KI-Dominanz an den Märkten: Anleger suchen Schutz für ihre Portfolios
Fondsmanager suchen Strategien gegen die wachsende Abhängigkeit der Märkte vom KI-Boom – und warnen vor plötzlichen Stimmungsumschwüngen.

Anleger suchen verstärkt nach Wegen, ihre Portfolios gegen eine zu starke Konzentration auf künstliche Intelligenz (KI) abzusichern. Der Grund: Die Finanzmärkte und die US-Wirtschaft hängen zunehmend von der Gesundheit des boomenden KI-Sektors ab. Darüber berichtet die Financial Times (FT) in ihrem wöchentlichen Newsletter, in dem Herausgeberin Roula Khalaf ihre favorisierten Geschichten vorstellt.
Die US-Aktien- und Kreditmärkte haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker auf KI-bezogene Unternehmen ausgerichtet. Mehr als zwei Drittel der Unternehmen im Russell-1000-Index der großen US-Konzerne sind laut Forschungen von Citigroup direkt mit KI verbunden oder integrieren die Technologie zunehmend in ihre Geschäftsmodelle. Damit ist der Anlagehorizont breiter US-Portfolios faktisch zu einer Wette auf ein einziges Thema geworden.
Hinzu kommt der Kreditmarkt: Die „Hyperscaler“ aus dem Big-Tech-Sektor sowie die Unternehmen, die vom KI-Ausgabentrend profitieren, machen rund 16 Prozent des US-Marktes für erstklassige Anleihen aus. Nach Daten von JPMorgan bilden sie damit die größte Gruppe im Markt für Investment-Grade-Anleihen – nach massiven Kreditaufnahmen in den vergangenen Jahren.
Die Details
Die Dominanz von KI über Aktien- und Kreditmärkte hinweg stellt Fondsmanager vor eine wachsende Herausforderung. Sie geben an, nach Vermögenswerten und Strategien zu suchen, die nicht anfällig für plötzliche Stimmungswechsel in Bezug auf die Technologie sind. „Kunden überdenken die Art und Weise, wie sie diversifizieren müssen“, sagte Vincent Mortier, Chief Investment Officer bei Amundi.
Das KI-Thema sei „sehr mächtig“, merkte Mortier an. Ein unerwartetes Ereignis wie eine „starke Anpassung der Gewinnprognosen“ könnte jedoch dazu führen, dass es seine Richtung ändert. „Es ist nicht unmittelbar bevorstehend“, sagte er, „aber ich denke, es wird kommen.“
Ryan Marshall, globaler Leiter der Multi-Asset-Strategien und -Lösungen bei BlackRock, erklärte, die Nachfrage nach „Portfolios, in denen wir unabhängige, unkorrelierte Renditequellen einbringen“, sei „absolut groß“. Eine der Herausforderungen für Multi-Asset-Portfolios, mit denen man Breite und Diversifikation erreichen wolle, sei die Konzentration auf KI-bezogene Engagements. Marshall beschrieb eine zweite Ebene: „[Dann gibt es] noch einen zweiten konzentrischen Kreis von Zulieferern, der energiebezogen, infrastrukturbezogen oder supply-chain-bezogen sein könnte“, sagte er, während „wir derzeit auch diese allgemeine wirtschaftliche Wachstumskorrelation mit KI haben“.
Dieses Phänomen führe Anleger hin zu privaten Anlageklassen, Hedgefonds und anderen Marktbereichen mit niedrigeren Korrelationen. Im Hedgefonds-Bereich verwies Marshall auf „Manager, die nachweisen können, dass die Renditeströme, die sie generieren, unabhängig von oder unkorreliert mit den Risiken der breiten Schulden- und Aktienmärkte sind“, darunter solche mit globalen Makro- und Equity-Long-Short-Strategien.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Warnungen aus der Fondsbranche sind kein Einzelfall. Bereits am 12.06.2026 berichtete aktien.news, dass die Sorge unter Anlegern wächst, zu stark in US-Aktien investiert und zu sehr dem Boom der künstlichen Intelligenz ausgesetzt zu sein. In einem S&P-500-Indexfonds flossen damals 47 Prozent des investierten Kapitals in lediglich zwei Branchen: Technologie und Kommunikation; allein auf den Chipkonzern Nvidia entfielen fast 8 Prozent des gesamten Index. Als Ausweg empfahlen Experten einen Blick nach Europa.
Am 07.06.2026 meldete aktien.news, dass DoubleLine Capital und Oaktree Capital Management gezielt Schuldtitel kaufen, die einem potenziellen Kreditabschwung im Zuge des KI-Investitionsbooms standhalten können. Robert Cohen, Portfoliomanager bei DoubleLine, warnte auf dem Bloomberg Global Credit Forum vor einer Überhitzung des Marktes.
