EZB könnte Zinsen wegen Iran-Krieg und Inflation anheben
EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel warnt: Dauerhafte Inflationsfolgen des Iran-Kriegs könnten Zinserhöhungen erzwingen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte gezwungen sein, die Zinsen anzuheben, falls der Iran-Krieg dauerhafte Auswirkungen auf die Inflation entfaltet. Das sagte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel am Donnerstag in einer Rede in London. Die aktuelle Krise werde schneller spürbar werden als der letzte Inflationsschock, betonte sie.
Schnabel verwies auf eine Reihe beunruhigender Signale: Eine wachsende Zahl von Unternehmen plane Preiserhöhungen, die Lieferketten seien mit Störungen konfrontiert, und die Haushalte passten ihre Inflationserwartungen bereits an. Diese Kombination erhöht den Druck auf die Notenbank erheblich.
„Sollte sich der Energiepreisschock ausweiten, muss die Geldpolitik gestrafft werden, um das Risiko von Zweitrundeneffekten einzudämmen, welche die mittelfristige Preisstabilität gefährden", sagte Schnabel. Sie ergänzte: „Dieses Risiko hat in den letzten Wochen zugenommen."
Zinserhöhung im Juni rückt näher
Die EZB hat die Zinsen bislang trotz einer Inflation deutlich oberhalb des Zwei-Prozent-Ziels nicht angehoben. Die Notenbanker haben auf weitere Daten gewartet, während die Auswirkungen der höheren Energiepreise weiterhin durch die Wirtschaft durchschlagen. Nun mehren sich jedoch die Stimmen für eine baldige Reaktion.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat angedeutet, dass ein erster Zinsschritt im Juni möglich sei. Der slowakische Notenbankchef Peter Kazimir bezeichnete Maßnahmen im nächsten Monat als „fast unvermeidlich". Bundesbank-Präsident Joachim Nagel erklärte, eine Zinserhöhung werde notwendig sein, sofern sich die Aussichten für Inflation und Wachstum nicht deutlich verbesserten.
Eine abweichende Stimme kommt vom französischen Notenbankchef François Villeroy de Galhau, der vor der nächsten geldpolitischen Sitzung zurücktreten wird. Er sagte, die höheren Energiekosten hätten keinen ausreichenden Schaden angerichtet, um eine geldpolitische Reaktion zu rechtfertigen.
Märkte erwarten mindestens zwei Zinsschritte
Die Finanzmärkte preisen für das laufende Jahr bereits mindestens zwei Zinserhöhungen um jeweils einen Viertelprozentpunkt ein. Das zeigt, dass Investoren die Signale der EZB-Vertreter ernst nehmen und eine Kehrtwende in der Geldpolitik für wahrscheinlich halten.
Schnabel machte deutlich, unter welchen Bedingungen die EZB handeln müsse: „Wenn wir sehen, dass die höheren Kosten weitergegeben werden und die Löhne tatsächlich steigen, ist das das Zeichen dafür, dass die Geldpolitik reagieren muss – nicht nur, um ein Signal zu setzen, sondern um die Gesamtnachfrage tatsächlich einzuschränken."
Für deutsche Verbraucher und Anleger sind diese Entwicklungen von besonderer Bedeutung. Steigende Zinsen würden einerseits Sparer entlasten, andererseits Kredite und Hypotheken verteuern. Die nächste geldpolitische Sitzung der EZB wird damit zu einem richtungsweisenden Ereignis für die gesamte Eurozone.
