Ifo senkt Wohnungsbau-Prognose: 2027 und 2028 unter 200.000
Das Münchner Ifo-Institut korrigiert seine Erwartungen nach unten und rechnet für 2027 und 2028 mit jeweils 195.000 fertiggestellten Wohnungen.

Das Ifo-Institut hat seine Prognose für den deutschen Wohnungsbau deutlich nach unten geschraubt. Für die Jahre 2027 und 2028 rechnet das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut nun mit jeweils 195.000 fertiggestellten Wohnungen. Damit bleiben beide Jahre unter der Marke von 200.000 Einheiten – ein Niveau, das weit von dem entfernt ist, was Fachleute für notwendig halten.
Die Korrektur fällt spürbar aus. Im Februar hatte das Ifo-Institut für 2027 noch 205.000 Wohnungen und für 2028 sogar 215.000 Einheiten in Aussicht gestellt. Von diesen Annahmen ist die aktuelle Prognose nun ein gutes Stück entfernt. Die Erwartungen wurden also nicht nur leicht, sondern merklich nach unten angepasst.
Für das laufende Jahr 2026 erwartet das Institut 185.000 Fertigstellungen. Das ist ein 15-Jahres-Tief. Gegenüber 2025 bedeutet das einen Rückgang um 20.000 Wohnungen. Die Zahlen zeigen, wie tief die Krise im Wohnungsbau inzwischen reicht.
Die Details
Hinter der gesenkten Prognose stehen nach Einschätzung des Ifo-Instituts vor allem die weiter gestiegenen Baukosten. Als zusätzlicher Belastungsfaktor kommt der Iran-Krieg hinzu, der die Kosten zusätzlich in die Höhe treibt. Beide Entwicklungen zusammen drücken auf die Wirtschaftlichkeit vieler Bauvorhaben.
Ludwig Dorffmeister, Bauexperte am Ifo-Institut, benennt die Ursachen klar: "Wir haben einen Preisschock bei den Bauleistungen erlebt, einen Zinsschock bei der Baufinanzierung und zugleich ging die Bauförderung erheblich zurück." Diese drei Bremsen wirken seit 2022 zusammen und haben den Wohnungsbau in eine anhaltende Schwächephase gedrückt. Der Experte fasst die aktuelle Erwartung so zusammen: "Wir erwarten, dass auch 2027 und 2028 die Zahl der fertiggestellten Wohnungen jeweils 195.000 Einheiten erreichen wird."
Auch die Hoffnung auf schnellere Genehmigungen trägt nicht weit. Der Bund hatte im vorigen Jahr den sogenannten Bau-Turbo eingeführt, um Verfahren zu beschleunigen. Das Instrument wirkt zwar auf die Genehmigungsdauer, löst aber nicht das Finanzierungsproblem der Projekte. Genau darin sieht der GdW, der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, ein zentrales Hindernis.
Verbandspräsident Axel Gedaschko macht deutlich: "Er löst jedoch nicht das Problem, dass sich viele genehmigte Projekte zu bezahlbaren Mieten schlicht nicht finanzieren lassen." Der Bau-Turbo beschleunige zwar Verfahren, helfe aber nicht, wenn die Wirtschaftlichkeit fehle. Laut GdW verschlechtert sich zudem die Lage im sozialen Wohnungsbau. Nach Einschätzung von Gedaschko sinken dadurch die Chancen für Familien und junge Menschen auf bezahlbaren Wohnraum.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 22.05.2026 berichtete aktien.news, dass der deutsche Wohnungsbau 2025 einen historischen Negativrekord erreicht hatte. Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr lediglich 206.600 Wohnungen fertiggestellt – 45.400 oder 18 Prozent weniger als im letzten Ampeljahr 2024. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln bezifferte den jährlichen Bedarf bis 2030 auf mindestens 300.000 neue Wohneinheiten.
Am 26.01.2026 hieß es bei aktien.news, die Baubranche kämpfe seit Jahren mit massiven Rückgängen. 2024 wurden nur noch rund 250.000 Einheiten fertiggestellt. Dennoch gab es damals Hoffnungszeichen: Seit Mitte 2025 stieg die Zahl der Baugenehmigungen wieder an, und Klaus Wohlrabe vom Ifo-Institut sprach von einem "Silberstreif am Horizont".
Am 16.05.2026 berichtete aktien.news über einen empfindlichen Rückschlag: Das Geschäftsklima im Wohnungsbau stürzte laut einer Ifo-Umfrage im April von minus 19,3 auf minus 28,4 Punkte ab – der stärkste Einbruch seit April 2022. Als Auslöser nannte das Institut den Iran-Krieg.
Am 14.07.2026 meldete aktien.news, das Stimmungsbarometer sei weiter gesunken: Im Juni fiel das Geschäftsklima im Wohnungsbau auf minus 31,0 Punkte nach minus 29,5 Punkten im Mai. Wohlrabe sagte damals, der Wohnungsbau verharre in einer Phase der Unsicherheit, und viele Unternehmen sähen keine Anzeichen für eine nachhaltige Belebung.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist die gesenkte Prognose vor allem ein Signal, dass sich die Erholung im Wohnungsbau weiter verzögert. Wer in Immobilien- oder Bauwerte investiert, sollte die anhaltende Schwächephase einplanen. Die Nachfrage nach Wohnraum bleibt hoch, doch das Angebot wächst langsamer als nötig.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Genehmigungen und Fertigstellungen. Genehmigungen sind nur der erste Schritt; ob und wann tatsächlich gebaut wird, hängt an der Finanzierung. Solange Baukosten und Zinsen hoch bleiben und die Förderung knapp ist, dürften viele genehmigte Projekte in der Schublade bleiben.
Für Anleger bedeutet das: Die Kennzahlen der Branche sind mit Vorsicht zu lesen. Steigende Genehmigungszahlen allein sind noch kein Beleg für eine Trendwende. Entscheidend sind die Fertigstellungen und die Frage, ob Projekte tatsächlich wirtschaftlich darstellbar sind.
Auch der soziale Wohnungsbau bleibt ein Risikofaktor. Wenn sich bezahlbare Mietprojekte nicht finanzieren lassen, fehlt ein wichtiger Nachfragebaustein für die Bauwirtschaft. Das kann die Erholung zusätzlich bremsen und die Lücke zwischen Bedarf und Angebot weiter vergrößern.
Ausblick
Das Ifo-Institut erwartet für 2027 und 2028 jeweils 195.000 Fertigstellungen. Der Bedarf liegt laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bis 2030 bei rund 320.000 neuen Wohnungen jährlich. Die Lücke zwischen Bedarf und tatsächlicher Fertigstellung bleibt damit groß.
Ob sich die Lage schneller bessert, hängt an den drei Bremsen: Baukosten, Zinsen und Förderung. Solange diese Faktoren belasten, dürfte der Wohnungsbau unter seinen Möglichkeiten bleiben. Der Bau-Turbo allein wird die Lücke nicht schließen.
Kurz erklärt
- Fertigstellungen: Zahl der Wohnungen, die tatsächlich bezugsfertig gebaut wurden.
- Baugenehmigungen: Behördliche Erlaubnis für ein Bauvorhaben, noch kein Beleg für einen Baustart.
- Bau-Turbo: Vom Bund eingeführtes Instrument, um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen.