Nur zehn Tage später, am 17.06.2026, folgte eine weitere Warnung: Die Man Group sah in ihrem Ausblick für das zweite Halbjahr 2026 eine strukturelle Fehlbewertung von Risiken an den öffentlichen Kreditmärkten. „Kreditinvestoren an den öffentlichen Märkten im KI-Sektor sehen sich einer unangenehmen Asymmetrie gegenüber“, hieß es dort.
Und am 21.09.2026 berichtete aktien.news, dass zehn Aktien nun 38 Prozent des S&P 500 ausmachen – ein Rekordwert, der weit über dem Niveau der Dotcom-Blase liegt. Nvidia allein erreichte ein Gewicht von acht Prozent, das größte Einzelgewicht seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1981; zusammen mit Apple und <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft kamen die drei Schwergewichte auf rund 18 Prozent. Anders als im Jahr 2000 seien alle zehn größten Aktien mit einem einzigen Thema verbunden: der künstlichen Intelligenz.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Botschaft der Fondsmanager eindeutig: Diversifikation wird schwieriger, aber auch wichtiger. Daniel Gamba, Co-Präsident und Chief Commercial Officer bei Franklin Templeton, sagte, ausgewiesene Investmentteams bewerteten KI als Treiber der Renditen, ähnlich wie andere Faktoren wie Value, Momentum und Wachstum, um Portfolios „mit der geringsten Exposition gegenüber der Volatilität von KI“ aufzubauen. „Es gibt mehr systematische [Hedgefund-]Nachfrage“, fügte er hinzu. „Wir sehen das auch selbst; unser Geschäft mit systematischen Ansätzen wächst. Und es gibt mehr Nachfrage nach Faktor-Diversifizierung im Zusammenhang mit KI.“
Gamba zufolge bleiben die Experten positiv für US-Aktien, „obwohl wir weniger bullisch sind als zu Jahresbeginn, ganz sicher“. Man wolle sich „nicht nur auf die wenigen Unternehmen konzentrieren, die nahezu $1 Billion in KI-Infrastruktur investieren“, sondern „eindeutig nach diversifizierter Exposition suchen“. Franklin sei zudem positiv gegenüber Japan und einer Reihe von Schwellenländern eingestellt; im festen Zinsbereich prüfe man Anleihen mit kürzeren Laufzeiten und gehe „auf der langen Seite kein großes Zinsrisiko ein, außer wenn Anleger nach Einkommen suchen“.
Mortier ergänzte, Kunden erwögen „zunehmend Schwellenmärkte im Allgemeinen“ – darunter lokale Währungsaktien und -anleihen wie in Lateinamerika, Indien und China. Ein weiterer beliebter Weg sei, „zurück zu einigen fundamentalen Real Assets zu gehen“, wo „man etwas Greifbares hat“; Bergbau sei „ein interessanter Bereich“, während „Erneuerbare Energien ebenfalls eine Form der Diversifizierung darstellen“. Hedgefonds würden „zeitweise“ für Kunden attraktiver, doch „das Problem hier besteht darin, dass die Hedgefond-Gemeinde super diversifiziert ist“, so Mortier. Herausfordernd sei es, die richtigen Strategien und Manager zu finden, „die noch offen dafür sind, Kapital aufzunehmen“.
Ausblick
Gamba riet: „Seien Sie etwas defensiver.“ Zugleich betonte er, „wir nicht denken, dass etwas Unmittelbares einen großen Verkaufssturm auslösen wird“. Mortier griff unterdessen ein berüchtigtes Zitat des ehemaligen Citigroup-Chefs Chuck Prince gegenüber der FT aus dem Juli 2007 auf – kurz vor Beginn der globalen Finanzkrise. „Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Umgebung; die Musik spielt, und die Leute tanzen immer noch“, sagte Mortier. „Die Musik wird irgendwann aufhören zu spielen. Aber der Zeitpunkt ist so schwer vorherzusagen, weshalb Diversifikation mehr denn je notwendig ist.“
Kurz erklärt
- Diversifikation: Verteilung von Kapital auf verschiedene Anlageklassen, Regionen oder Strategien, um die Abhängigkeit von einzelnen Positionen zu verringern.
- Hyperscaler: Große Technologiekonzerne, die umfangreiche Rechenzentrums- und Cloud-Kapazitäten betreiben.
- Investment-Grade: Bewertungskategorie für Anleihen von Schuldnern mit vergleichsweise hoher Bonität.
- Hedgefonds: Aktiv verwaltete Fonds, die mit unterschiedlichen Strategien unabhängig von der allgemeinen Marktrichtung Renditen erzielen wollen.
