Knot, de Cos, Nagel: Das Rennen um die EZB-Nachfolge von Lagarde
Frankreich könnte Knot unterstützen, wenn ein Franzose Chefvolkswirt wird.

Die Nachfolge von EZB-Präsidentin Christine Lagarde rückt in den Fokus der europäischen Geldpolitik. Obwohl Lagardes Amtszeit erst im Oktober 2027 endet, halten sich seit dem größten Teil dieses Jahres Gerüchte über einen vorzeitigen Rücktritt. Nun zeichnen sich die wichtigsten Kandidaten für das Amt ab.
Frankreich könnte dem Vernehmen nach den ehemaligen niederländischen Zentralbankchef Klaas Knot unterstützen – im Rahmen eines möglichen Kompromisses, bei dem ein französischer Kandidat für den Posten des Chefvolkswirts ausgewählt würde, wie mit der Angelegenheit vertraute Quellen gegenüber Reuters mitteilten.
Klaas Knot: Vom Kritiker zum Teamplayer
Der 59-jährige Geldökonom Knot hat von 2011 bis 2025 zwei volle Amtszeiten als Leiter der niederländischen Zentralbank absolviert. Seine 14 Jahre im geldpolitischen Lenkungsausschuss der EZB lassen sich in zwei deutlich unterschiedliche Perioden unterteilen: zunehmende offene Feindseligkeit gegenüber den Stimulus-Maßnahmen von EZB-Präsident Mario Draghi und perfekte Harmonie mit Christine Lagarde, die Draghi 2019 ablöste.
Als pragmatischer geldpolitischer Falke trat Knot in eine Zeit der Umbrüche ein, als die Eurozone einer Serie finanzieller und Schuldenkrisen ausgesetzt war. Ursprünglich äußerte er Vorbehalte gegen Draghis „Whatever it takes“-Zusage zur Rettung des Euro, änderte jedoch seine Meinung – anders als sein deutscher Kollege – und bezeichnete dies später als einen entscheidenden Moment.
In den folgenden Jahren geriet er jedoch offen mit Draghi aneinander, als die EZB massive Stimulus-Maßnahmen entfesselte. Die Kritik blieb zunächst auf private Gespräche beschränkt, wurde aber Ende 2019 vollständig öffentlich, als Draghi trotz der Opposition eines Drittels der Entscheidungsträger ein neues Stimulusprogramm durchsetzte – ein beispielloser Bruch für ein kollegiales Gremium, das normalerweise einstimmig entscheidet. Unter Lagarde kehrte Knot in den Kreis der Mehrheit zurück, auch wenn er bereits früh für eine restriktivere Politik als Reaktion auf den historischen Inflationsanstieg von 2022 plädierte. Von 2021 an diente Knot zudem als Vorsitzender des Financial Stability Board.
Pablo Hernández de Cos: Der moderate Falke aus Spanien
Der 55-jährige de Cos leitet seit 2025 die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die globale Dachorganisation der Zentralbanken. Zuvor bekleidete er eine sechsjährige Amtszeit als Gouverneur der Bank of Spain von 2018 bis 2024 – eine turbulente Periode, die mit ultraniedriger Inflation begann, gefolgt von der Pandemie und einem historischen Zyklus von Zinserhöhungen.
De Cos war zudem Chefvolkswirt der Bank of Spain und unternahm den seltenen Schritt vom wissenschaftlichen Personal in eine politische Entscheidungsrolle. Kollegen beschreiben ihn als pragmatischen Ökonomen, der stets eine Fülle von Beweisen und Daten vorlegt, Dogmen meidet und als Teamplayer bekannt ist. Anfang dieses Jahres, als einige der weltweit führenden Zentralbanker Jerome Powell offen gegen politischen Druck unterstützten, soll de Cos als wichtiger Koordinator fungiert haben. Internationales Profil erwarb er sich zudem als Vorsitzender des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht.
Joachim Nagel: Der Kurswechsel der Bundesbank
Der 60-jährige Nagel, seit 2022 Präsident der Bundesbank, hat die Beziehung Deutschlands zur EZB grundlegend verändert. Während sein Vorgänger Jens Weidmann jahrelang in offenem Konflikt mit der EZB von Mario Draghi stand, hat Nagel die Rhetorik gedämpft und sich wieder in den Kreis eingegliedert, auch wenn er weiterhin ein moderater Falke bleibt.
Kollegen sagen, Nagel drücke seine roten Linien klar aus, könne aber bei anderen Fragen Kompromisse eingehen. Es sei nicht bekannt, dass er während seiner Amtszeit eine wichtige geldpolitische Entscheidung abgelehnt habe – eine deutliche Abkehr von der Feindseligkeit seiner Vorgänger. Er hat zudem die Schaffung des Europäischen Einlagensicherungssystems unterstützt, ein Projekt, das Berlin lange ablehnte. Nagel hat die Unabhängigkeit der EZB vehement verteidigt und kürzlich argumentiert, dass einige Vorschläge der rechtsextremen AfD-Partei kontraproduktiv seien und Investoren abschrecken könnten. Als Mitglied der SPD bekleidete Nagel zuvor führende Positionen bei der BIZ und der KfW-Gruppe.
Nadia Calviño: Die Außenseiterin
Calviño, Präsidentin der Europäischen Investitionsbank, hat ihr öffentliches Interesse an der EZB-Stelle nie geäußert, doch ihr Name taucht gelegentlich in privaten Gesprächen auf. Die 57-jährige ehemalige spanische Kabinettsministerin ist bekannt als gute Rednerin und als rücksichtslose, effektive Managerin – eine Schlüsselqualifikation für die Leitung des 27-köpfigen Lenkungsausschusses. Obwohl Calviño keine Geldökonomin ist, hat Lagarde gezeigt, dass dies keine essentielle Eigenschaft ist. Ihr Geschlecht könnte ihr zudem zugutekommen, da es nur zwei Frauen im Rat gibt und beide voraussichtlich im nächsten Jahr ausscheiden werden.
