Goldminen: Sprott sieht starke Gewinne, aber Bewertungen bleiben zurück
Sprott Asset Management sieht Goldproduzenten unterbewertet: Der NYSE Arca Gold Miners Index notiert 22 Prozent unter seinem langjährigen Durchschnitt.

Goldproduzenten erhalten von den Anlegern nicht die volle Anerkennung für ihre gestärkten Gewinne und die strengere Disziplin bei den Ausgaben. Das ist die zentrale These von Sprott Asset Management, die der in Toronto ansässige Investmentmanager in seinem vierteljährlichen Bericht vom 7. Oktober vertritt.
Der NYSE Arca Gold Miners Index notierte zum 30. September mit dem Faktor 5,7 im Verhältnis zu den erwarteten operativen Ergebnissen. Das liegt etwa 22% unter seinem langjährigen Durchschnitt von rund 7,3-fach in den vergangenen 20 Jahren. Gleichzeitig ist das vorwärtsgewichtete Maß für den Gewinn je Aktie auf mehr als das Vierfache des Niveaus am Ende des Jahres 2023 gestiegen.
„Wir sind der Ansicht, dass große Goldminenbetreiber eine disziplinierte Kapitalallokation und Profitabilität anstreben, was sich zumindest teilweise in ihren Bilanzen und steigenden Ausschüttungen an die Aktionäre widerspiegelt", sagte Kenny Zhu, Director of Research & Investment Strategy bei Sprott, in einer per E-Mail an The Northern Miner gesendeten Antwort. „Die Nettoverschuldung ist auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gefallen, selbst während die Kapitalrendite steigt und die Ausschüttungen an die Aktionäre zunehmen."
Diese Diskrepanz testet, ob es den Produzenten gelungen ist, die Ausgabegewohnheiten abzulegen, die die Aktionäre nach dem Gold-Boom von 2011 enttäuscht haben. Die verbesserte Finanzlage stützt Sprotts Argumentation, doch der Druck, erschöpfte Lagerstätten zu ersetzen, könnte zu höheren Bauausgaben und Akquisitionen führen und diese Disziplin möglicherweise auf die Probe stellen.
Die Details
Das vorwärtsgewichtete Enterprise-Value-zu-EBITDA-Multiplikator des Index lag Ende 2023 bei 6,59-fach, so Zhu. Diese Kennzahl vergleicht den Wert eines Unternehmens – einschließlich Schulden abzüglich Cash – mit den erwarteten Ergebnissen vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation.
Laut dem vierteljährlichen Bericht von Sprott ist das vorwärtsgewichtete Maß für den Gewinn je Aktie über einen Zeitraum von 12 Monaten zwischen Ende 2023 und dem 30. September um etwa das 4,4-Fache gestiegen. Diese Zahlen repräsentieren erwartete Ergebnisse und keine bereits erzielten Gewinne. Der Rabatt gegenüber dem langfristigen Durchschnitt allein begründet allerdings noch nicht, dass Minenbetreiber günstig bewertet sind – Sprotts These lautet, dass die Bewertungen die Ertragsprognosen, die nahe an historischen Höchstständen liegen, möglicherweise unterschätzen.
Anleger könnten stattdessen mit niedrigeren Goldpreisen rechnen, sagte Zhu. Höhere Kosten und operative Rückschläge könnten zudem die Margen der Minenbetreiber schmälern.
Trotz der verbesserten Finanzlage werden Goldproduzenten weiterhin übersehen, schrieb John Ing, Präsident des in Toronto ansässigen Investmentdealers Maison Placements Canada, in seinem September-Bericht mit dem Titel „Gold: An October Reckoning?". „Goldminenbetreiber sind zu Value Plays geworden", schrieb der erfahrene Goldanalyst. „Die meisten verfügen über solide Bilanzen, generieren Rekord-Cashflows und werden das Jahr mit Rekorddividendenzahlungen beenden."
Der neueste GoldPages-Bericht von BMO Capital Markets liefert Belege auf Unternehmensebene für diese verbesserte Finanzlage. Der von seinem Universum an Produzenten gehaltene Cash übertraf die Schulden um etwa $19,6 Milliarden (C$28 Milliarden), basierend auf den zuletzt gemeldeten quartalsweisen Bilanzen, die größtenteils aus dem Juni stammen.
Agnico Eagle Mines (TSX, NYSE: AEM) verfügte über etwa $3,3 Milliarden an netto Cash, während Barrick Mining (TSX: ABX; NYSE: B) über etwa $1,2 Milliarden verfügte, wie aus dem Bericht von BMO vom 12. Oktober hervorgeht. Netto-Cash bedeutet, dass das auf der Bilanz ausgewiesene Cash die kurz- und langfristigen Schulden übersteigt.
