Institutionelles Kapital entdeckt die Cannabisbranche für sich
Warum reife Märkte, regulatorische Fortschritte und Milliardenumsätze nun traditionelle Großinvestoren in den Cannabissektor locken.

Die US-Cannabisbranche wartet seit Jahren auf den einen entscheidenden Katalysator aus Washington – eine Bankenreform, eine Neueinstufung, die Bundeslegalisierung oder steuerliche Entlastungen. Anthony Coniglio, Präsident und CEO des Real Estate Investment Trust NewLake Capital Partners und ehemaliger JPMorgan-Banker, argumentiert in einem Gastbeitrag für MJBizDaily, dass Branchen nicht auf diese Weise reifen. Kapital bewege sich dann, wenn eine Reihe von Risiken messbar, vertraut und steuerbar werde – und Cannabis beginne nun endlich, in diese Phase einzutreten.
Der Markt hat bereits eine Größenordnung erreicht, die institutionelle Aufmerksamkeit rechtfertigt. Nach dem ersten Umsatzrückgang im Jahresvergleich im Jahr 2025 auf unter 30 Milliarden US-Dollar prognostiziert Whitney Economics für 2026 legale Cannabisverkäufe in den USA von rund 30,5 Milliarden US-Dollar. Die Bundesstaaten verzeichneten 2025 Steuereinnahmen aus dem Freizeitkonsum von mehr als 4,57 Milliarden US-Dollar. Seit der Eröffnung der ersten Freizeitmärkte vor mehr als einem Jahrzehnt haben Cannabissteuern insgesamt 28,4 Milliarden US-Dollar in die öffentlichen Kassen gespült – und das unter finanziellen und regulatorischen Beschränkungen, die keinen anderen Sektor in vergleichbarer Weise fesseln.
Die Details
Auf Bundesebene kommt wieder Bewegung in die Cannabispolitik. Medizinisches Marihuana gilt inzwischen als Schedule-3-Drogenpräparat, und es besteht die Hoffnung, dass Präsident Donald Trump – der die Cannabisreform bereits mit einer Durchführungsverordnung im Dezember 2025 vorangetrieben hat – die Branche mit einer vollständigen Neueinstufung belohnen könnte. Für Anleger liegt die Bedeutung darin, dass die Bundesregierung aktiv an Fragen arbeitet, auf deren Klärung institutionelle Investoren, Banken, Depotbanken, Börsen und andere Marktteilnehmer seit Jahren gewartet haben.
Ein endgültiger Wechsel zu Schedule 3 würde eine der folgenreichsten Änderungen in der Cannabispolitik des Bundes seit Jahrzehnten darstellen – allerdings mit klaren Grenzen. Staatlich lizenzierte Cannabisunternehmen würden dadurch auf Bundesebene nicht legal. Die DEA hat unmissverständlich klargestellt, dass Marihuana auch unter Schedule 3 dem Controlled Substances Act und anderen Bundesanforderungen unterliegen würde. Dennoch würde eine Neueinstufung die finanzielle Lage der Branche grundlegend verbessern und die Lücke zu konventionellen Sektoren verringern.
In der Folge kommt es auf die Umsetzung an: Wie werden die Registrierungsanforderungen des Bundes angewendet? Wie interpretieren Finanzinstitute den neuen Rahmen? Ändern sich die Verwahrungsbeschränkungen? Wie gehen Börsen mit Cannabisunternehmen um, während sich das regulatorische Bild weiterentwickelt? Diese Entscheidungen könnten für den Fluss institutionellen Kapitals ebenso folgenreich sein wie die Neueinstufung selbst.
Die Branche bleibt uneinheitlich. Die FirstCitizens Bank – eine der 20 größten US-Banken mit einer Bilanzsumme von mehr als 225 Milliarden US-Dollar – schätzte den gesamten US-Cannabisumsatz für 2025 auf etwa 28,6 bis 29,6 Milliarden US-Dollar, belastet durch Preisdruck und Überangebot in gesättigten Märkten. Gleichzeitig entstehen neue Märkte: Cannabis-Einzelhändler in New York erzielten 2025 legale Rekordumsätze von 1,7 Milliarden US-Dollar, und die Verkäufe sind auf dem besten Weg, diesen Wert im laufenden Jahr zu übertreffen. Im nächsten Sommer startet Virginia den Einzelhandel für den Freizeitkonsum, mit jährlichen Umsatzschätzungen von rund 1 Milliarde US-Dollar. Reife Märkte wie Kalifornien hingegen geraten ins Straucheln.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 19. Juni 2026 berichtete aktien.news, dass die US-Cannabisindustrie erstmals seit ihrer Entstehung einen Umsatzrückgang im Jahresvergleich verzeichnete: Der nationale Cannabisumsatz sank 2025 auf 29,1 Milliarden US-Dollar, als Hauptursachen galten Preiskompression und anhaltende Überversorgung. Analysten sahen in einer möglichen Neueinstufung von Schedule I auf Schedule III dennoch einen potenziellen Wachstumskatalysator, da dies die Aufhebung von Section 280E des US-Steuergesetzes ermöglichen würde.
