Medizinisches Cannabis: 16 Prozent mehr verschreibende Kliniker in den USA
Fast 36.000 Gesundheitsfachkräfte empfahlen 2024 medizinisches Cannabis – ein Plus von 16 Prozent seit 2020. Was das für Betreiber bedeutet.

Die Zahl der Kliniker in den Vereinigten Staaten, die medizinisches Cannabis verschreiben dürfen, ist seit 2020 um 16 Prozent gestiegen. Das geht aus einer Studie hervor, die im Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht wurde. Demnach sprachen im Jahr 2024 fast 36.000 Gesundheitsfachkräfte Empfehlungen für medizinisches Cannabis aus. Für Betreiber in der Branche ist das ein wichtiger Indikator: Ein breiteres Netz verschreibungsberechtigter Ärzte und Pflegekräfte kann die Hürden für Patienten senken.
Eine zweite, ebenfalls im „Annals of Internal Medicine“ veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass im selben Jahr etwa 3,9 Millionen Patienten in medizinischen Cannabis-Programmen registriert waren. Das MJBiz Factbook 2026 nennt für die USA rund 3,7 Millionen registrierte Patienten für medizinisches Marihuana. Beide Größenordnungen zeigen einen Markt, der sich auf einem deutlich höheren Niveau eingependelt hat als noch vor wenigen Jahren.
Der Anstieg der zur Verschreibung befugten Kliniker könnte die Programme für medizinisches Marihuana für Patienten zugänglicher machen. Für Unternehmen des medizinischen Cannabis-Sektors bedeutet das potenziell eine breitere Kundenbasis. Ob daraus tatsächlich mehr registrierte Patienten werden, hängt allerdings stark von der Politik der einzelnen Bundesstaaten ab.
Die Details
Das Patientenwachstum verläuft je nach Bundesstaat sehr unterschiedlich. In Georgia wuchs das medizinische Cannabis-Register zwischen Ende Juni und Anfang August um mehr als 22 Prozent. Auslöser waren neue Vorschriften, die am 1. Juli in Kraft traten und die qualifizierenden Indikationen erweiterten. Patienten erhielten dadurch Zugang zu mehr Cannabis-Produkten.
In Minnesota gibt es mehr als 90.000 registrierte Patienten für medizinisches Cannabis. Diese Zahl hat sich seit 2023 mehr als verdoppelt. Hintergrund war, dass die Landesgesetzgebung Patientengebühren abschaffte und 2024 die qualifizierenden Indikationen erweiterte.
„Die Nutzung und Wirksamkeit von medizinischem Cannabis wird unter Gesundheitsfachkräften und ihren Patienten immer weiter akzeptiert“, sagte Paul Armentano, stellvertretender Direktor der National Organization for the Reform of Marijuana Laws (NORML). „Da immer mehr Ärzte, Pflegekräfte und andere medizinisches Cannabis in ihre klinische Praxis integrieren, ist es von entscheidender Bedeutung, dass ihre erforderlichen medizinischen Verbände, Institutionen und Lehrpläne Cannabis ebenfalls als eine etablierte und gängige therapeutische Option für Patienten aufnehmen und unterstützen.“
Ein wirtschaftliches Argument für den medizinischen Markt sind die Steuervorteile in einigen Bundesstaaten. Registrierte Patienten für medizinisches Marihuana können dort niedrigere Steuern zahlen als Kunden im Freizeitmarkt (Adult-Use). In Illinois unterliegt medizinisches Cannabis einer niedrigeren staatlichen Umsatzsteuer und ist nicht der bundesstaatlichen Verbrauchsteuer unterworfen, die Käufer von Cannabis zum Freizeitgebrauch tragen müssen. Das geht aus Angaben des Illinois Department of Revenue hervor.
Eine Neuklassifizierung auf Bundesebene könnte medizinischen Betreibern einen weiteren Vorteil verschaffen. Eine Anordnung des Justizministeriums vom April klassifizierte staatlich lizenziertes medizinisches Cannabis als Wirkstoff der Kategorie 3 (Schedule 3). Cannabis zum Freizeitgebrauch bleibt dagegen in Kategorie 1 eingestuft. Diese Unterscheidung bedeutet, dass qualifizierte Betreiber von medizinischem Marihuana nicht mehr unter Abschnitt 280E fallen. Diese Vorschrift verbietet Unternehmen, gewöhnliche Geschäftskosten abzuziehen, wenn sie Substanzen der Kategorie 1 oder 2 verkaufen. Das Finanzministerium hat jedoch noch keine Leitlinien herausgegeben, die klären, wie Betreiber diese Erleichterung in Anspruch nehmen sollen – einschließlich der Frage, wie sich Abschnitt 280E auf Unternehmen mit sowohl medizinischen als auch Freizeitgeschäften auswirkt.