Ihre Bewertungen unterscheiden sich dennoch. Unter Verwendung der Rohstoffpreisprognosen von BMO und der Aktienkurse vom 9. Oktober handelte Agnico zum Faktor 7,3 der prognostizierten EBITDA für 2026, im Vergleich zu 3,5-fach für Barrick. Diese unternehmensspezifischen Schätzungen sind nicht direkt mit dem rollierenden 12-Monats-Indexmaß von Sprott vergleichbar. Sie veranschaulichen jedoch, wie unterschiedlich Anleger Produzenten innerhalb desselben Sektors bewerten.
Ing favorisiert die Wachstumsaussichten von Agnico und das Asset-Portfolio von Barrick, warnt aber davor, dass starke Finanzen die Notwendigkeit zur Auffüllung der Produktion nicht beseitigen. „Die Reserve-Erneuerung ist entscheidend, aber nur wenige Minenbetreiber waren dabei erfolgreich, was auf eine anhaltende M&A-Aktivität hindeutet", schrieb er.
BMOs Prognosen zeigen, dass die Wachstumsaussichten erheblich variieren. Die goldäquivalente Produktion von Agnico wird voraussichtlich im nächsten Jahr um etwa 3% auf 3,2 Millionen Unzen sinken, während die von Barrick voraussichtlich um etwa 13% auf 4,3 Millionen Unzen steigen wird. Diese Kennzahl schließt andere Metalle ein, die in äquivalente Goldunzen umgerechnet wurden.
Ing weist auch darauf hin, dass Produzenten Anteile an Explorationsgesellschaften übernehmen, um zukünftige Wachstumsoptionen aufzubauen. Die Investition von Agnico in Radisson, die im August angekündigt wurde, unterstützt die unterirdische Exploration am Goldprojekt O'Brien in Quebec. Das Gleichgewicht zwischen der Erneuerung von Reserven und der Vermeidung übermäßiger Ausgaben ist auch für John Hathaway, Managing Partner bei Sprott, ein Anliegen. Er forderte Produzenten in einem Interview mit The Northern Miner im vergangenen Monat auf, die Reserve-Erneuerung an erste Stelle zu setzen und eine Verwässerung der Aktionäre zu vermeiden.
Sprotts Investmentthese hängt auch davon ab, dass Gold die Unterstützung durch die Diversifizierung der Reserven und die Nachfrage der Zentralbanken behält. Ing hält ein vorläufiges Bullion-Ziel von $6.000 pro Unze aufrecht und verweist auf die US-Haushaltsdefizite sowie die geopolitische Unsicherheit. Die Nachfrage der Zentralbanken bleibt substanziell, aber ungleichmäßig: Die Nettoankäufe beliefen sich im ersten Halbjahr auf 345 Tonnen, das niedrigste Ergebnis für ein erstes Halbjahr seit 2022, trotz eines starken Aufschwungs im zweiten Quartal, teilte der World Gold Council in seinem Bericht vom Juli mit.
Für die Minenbetreiber stellt sich die Frage, ob die gestärkten Erträge und Bilanzen sowohl die Volatilität der Bullionpreise als auch die Investitionen zur Aufrechterhaltung der Produktion überstehen werden. Zhu argumentiert, dass die Beweise derzeit noch nicht auf eine breite Rückkehr zu übermäßigem Risikoverhalten hindeuten. „Obwohl die Bedingungen für risikoreiches Verhalten zurückkehren könnten, sind wir der Ansicht, dass Managementteams wahrscheinlich aggressives M&A betreiben, ihre Explorationsaktivitäten deutlich hochfahren und erhebliche Bewertungsprämien für Akquisitionen zahlen müssten", sagte er. „Im Allgemeinen deuten die Daten derzeit nicht darauf hin, dass dies geschehen ist."
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 26.09.2026 berichtete aktien.news über die These unterbewerteter Goldaktien. Damals präsentierte Jeff Clark von Paydirt Prospector beim September Metals Investor Forum in Vancouver seine Analyse: Die Förderunternehmen verzeichnen demnach einige der weitesten Gewinnmargen am gesamten Aktienmarkt und handeln gleichzeitig zu Bewertungen, die seit Jahrzehnten zu den niedrigsten gehören. Der Kontrast zum breiteren Markt sei frappierend, da der S&P 500 nahe historischer Höchststände notierte, während Goldproduzenten starke Cashflows erwirtschafteten.
Am 15.08.2026 berichtete aktien.news, dass der kanadische Goldproduzent G Mining Ventures (TSX: GMIN; US-OTC: GMINF) seine Kostenprognose für das laufende Jahr deutlich anhob. Grund dafür waren gestiegene Lohnkosten sowie höhere Lizenzgebühren, die die Betriebskosten um rund 12% in die Höhe trieben. Die gesamten Cash-Kosten sollten nun zwischen 836 US-Dollar (C$1.179) und 965 US-Dollar pro verkaufter Unze liegen, nach zuvor 736 bis 865 US-Dollar pro Unze. Die Aktie reagierte mit deutlichen Verlusten – ein Beispiel für genau jenes Kostenrisiko, das Sprott nun als Gegenargument zur eigenen Bewertungsthese nennt.