Am 1. Mai 2026 berichtete aktien.news über einen entscheidenden Wendepunkt: Der amtierende US-Generalstaatsanwalt Todd Blanche unterzeichnete die endgültige Anordnung, die staatlich lizenziertes medizinisches Cannabis in Schedule III einstuft. Der bundesweite Vorstoß zur Umstufung hatte bereits im Mai 2024 begonnen, war jedoch durch eine verschobene Zwischenbeschwerde über ein Jahr lang blockiert worden.
Am 30. Juni 2026 meldete aktien.news, dass die DEA am 29. Juni eine mit Spannung erwartete Verwaltungsanhörung abhielt, um die Neueinstufung von Cannabis zu prüfen – diesmal mit Blick auf den gesamten Markt einschließlich des Freizeitgebrauchs durch Erwachsene. Branchenexperten identifizierten diesen Moment als potenziellen Wendepunkt für neue Anlageparadigmen. Trotz des historischen regulatorischen Meilensteins blieben Cannabis-Aktien jedoch unter Druck: Wie aktien.news am 7. Mai 2026 berichtete, verzeichnete der New Cannabis Ventures Global Cannabis Stock Index (GCSI) seit Jahresbeginn ein Minus von 12,6 Prozent und blieb damit deutlich hinter dem S&P 500 zurück.
Was das für Anleger bedeutet
Coniglio, der 14 Jahre bei JPMorgan verbracht hat, beschreibt den typischen Prozess institutioneller Kapitalallokation: Ein Wertpapier muss zunächst für den Besitz zugelassen sein, Depotbanken müssen sich damit wohlfühlen, Anlageausschüsse müssen das Engagement genehmigen, Analysten benötigen ausreichende Informationen zur Bewertung, und Portfoliomanager prüfen Liquidität, Governance, finanzielle Performance, Risiko und Bewertung. Bei Cannabis werde es nicht anders sein.
Für deutsche Privatanleger, die den Sektor beobachten, bedeutet das: Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob institutionelle Investoren einsteigen, sondern welche Unternehmen vorbereitet sind, wenn sie es tun. Cannabis hat das Stadium überschritten, in dem Legalisierung allein Wachstum garantiert. Investoren müssen zunehmend zwischen guten und schlechten Märkten, starken und schwachen Betreibern sowie disziplinierten und überschuldeten Kapitalstrukturen unterscheiden. Institutionelle Investoren werden dieselben Fundamentaldaten bewerten wie in anderen Sektoren: Qualität der Anlagen, Mietverpflichtungen, finanzielle Stärke der Mieter, Kapitalzugang und Beständigkeit des Geschäftsmodells.
Ausblick
Im nächsten Sommer startet Virginia den Einzelhandel für den Freizeitkonsum von Cannabis, mit jährlichen Umsatzschätzungen von rund 1 Milliarde US-Dollar. Whitney Economics prognostiziert für 2026 legale Cannabisverkäufe in den USA von etwa 30,5 Milliarden US-Dollar. Die Hoffnung der Branche richtet sich auf eine vollständige Neueinstufung durch die Trump-Administration, die den Übergang von einem durch spezialisiertes Kapital finanzierten Sektor hin zu einem, der zunehmend am traditionellen Finanzsystem teilhaben kann, erheblich beschleunigen würde. Coniglio betont jedoch: Eine Neueinstufung auf Bundesebene sollte nicht als Ziellinie betrachtet werden, sondern als einer der bisher wichtigsten Schritte in einem längeren Übergang.
Kurz erklärt
- Schedule 3: Eine Einstufungskategorie des US-amerikanischen Controlled Substances Act, die für Substanzen mit anerkanntem medizinischen Nutzen und moderatem Missbrauchspotenzial gilt.
- Institutionelles Kapital: Gelder, die von professionellen Großanlegern wie Pensionsfonds, Versicherungen oder Investmentfonds verwaltet werden.
- Depotbank: Ein Finanzinstitut, das Wertpapiere und andere Vermögenswerte im Auftrag von Anlegern sicher verwahrt.
