Kelly Ortberg wird neuer Boeing-Chef
Branchenveteran soll den kriselnden Flugzeugbauer aus der Misere führen

Der kriselnde US-Flugzeugbauer Boeing hat Kelly Ortberg als neuen Chef berufen. Ortberg, der bis zu seinem Ruhestand vor drei Jahren den Luftfahrt- und Rüstungszulieferer Rockwell Collins leitete, soll ab dem 8. August den angeschlagenen Konzern führen. Damit wird der bisherige Chef David Calhoun früher abgelöst als zunächst geplant. Calhoun wollte ursprünglich erst zum Jahresende zurücktreten. Ortberg übernimmt eine Firma, die seit den Abstürzen von zwei 737-Max-Flugzeugen mit fast 350 Toten vor mehr als fünf Jahren tief in der Krise steckt.
Zu den vielen Herausforderungen für Ortberg gehört nicht nur die Stabilisierung des Geschäfts mit Verkehrsflugzeugen, sondern auch die Neuausrichtung des Raumfahrt- und Rüstungsgeschäfts. Vor kurzem hatte eine Boeing 737 der Alaska Airlines nach dem Verlust eines Rumpfteils kurz nach dem Start auf den Ausgangsflughafen zurückkehren müssen, glücklicherweise ohne Verletzte. Die US-Flugaufsichtsbehörde FAA hat zudem Inspektionen in mehr als 2.600 Boeing-737-Maschinen angeordnet, um Probleme mit den Sauerstoffmasken zu überprüfen. Diese Serie von Vorfällen hat das Vertrauen in Boeing weiter erschüttert.
Ortberg, der als harter Verhandler und nahbarer Manager gilt, wurde von Analysten und Mitarbeitern gleichermaßen geschätzt. Die Analysten von Jefferies lobten seine Führungsqualitäten und betonten seine Beliebtheit bei den Mitarbeitern. An der Börse wurde seine Ernennung positiv aufgenommen, die Aktien von Boeing stiegen um 2,0 Prozent. Ortberg setzte sich gegen den Favoriten Patrick Shanahan durch, der Vorstandschef des Zulieferers Spirit AeroSystems ist. Spirit steht kurz vor einer Übernahme durch Boeing.
Die jüngsten Geschäftszahlen unterstreichen die enormen Aufgaben, die vor Ortberg liegen. Boeing lieferte im zweiten Quartal 92 Flugzeuge aus, ein Drittel weniger als im Vorjahr. Der Verlust des Unternehmens verzehnfachte sich auf rund 1,4 Milliarden Dollar, während der Umsatz um 15 Prozent auf umgerechnet 15,6 Milliarden Euro sank. Besonders das Raumfahrt- und Rüstungsgeschäft bereitet Sorgen, da die Sparte in den letzten beiden Jahren Milliardenverluste hinnehmen musste. Diese Verluste entstanden, weil Verträge zu Festpreisen abgeschlossen wurden und Kostensteigerungen bei Energie und Rohstoffen nicht an die Kunden weitergegeben werden konnten.
Die US-Luftfahrtaufsicht FAA hat ihre Vorgaben für Boeing weiter verschärft, sodass der Airbus-Rivale monatlich nur 38 737-MAX-Flugzeuge bauen darf. Unklar bleibt, wie lange diese Begrenzung bestehen wird. Zeitweise produzierte Boeing deutlich weniger Maschinen. Die anhaltende Reputationskrise und die finanziellen Schwierigkeiten zeigen, dass Ortberg vor einer Mammutaufgabe steht. Sein Ziel wird es sein, Boeing aus der Krise zu führen und das Vertrauen in den Konzern wiederherzustellen.
