EZB-Ratsmitglied Rehn: Hohe Renditen bremsen Energiepreis-Weitergabe
Olli Rehn sieht steigende Anleiherenditen als dämpfenden Faktor für Inflation – trotz weiter über dem Ziel liegender Teuerung.

EZB-Ratsmitglied Olli Rehn hat am Dienstag in Helsinki eine differenzierte Einschätzung zur Inflationslage im Euroraum abgegeben. Der finnische Notenbanker betonte, dass die rasante Energieinflation bisher noch nicht auf andere Waren und Dienstleistungen übergegriffen habe. Gleichzeitig sieht er im jüngsten Anstieg der Anleiherenditen einen Faktor, der den Preisdruck zusätzlich dämpfen dürfte.
Die Inflation in der Eurozone liegt derzeit deutlich über dem 2-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank. Innerhalb des EZB-Rats wird intensiv debattiert, wie stark die Zinsen nach den beiden Erhöhungsschritten im vergangenen Sommer noch angehoben werden müssen. Während mehrere Entscheidungsträger die Inflationsrisiken eher nach oben tendierend einschätzen, verweist Rehn auf gegensätzliche Kräfte, die in der Wirtschaft gleichzeitig wirken.
„Der Anstieg der langfristigen Zinsen trägt zu einer Verlangsamung des Wachstums und auch zu einer geringeren Weitergabe der Energiepreise an andere Preise und Löhne bei", erklärte Rehn. Damit schloss er sich den Äußerungen von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane an, der eine ähnliche Einschätzung vertreten hatte.
Die Details
Die Anleiherenditen im gesamten Euroraum sind auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt gestiegen. Dafür sind laut Rehn zwei Faktoren verantwortlich: zum einen der Anstieg der US-Renditen, zum anderen gewachsene Sorgen um die Tragfähigkeit der Schulden in Europa. Höhere Renditen verteuern Kredite für Unternehmen und Haushalte, was das Wirtschaftswachstum bremst und damit indirekt auch den Preisauftrieb dämpft.
Rehn steht mit seiner Einschätzung nicht allein. Auch EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel – bekannt als geldpolitische Falkin und damit eigentlich Befürworterin einer restriktiveren Geldpolitik – warnte kürzlich, dass die Wirtschaft stärker als angenommen auf die steigenden Kreditkosten reagieren könnte. Dies würde den mittelfristigen Inflationsdruck ebenfalls dämpfen.
Trotz dieser dämpfenden Faktoren räumte Rehn ein, dass die Energiepreise weiterhin hoch seien. Zudem erweise sich die Wirtschaft als außergewöhnlich widerstandsfähig, was er unter anderem auf starke Investitionen in künstliche Intelligenz zurückführte. Diese Widerstandsfähigkeit deutet nach Ansicht einiger Währungshüter auf einen stärkeren Preisdruck hin als bisher angenommen. Einen konkreten geldpolitischen Schritt forderte Rehn jedoch nicht – er hielt sich eng an die aktuelle Linie der EZB, keine Maßnahmen im Vorfeld von Entscheidungen zu signalisieren.
Die Finanzmärkte rechnen im laufenden Zyklus mit zwei bis drei weiteren Zinserhöhungen der EZB. Die Wahrscheinlichkeit für einen Schritt bis Dezember beziffern die Märkte derzeit auf 80 Prozent.
Hintergrund: Was bisher geschah
Das Thema ist nicht neu: Bereits am 17. September 2026 berichtete aktien.news, dass Rehn bei einer Veranstaltung in London keine klaren Anzeichen für sogenannte Zweitrundeneffekte bei der Inflation erkannte. Er betonte damals, dass die EZB sich angesichts der jüngsten wirtschaftlichen Schocks in einer soliden Ausgangslage befinde.
Am 18. September 2026 meldete aktien.news, dass EZB-Vizepräsident Boris Vujcic die Markterwartungen auf weitere Zinserhöhungen bremste. Vujcic erklärte gegenüber Reuters, dass die Entscheidungsträger eine deutlich breitere Palette wirtschaftlicher Indikatoren berücksichtigen würden als nur die Energiepreise.
Am 22. September 2026 berichtete aktien.news über EZB-Chefvolkswirt Philip Lane, der eine längere Phase erhöhter Inflation prognostizierte. Lane sprach von einer „zweiten Welle von Preisanstiegen, nicht nur bei Öl, sondern auch bei Gas" und rechnete damit, dass die Inflation erst ab Mitte 2027 wieder in Richtung des Zielwerts von zwei Prozent zurückgehen werde.
Am 2. Oktober 2026 meldete aktien.news schließlich, dass die Inflation in der Eurozone im September auf 3,8 Prozent gestiegen war – nach 3,2 Prozent im August. Damit wurde die Markterwartung von 3,6 Prozent klar übertroffen. Treiber war vor allem die Energie, die um 18,8 Prozent zulegte. Die Kerninflation, die Energie ausklammert, blieb mit 2,5 Prozent dagegen moderat – ein Hinweis darauf, dass die Energiepreise bislang noch nicht breit auf andere Bereiche übergegriffen haben, was Rehns aktuelle Einschätzung stützt.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger sind Rehns Aussagen in mehrfacher Hinsicht relevant. Einerseits signalisiert die EZB, dass sie den Zinserhöhungszyklus noch nicht als abgeschlossen betrachtet – die Märkte preisen bis Dezember eine Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent für einen weiteren Schritt ein. Höhere Zinsen belasten in der Regel Anleihekurse und können Aktien unter Druck setzen, insbesondere wachstumsstarke Titel.
Andererseits deuten Rehns Ausführungen darauf hin, dass die EZB nicht blind weiterhöht, sondern die Wirkung steigender Renditen auf die Realwirtschaft genau beobachtet. Die Tatsache, dass selbst die als Falkin bekannte Isabel Schnabel vor überschießenden Effekten warnt, zeigt, dass der Rat zunehmend vorsichtiger wird. Das könnte bedeuten, dass der Zinsgipfel näher ist als von manchen Marktteilnehmern erwartet.
Anleger sollten zudem die Unterscheidung zwischen Gesamt- und Kerninflation im Blick behalten. Die moderate Kerninflation von 2,5 Prozent – bei einer Gesamtrate von 3,8 Prozent – zeigt, dass der Preisdruck derzeit vor allem von der Energie getrieben wird und noch nicht breit in der Wirtschaft verankert ist. Sollte sich das ändern, dürfte die EZB deutlich entschlossener reagieren.
Ausblick
Die Finanzmärkte erwarten im laufenden Zyklus zwei bis drei weitere Zinserhöhungen der EZB. Für die Sitzung bis Dezember liegt die Marktwahrscheinlichkeit bei 80 Prozent. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane rechnet damit, dass die Inflation erst ab Mitte 2027 wieder in Richtung des 2-Prozent-Ziels zurückgeht. Die EZB selbst hält sich bewusst bedeckt und signalisiert keine konkreten Schritte im Vorfeld von Entscheidungen – eine Linie, der sich Rehn ausdrücklich angeschlossen hat.
Kurz erklärt
- Zweitrundeneffekte: Bezeichnet den Prozess, bei dem steigende Preise zu höheren Lohnforderungen führen, die wiederum die Inflation weiter anheizen.
- Kerninflation: Inflationsmaß, das besonders schwankungsanfällige Preise wie Energie und Lebensmittel ausklammert, um den zugrundeliegenden Preisdruck besser abzubilden.
- Anleiherendite: Der effektive Zinssatz, den Anleger für das Halten einer Anleihe erhalten; steigende Renditen verteuern Kredite und bremsen das Wirtschaftswachstum.