Mehr verschreibungsberechtigte Kliniker führen allerdings nicht zwangsläufig zu mehr registrierten Patienten. Das Programm für medizinisches Marihuana in New Jersey etwa sank von 129.369 registrierten Patienten im Mai 2022 auf 46.881 bis Mitte Mai 2026. Grund war die Einführung des Verkaufs von Cannabis zum Freizeitgebrauch im April 2022. Auch die Programme in Colorado, Nevada und Oregon verzeichneten nach der Einführung des Freizeitverkaufs erhebliche Rückgänge bei den Einschreibungen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 30.09.2026 berichtete aktien.news, dass in den USA nach Angaben zweier neuer Studien des American College of Physicians nahezu 4 Millionen Patienten unter den geltenden Landesgesetzen für medizinisches Marihuana registriert sind. Zudem seien mindestens 35.000 Ärzte und Kliniker zur Empfehlung dieser Behandlung zugelassen und fast 110.000 Betreuer autorisiert, Patienten beim Anbau und Erwerb von Cannabisprodukten zu unterstützen. Die Zahl der registrierten Personen stieg demnach von rund 747.000 im Jahr 2016 auf etwa 3,9 Millionen im Jahr 2024.
Am 25.07.2026 meldete aktien.news, dass Georgias medizinisches Cannabis-Programm in wenigen Wochen die Marke von 40.000 registrierten Patienten überschritten hat. Seit Inkrafttreten der neuen Vorschriften am 1. Juli meldeten sich rund 4.700 neue Patienten an – ein Anstieg von fast 10 Prozent. Im März 2025 zählte das Programm lediglich 34.500 registrierte Patienten bei einer Gesamtbevölkerung von 11,3 Millionen Menschen.
Am 19.06.2026 berichtete aktien.news über den ersten Umsatzrückgang der US-Cannabisindustrie: Der nationale Cannabisumsatz sank 2025 auf 29,1 Milliarden US-Dollar. Als Hauptursachen gelten Preiskompression und eine anhaltende Überversorgung des Marktes. Analysten sehen in einer möglichen Neueinstufung von Cannabis auf Bundesebene von Schedule I auf Schedule III einen potenziellen Wachstumskatalysator.
Am 19.09.2026 berichtete aktien.news, dass Alabama seinen Widerstand gegen die bundesweite Neuklassifizierung von medizinischem Cannabis aufgegeben hat. Der Staatliche Ausschuss für öffentliche Gesundheit stimmte einstimmig dafür, die Opposition fallen zu lassen. Das US-Justizministerium hatte im April staatlich reguliertes medizinisches Marihuana von Kategorie 1 in Kategorie 3 verschoben; Präsident Donald Trump hatte den Schritt im Dezember per Exekutivbefehl eingeleitet.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in Cannabiswerte investieren, liefert die Entwicklung zwei gegenläufige Signale. Einerseits wächst die Zahl der verschreibungsberechtigten Kliniker, was die Zugänglichkeit medizinischer Programme erhöht und die Kundenbasis der Betreiber erweitern kann. Andererseits zeigen New Jersey, Colorado, Nevada und Oregon, dass die Legalisierung von Freizeitkonsum medizinische Programme regelrecht austrocknen kann.
Entscheidend ist deshalb die regulatorische Gemengelage in den einzelnen Bundesstaaten. Wo Indikationen erweitert und Gebühren abgeschafft werden – wie in Georgia und Minnesota –, wachsen die Register teils deutlich. Wo der Freizeitmarkt hinzukommt, kann der medizinische Markt dagegen schrumpfen.
Hinzu kommt die Steuerfrage. Die Einstufung von medizinischem Cannabis als Schedule 3 könnte Betreiber von Abschnitt 280E befreien und damit die Kostenstruktur verbessern. Solange das Finanzministerium aber keine Leitlinien veröffentlicht hat, bleibt unklar, wie Unternehmen mit gemischten Geschäften davon profitieren. Diese Unsicherheit ist ein Risikofaktor für die Bewertung entsprechender Aktien.
Ausblick
Der Quelltext nennt keine konkreten Termine für die ausstehenden Leitlinien des Finanzministeriums. Beobachter richten den Blick daher auf die weitere Umsetzung der Neuklassifizierung auf Bundesebene sowie auf die Politik der Einzelstaaten. In Georgia und Minnesota dürften die jüngsten Regeländerungen die Registrierungen weiter beeinflussen. Ob der Anstieg der verschreibungsberechtigten Kliniker tatsächlich in mehr Patienten mündet, wird sich erst mit den nächsten Daten zeigen.
Kurz erklärt
- Schedule 3 (Kategorie 3): Eine niedrigere Einstufung im US-Wirkstoffplan, die medizinisches Cannabis von den strengsten Auflagen löst.
- Abschnitt 280E: Eine US-Steuervorschrift, die Unternehmen den Abzug gewöhnlicher Betriebskosten verwehrt, wenn sie bestimmte Substanzen verkaufen.
- Adult-Use: Der Verkauf von Cannabis zum Freizeitgebrauch an Erwachsene, der in einigen Bundesstaaten neben dem medizinischen Markt besteht.
