EZB hält Zinsen im April – Erhöhung im Juni erwartet
Eine Reuters-Umfrage unter 85 Ökonomen zeigt: Die EZB belässt den Einlagensatz am 30. April bei 2 Prozent.

Die Europäische Zentralbank wird ihren Einlagensatz auf der Sitzung am 30. April aller Voraussicht nach unverändert bei 2 Prozent belassen. Das ergibt eine Reuters-Umfrage unter 85 Ökonomen, die zwischen dem 17. April und Mittwoch durchgeführt wurde. Nahezu alle Befragten – bis auf einen – rechnen mit einer Zinspause in der kommenden Woche.
Etwas mehr als die Hälfte der befragten Ökonomen erwartet hingegen eine Erhöhung um einen Viertelprozentpunkt im Juni. Die EZB versucht damit zu verhindern, dass ein kriegsbedingter Energieschock die Wirtschaft der Eurozone nachhaltig destabilisiert. Die gestiegenen Ölpreise infolge des seit fast zwei Monaten andauernden Konflikts im Nahen Osten haben die Inflation über das 2-Prozent-Ziel der EZB getrieben.
Märkte preisen mehr als zwei Zinserhöhungen ein
Der anhaltende Preisanstieg hat weitreichende Folgen für die Finanzmärkte und die Realwirtschaft. Die Märkte haben bereits mehr als zwei Zinserhöhungen für dieses Jahr eingepreist. Gleichzeitig hat die höhere Inflation die Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern spürbar geschwächt.
Die EZB-Entscheidungsträger haben zwar eine stärkere Entschlossenheit zur Inflationsbekämpfung signalisiert als andere Zentralbanken. Eine sofortige Zinserhöhung spielten sie jedoch bislang herunter. Als Begründung führen sie an, dass es noch keine ausreichenden Belege dafür gebe, dass sich die höheren Energiekosten auf breitere Preissteigerungen ausweiten.
Über die für Juni erwartete Zinserhöhung hinaus herrscht unter den befragten Ökonomen kein Konsens über das weitere Vorgehen der EZB. Die Unsicherheit ist vor allem auf das schwer abschätzbare Ausmaß der sogenannten Zweitrundeneffekte zurückzuführen – also die Frage, inwieweit gestiegene Kraftstoffpreise zu allgemeinen Lohn- und Preissteigerungen führen.
EZB will Fehler der Vergangenheit vermeiden
Die Zentralbank steht dabei vor einer besonderen Herausforderung: Sie muss die Fehler früherer geldpolitischer Entscheidungen vermeiden. Einerseits reagierte die EZB 2022 zu spät auf die rasch anziehende Inflation. Andererseits hob sie im Jahr 2011 die Zinsen inmitten steigender Rohstoffpreise zweimal innerhalb von nur vier Monaten an – eine Entscheidung, die die damalige Schuldenkrise in der Eurozone erheblich verschärfte.
Für deutsche Anleger und Sparer ist die Zinsentscheidung der EZB von besonderer Bedeutung. Steigende Leitzinsen wirken sich direkt auf Tages- und Festgeldkonten, Baufinanzierungen sowie Anleihemärkte aus. Die kommenden Wochen dürften zeigen, wie die EZB den schmalen Grat zwischen Inflationsbekämpfung und wirtschaftlicher Stabilität meistert.
