EZB plant Zinserhöhung im Juni – weiterer Kurs bleibt unklar
Laut Reuters-Umfrage hält die EZB den Einlagensatz im April stabil, hebt ihn aber im Juni wegen kriegsbedingter Energieinflation an.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihren Einlagensatz auf ihrer Sitzung am 30. April unverändert lassen. Für Juni hingegen erwarten etwas mehr als die Hälfte der in einer Reuters-Umfrage befragten Ökonomen eine Zinserhöhung. Ziel dieser Maßnahme ist es, zu verhindern, dass ein kriegsbedingter Energieschock die Wirtschaft der Eurozone destabilisiert.
Die erwartete Anhebung im Juni beträgt einen Viertelprozentpunkt und wird von Experten weitgehend als Vorsichtsmaßnahme eingestuft. Das Ausmaß möglicher Zweitrundeneffekte auf die Inflation – ausgelöst durch höhere Kraftstoffpreise – ist nach wie vor unklar. Genau diese Unsicherheit macht eine eindeutige Prognose für den weiteren geldpolitischen Kurs der EZB schwierig.
Energiepreise treiben Inflation weit über EZB-Ziel
Die Ölpreise sind während des fast zweimonatigen Krieges im Nahen Osten stark gestiegen. Diese Entwicklung hat die Inflation deutlich über das EZB-Ziel von 2 Prozent getrieben. Als Folge haben die Finanzmärkte bereits mehr als zwei Zinserhöhungen für das laufende Jahr eingepreist, was die Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern spürbar dämpfte.
Die Entscheidungsträger der EZB zeigten sich zwar entschlossen, die Inflation zu bekämpfen. Gleichzeitig spielten sie jedoch die Wahrscheinlichkeit einer sofortigen Zinserhöhung herunter. Als Begründung verwiesen sie auf unzureichende Belege dafür, dass die gestiegenen Energiekosten – die die Zentralbank ohnehin nicht direkt kontrollieren kann – bereits auf breitere Preissteigerungen in der Wirtschaft durchschlagen.
Uneinigkeit unter Ökonomen über den weiteren Kurs
Besonders auffällig ist, dass sich die befragten Ökonomen nicht einigen konnten, was nach der für Juni erwarteten Anhebung folgen wird. Diese Uneinigkeit spiegelt die außergewöhnliche Unsicherheit wider, mit der die EZB derzeit konfrontiert ist. Geopolitische Schocks wie der Krieg im Nahen Osten entziehen sich den klassischen geldpolitischen Steuerungsinstrumenten und erschweren verlässliche Prognosen erheblich.
Für deutsche Privatanleger und Sparer ist die Entwicklung der EZB-Zinspolitik von unmittelbarer Bedeutung. Steigende Leitzinsen wirken sich direkt auf Hypothekenzinsen, Tagesgeldkonten und Anleiherenditen aus. Eine Zinserhöhung im Juni würde zwar Sparern zugutekommen, könnte aber gleichzeitig die Finanzierungskosten für Unternehmen und Immobilienkäufer weiter erhöhen.
Die EZB steht damit vor einem klassischen geldpolitischen Dilemma: Sie muss die Inflation bekämpfen, ohne dabei das Wirtschaftswachstum in der Eurozone abzuwürgen. Wie sie diesen Balanceakt nach Juni meistern will, bleibt laut der Reuters-Umfrage auch unter Fachleuten umstritten.
