Jack Lew: US-Sozialversicherung braucht dringend Reform nach 1983-Vorbild
Ex-Finanzminister Jack Lew warnt vor Leistungskürzungen und fordert Reformen nach Vorbild von 1983.

Die US-Sozialversicherung steht vor einer finanziellen Schieflage, die in den kommenden Jahren zu erheblichen Leistungskürzungen führen könnte. Der ehemalige US-Finanzminister Jack Lew hat die Gesetzgeber nun eindringlich aufgefordert, rechtzeitig mit der Reform des Systems zu beginnen – und sich dabei an einem historischen Vorbild zu orientieren.
In einem Interview bei CNBCs „The Exchange“ am Donnerstag erklärte Lew, dass die Sozialversicherung während der nächsten Präsidentschaft nicht mehr über ausreichende Einnahmen verfügen werde, um die Leistungen vollständig auszuzahlen. Zwar mag es dem Kongress derzeit unangenehm sein, sich mit den Problemen des Programms zu befassen, doch „es kann nicht mehr viele Jahre dauern“, so Lew, der heute als Professor an der School of International and Public Affairs der Columbia University lehrt.
Die drohende Finanzierungslücke
Die Sozialversicherung gewährt monatliche Leistungen an mehr als 75 Millionen Amerikaner, darunter Rentner und Menschen mit Behinderungen sowie deren Familienangehörige. Doch das Programm sieht sich einem massiven Finanzierungsproblem gegenüber. Der Treuhandfonds, auf den das Programm zur Begleichung der Rentenleistungen zurückgreift, könnte bereits im vierten Quartal 2032 erschöpft sein. Dann könnten nur noch 78 Prozent der Leistungen ausgezahlt werden, prognostizierten die Treuhänder der Sozialversicherung in einem im Juni veröffentlichten Jahresbericht.
In Kombination mit dem Treuhandfonds für Invalidenleistungen könnte das Programm volle Leistungen immerhin bis ins dritte Quartal 2034 zahlen – allerdings würden dann nur noch 83 Prozent der geplanten Leistungen ausgezahlt. Wichtig ist: Da weiterhin Lohnsteuerabzüge für das Programm eingenommen werden, würde die Sozialversicherung ihre Fähigkeit zur Leistungsauszahlung nicht gänzlich verlieren. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben wird jedoch immer größer.
Steigende Belastung durch die Babyboomer
Eine Rekordzahl von Amerikanern erreicht derzeit das Rentenalter, was die Nachfrage nach Sozialversicherungsleistungen in die Höhe treibt. Die Ausgaben für Sozialversicherung, Medicare und Medicaid stiegen in den ersten elf Monaten des Geschäftsjahres 2026 um sieben Prozent beziehungsweise 198 Milliarden Dollar, wie das Bipartisan Policy Center mitteilte. Die durchschnittlichen Sozialversicherungsleistungen und die Zahl der Leistungsbezieher stiegen ebenso wie die Medicare-Versichertenzahlen.
Die Gesamtausgaben für die ersten elf Monate des Geschäftsjahres 2026 lagen im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um vier Prozent beziehungsweise 235 Milliarden Dollar höher. Bis Ende August belief sich das kumulative Defizit für das Geschäftsjahr 2026 auf zwei Billionen Dollar, so die Washingtoner Denkfabrik.
Lew plädiert für bipartisanen Ansatz
Die Gesetzgeber sollten beginnen, über eine Reform der Sozialversicherung nachzudenken und darüber zu sprechen, sagte Lew während seines CNBC-Auftritts. Er verwies auf den bipartisanen Ansatz von 1983, als Präsident Ronald Reagan die letzte Reihe wesentlicher Reformen des Programms in Gesetz gegossen hatte. Diese Änderungen umfassten Steuern auf Leistungen und die Anhebung des Rentenalters.
Einige Gesetzgeber haben vorgeschlagen, in Aktien zu investieren, um das Defizit der Sozialversicherung zu beheben. Lew zeigte sich jedoch skeptisch: Er sei „kein großer Fan davon, dass die US-Regierung private Unternehmen besitzt“. Es gebe keine Garantie dafür, dass Investitionen in den Markt über einen bestimmten Zeitrahmen hinweg funktionieren würden.
Mögliche Stellschrauben für eine Reform
Stattdessen könnten die Gesetzgeber die Größe der Bemessungsgrundlage für Löhne prüfen und die Frage, ob die eingehenden Steuern ausreichen, um die Rechnungen zu begleichen, so Lew. Im Jahr 2026 unterliegen Löhne bis zu 184.500 Dollar den Sozialversicherungslohnsteuern. Eine Anhebung dieser Beitragsbemessungsgrenze oder eine Ausweitung der Steuerbasis könnten mögliche Lösungsansätze sein.
Die Zeit drängt: Je länger der Kongress zögert, desto drastischer müssten die Einschnitte ausfallen, um das System zu stabilisieren. Lews Appell richtet sich daher nicht nur an die aktuelle Regierung, sondern auch an die nächste Präsidentschaft, die mit den Folgen der Finanzierungslücke konfrontiert sein wird.
