IPO-Markt stockt: Warum immer mehr Börsengänge verschoben werden
Anthropic, OpenAI, Oura und SB Energy verschieben ihre Börsenpläne – Investmentbanken finden zu wenig Investoren zum Wunschpreis.

Der Markt für Börsengänge stockt. Immer mehr Unternehmen verschieben ihre Pläne für den Gang an die Börse – manche nur um Wochen, andere gleich um Monate. Der Grund ist nach Einschätzung von Marktbeobachtern vor allem ein Verteilungsproblem: Die begleitenden Investmentbanken finden zu wenige Investoren, die bereit sind, den gewünschten Emissionspreis zu bezahlen.
Besonders auffällig ist die Verschiebung bei den großen KI-Unternehmen. Anthropic hat seinen Börsengang auf das Jahresende verschoben, konkret auf den Zeitraum rund um November. Bei OpenAI wird ein IPO im laufenden Jahr nicht mehr erwartet. Damit fehlen dem Markt zwei der am sehnlichsten erwarteten Debüts.
Auch abseits der KI-Branche wird gebremst. Der Smartring-Hersteller Oura wartet mit seinem für die Nasdaq geplanten Börsengang über 2,2 Milliarden Dollar ab. SB Energy hat seinen ursprünglich für September vorgesehenen IPO um einen Monat nach hinten geschoben. Einzelne Verschiebungen mögen überschaubar wirken – in der Summe verändern sie das Bild eines Jahres, das lange nach Rekord aussah.
Von der Rauschstimmung zur Ernüchterung
Noch vor wenigen Monaten war die Stimmung an den US-Börsen eine andere. Vor dem Börsengang von SpaceX herrschte Rauschstimmung, Chipaktien waren stark gestiegen. SpaceX sammelte knapp 86 Milliarden Dollar ein. In dieser Phase spricht die Quelle von Goldgräberstimmung: Absurde Ankündigungen wurden abgenickt, Hauptsache, das Unternehmen hatte etwas mit dem großen Zukunftsthema zu tun.
Zwei Beispiele zeigen, wie heftig solche Effekte ausfallen können. Die Aktie von Allbirds schoss im April nach einer KI-Ankündigung um 580 Prozent nach oben – brauchte danach aber drei Monate, um auf das vorherige Niveau zurückzukommen. Cerebras legte Mitte Mai ein IPO hin, bei dem die Aktie am ersten Börsentag zeitweise um 100 Prozent zulegte, sich also zwischenzeitlich gegenüber dem Emissionspreis verdoppelte.
Das Muster wiederholt sich: IPO-Neulinge erzielen am ersten Handelstag durchschnittlich plus 19 Prozent. Danach aber nähert sich der Kurs in vielen Fällen wieder dem Emissionspreis an. Wer erst am ersten Tag einsteigt, kauft also häufig genau in der heißesten Phase eines Börsengangs.
Der Vergleich zum Vorjahr
Die Zahlen zum US-IPO-Markt bis Ende Juni lesen sich auf den ersten Blick stark: 208 Unternehmen gingen an die Börse und sammelten 137 Milliarden Dollar ein. Im Vorjahreszeitraum waren es 180 Unternehmen und 27 Milliarden Dollar. Ohne das SpaceX-IPO hätte das Volumen im ersten Halbjahr 2026 nach Angaben der Quelle fast doppelt so hoch gelegen wie im Vorjahr. Das laufende Jahr hätte damit das stärkste IPO-Jahr der Geschichte werden können.
Dass daraus nun nichts wird, hat nach Darstellung der Quelle zwei Gründe, die in unterschiedliche Richtungen deuten. Zum einen bremsen die Rahmenbedingungen: steigende Leitzinsen, hohe Anleiherenditen, teures Öl und die Sorge vor KI-Agenten drücken auf die Bewertungen. Zum anderen wollen viele Unternehmen weiterhin an die Börse – nur eben später. Es fehlt also nicht der Wille, sondern der passende Zeitpunkt.
Worauf Anleger jetzt achten sollten
Für Privatanleger bedeutet das vor allem eines: Geduld. Wer auf ein bestimmtes IPO spekuliert, sollte einplanen, dass sich der Zeitplan kurzfristig verschieben kann – wie bei SB Energy, wo aus September ein Monat später wurde.
Zweitens lohnt der Blick auf die Kursentwicklung nach dem ersten Handelstag. Ein Ersttagsplus von durchschnittlich 19 Prozent sagt wenig über die Zeit danach aus. Die Beispiele Allbirds und Cerebras zeigen, wie schnell die Anfangseuphorie verpuffen kann. Anleger, die ein Debüt begleiten wollen, sollten deshalb nicht allein auf den ersten Handelstag schauen.
Drittens spielen Sperrfristen eine Rolle. Großinvestoren und Angestellte dürfen ihre Aktien in der Regel 90 oder 180 Tage lang nicht verkaufen. Läuft eine solche Kurssperre aus, kann zusätzliches Angebot auf den Markt kommen und den Kurs belasten. Wer ein IPO verfolgt, sollte diesen Termin im Kalender haben.
Der Hintergrund dieser Einordnung stammt aus einem Beitrag des wöchentlichen Anlage-Newsletters BörsenWoche. Ergänzend verweist die Quelle auf einen Artikel der Kollegin Susanne Bickel zum Börsenprospekt von Anthropic.