Am 05.10.2026 meldete aktien.news neue Bohrergebnisse von Osisko Gold Group Inc. (NYSE: OGG, TSXV: OGG) aus der Lowhee-Zone des Cariboo-Goldprojekts in Zentral-Britisch-Kolumbien. Der herausragendste Abschnitt stammte aus dem Bohrloch BMU-26-121 mit 7,28 Gramm pro Tonne Gold über 16,15 Meter bei rund 105 Metern vertikaler Tiefe. Solche Explorationserfolge sind der Hebel, mit dem Produzenten ihre Reserven erneuern – der Punkt, den Ing und Hathaway als entscheidend ansehen.
Ergänzend ist die Haltung von Sprott aus dem Juli dokumentiert: Am 21.07.2026 berichtete aktien.news, dass der Vermögensverwalter im Ausverkauf bei Uranminenaktien eine attraktive Kaufgelegenheit sah, weil steigende langfristige Preise, eine stärkere Kernenergiepolitik und ein begrenztes Angebot von den Anlegern weitgehend ignoriert würden. Der langfristige Uranpreis erreichte Ende Juni 94 US-Dollar (rund 132,34 kanadische Dollar) pro Pfund – der höchste Stand seit 18 Jahren.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die über Goldminenaktien oder entsprechende Fonds am Goldzyklus partizipieren wollen, beschreibt der Bericht eine ungewöhnliche Konstellation: operative Rekordwerte auf der einen, ein Bewertungsabschlag von rund 22% gegenüber dem 20-Jahres-Durchschnitt auf der anderen Seite. Sprott führt diesen Abschlag auf die Erwartung niedrigerer Goldpreise sowie auf mögliche Kosten- und Betriebsrisiken zurück – Risiken, die sich zuletzt etwa bei G Mining Ventures materialisiert haben.
Zugleich zeigt der Vergleich von Agnico Eagle und Barrick Mining, dass der Sektor kein homogener Block ist. Bei identischem Umfeld reicht die Bewertungsspanne von 3,5-fach bis 7,3-fach der für 2026 prognostizierten EBITDA. Wer in den Sektor investiert, kauft also nicht nur Gold, sondern auch sehr unterschiedliche Unternehmensprofile, Produktionspfade und Kapitalallokationsstrategien. Die genannten Multiplikatoren sind Momentaufnahmen auf Basis der Aktienkurse vom 9. Oktober und der Rohstoffpreisprognosen von BMO – sie sind keine Prognose künftiger Kurse.
Entscheidend bleibt die Frage, ob die Disziplin hält. Sprott selbst räumt ein, dass die Bewertungen die Ertragsprognosen nur dann unterschätzen, wenn die Erwartungen eintreffen. Die ausgewiesenen Gewinnkennzahlen sind ausdrücklich erwartete und keine bereits erzielten Ergebnisse.
Ausblick
BMO erwartet für das kommende Jahr eine rückläufige goldäquivalente Produktion bei Agnico Eagle von etwa 3% auf 3,2 Millionen Unzen und einen Anstieg bei Barrick Mining um etwa 13% auf 4,3 Millionen Unzen. Ing hält ein vorläufiges Bullion-Ziel von $6.000 pro Unze aufrecht und verweist auf US-Haushaltsdefizite und geopolitische Unsicherheit. Sprotts These steht und fällt damit, dass Gold die Unterstützung durch Reservendiversifizierung und Zentralbanknachfrage behält; der World Gold Council meldete für das erste Halbjahr 345 Tonnen Nettoankäufe. Zhu erwartet, dass sich eine Rückkehr zu aggressivem Risikoverhalten in deutlich höheren Explorationsausgaben und Bewertungsprämien bei Übernahmen zeigen würde – Hinweise darauf sieht er in den Daten derzeit nicht.
Kurz erklärt
- Bewertungsmultiplikator: Kennzahl, die den Unternehmenswert ins Verhältnis zu einer Gewinngröße setzt und so die relative Teuerung eines Titels zeigt.
- EBITDA: Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation, eine Kennzahl für die operative Ertragskraft.
- Netto-Cash: Überschuss der liquiden Mittel über die kurz- und langfristigen Schulden eines Unternehmens.
- Reserve-Erneuerung: Ersatz abgebauter Goldvorkommen durch neue Lagerstätten, Erweiterungen oder Zukäufe.
- Goldäquivalente Produktion: Fördermenge, bei der auch andere Metalle in entsprechende Goldunzen umgerechnet werden.
