Inflationsrückgang bleibt schleppend
Dienstleistungspreise und globale Lieferketten behindern weitere Fortschritte

Das Gegensteuern gegen die hohe Inflation ist laut der Bundesbank „vergleichsweise schmerzlos“ verlaufen, jedoch wird es nun zur Geduldsprobe. Seit Jahresbeginn 2024 gab es nur noch geringe Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung. Besonders der Preisauftrieb bei Dienstleistungen erweist sich als außerordentlich hartnäckig. Die Inflation sinkt derzeit nur noch langsam. Im Juni lag die Teuerungsrate in der Euro-Zone bei 2,5 Prozent, während sie vor einem Jahr noch über fünf Prozent und vor zwei Jahren mehr als zehn Prozent betrug. Es wird erwartet, dass die Inflation absehbar nicht vor Herbst 2025 auf das Ziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent zurückgeht.
In Fachkreisen wird dieses Phänomen als „letzte Meile“ bezeichnet. Klaas Knot, der Notenbankchef der Niederlande, bestätigte dies kürzlich in einem Interview und erklärte, dass es einige Ursachen für diesen schleppenden Rückgang gebe. Erkenntnisse der Bundesbank, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und von Geschäftsbanken stützen diese Einschätzung.
Die Wirtschaft hat die Zinserhöhungen unerwartet gut verkraftet. Selbst in Deutschland, das zuletzt die schlechteste Konjunkturentwicklung unter den großen Volkswirtschaften Europas aufwies, ist eine Rezession ausgeblieben. Die robuste Wirtschaft mindert den Druck auf Unternehmen und Arbeitnehmer, bei der Preis- und Lohngestaltung Zurückhaltung zu üben, so die Bundesbank. Besonders im Dienstleistungssektor verlangsamt sich die Inflation aufgrund einer steigenden Nachfrage und dem starken Einfluss der Löhne auf die Kosten.
Allerdings sind die Beschäftigten kaum produktiver geworden, was bedeutet, dass Unternehmen ihre Qualität oder Leistung nicht im gleichen Maße steigern können wie die Löhne steigen. Dies wäre jedoch notwendig, damit nicht nur die Kosten, sondern auch die Erträge der Unternehmen wachsen. Störungen in den globalen Lieferketten haben sich im Laufe des vergangenen Jahres weitgehend aufgelöst, und viele Rohstoffpreise sind gesunken. Die Bundesbank konstatiert jedoch, dass diese Entlastungen weitgehend ausgelaufen sind und zum weiteren Rückgang der Inflation keinen wesentlichen Beitrag mehr leisten. Geopolitische Risiken könnten die Inflation sogar wieder ansteigen lassen.
Zusätzlich kommt es zu neuen Verwerfungen auf den Weltmeeren. Laut Vincent Stamer von der Commerzbank steckte zuletzt jeder zwölfte Container auf See im Stau, was zu einer Verdopplung der Frachtraten seit dem Frühjahr führte. Besonders die Preise für Warenlieferungen aus China nach Europa sind stark gestiegen. Auch steigende Mieten können den weiteren Rückgang der Inflationsrate erschweren. In den USA ist dieses Phänomen stärker ausgeprägt als in der Euro-Zone, da die Mieten dort stärker den freien Marktkräften ausgesetzt sind. Ein Bericht der BIZ warnt, dass Wohnkosten kurzfristig steigen könnten, wenn Vermieter höhere Finanzierungskosten an die Mieter weitergeben, Bauträger das neue Angebot reduzieren oder mehr Haushalte sich für die Miete statt für den Kauf entscheiden.
Klaas Knot äußerte die Hoffnung, dass die „letzte Meile“ im Fall der EZB eher ein „letzter Kilometer“ sei und daher etwas kürzer. Die Bundesbank betont die Notwendigkeit, weitere Zinssenkungen sorgfältig anhand der aktuellen Datenlage abzuwägen.
