Europa ihre Investitionen in Bergbau und Infrastruktur in Afrika ausweiten – als Antwort auf Chinas langjähriges Engagement. Project Blue selbst ist in dieser Region präsent: Das Unternehmen hat seinen Sitz im Vereinigten Königreich, verfügt aber über ein großes Büro in Südafrika in Stellenbosch sowie ein kleineres Büro in China.
Die Konferenz der Southern African Geophysical Association in Kapstadt bot den Rahmen für diese Einordnung. Weitere konkrete Termine oder Prognosen nannte Backeberg in dem berichteten Vortrag nicht.
Kurz erklärt
- Kritische Mineralien: Rohstoffe, die für moderne Technologien unverzichtbar sind und deren Versorgung als riskant gilt.
- Raffinerie: Anlage, in der geförderte Mineralien und Metalle zu nutzbaren Produkten weiterverarbeitet werden.
- Multipolare Ordnung: Weltordnung, in der mehrere Machtzentren statt einer einzigen Führungsmacht das Geschehen bestimmen.
