EZB: Capital Economics warnt vor überzogenen Zinserhöhungs-Erwartungen der Anleger
Capital Economics erwartet nur eine weitere EZB-Zinserhöhung im Dezember und sieht danach kaum Bedarf für zusätzliche Straffung.

Anleger könnten die Auswirkungen einer weiteren Straffung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) überbewerten. Zu diesem Schluss kommen Analysten der Forschungsgesellschaft Capital Economics. Sie argumentieren, dass ein vorübergehender Inflationsanstieg, der auf höhere Energiepreise zurückzuführen ist, wahrscheinlich nicht zu den persistenten Lohndruck-Szenarien führen wird, die erforderlich wären, um die Zinssätze dauerhaft hoch zu halten.
Konkret geht Capital Economics davon aus, dass die EZB ihren Einlagenzinssatz im Dezember erneut anheben wird – von 2,5% auf 2,75%. Danach sieht das Unternehmen jedoch kaum Bedarf für weitere Verschärfungen. „Nach der Anhebung des Einlagenzinssatzes im Dezember halten wir es für unwahrscheinlich, dass die EZB die Geldpolitik weiter verschärft, wenn überhaupt", zitiert die Quelle die Ökonomen.
Der Blick der Analysten richtet sich damit bereits über den Jahreswechsel hinaus. So erwartet die Forschungsgesellschaft, dass Zinssenkungen in der zweiten Jahreshälfte 2027 wieder auf die Agenda gesetzt werden. Der Einlagenzinssatz soll bis 2028 schließlich auf 2% sinken. Diese Prognose liege, so Capital Economics, unter dem Pfad, den die Märkte bereits eingepreist hätten.
Warum die „zweiten Effekte" begrenzt bleiben
Ein zentrales Argument der Analysten sind die sogenannten „zweiten Effekte" der Inflation über Löhne und Gewinne. Diese dürften aufgrund des nicht besonders angespannten Arbeitsmarkts in der Eurozone vernachlässigbar sein. Hinzu kommt laut Capital Economics, dass die Nachfrage nicht hinter dem potenziellen Angebot zurückbleibt. Beide Faktoren sprechen aus Sicht der Ökonomen dafür, dass sich der Energiepreisschock nicht in einer dauerhaften Teuerungsspirale verfestigt.
Für die Inflationsentwicklung erwarten die Analysten zunächst einen deutlichen Anstieg. Die Gesamtinflationsrate in der Eurozone dürfte im Dezember auf rund 4% steigen, bevor sie 2027 deutlich fällt. Die Kerninflationsrate soll im ersten Halbjahr des kommenden Jahres indirekt durch höhere Energiekosten auf etwa 3% ansteigen, ehe sie 2028 wieder auf 2% absinkt.
Wachstum nahe dem Trend
Auch für die Konjunktur der Eurozone bleiben die Ökonomen vergleichsweise gelassen. Sie erwarten, dass die Wirtschaft weiterhin ungefähr im Einklang mit ihrem Trendwachstum expandiert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll sich 2026 um 1,0%, 2027 um 1,1% und 2028 um 1,0% ausdehnen.
Capital Economics warnt allerdings vor einem Risikoszenario: Eine anhaltende Unterbrechung der Energieversorgung durch die Straße von Hormus könnte die Inflation weiter treiben. In der Folge könnte die EZB gezwungen sein, die Zinssätze länger hoch zu halten. Selbst in diesem Fall würden jedoch schwächere Nachfrage und ein entspannter werdender Arbeitsmarkt die zweiten Inflationseffekte begrenzen. Der Bedarf an aggressiven Verschärfungen würde dadurch aus Sicht der Analysten reduziert.
Für deutsche Privatanleger sind diese Projektionen vor allem deshalb relevant, weil sie die Erwartungen an die künftige Zinsentwicklung im Euroraum betreffen. Sollten sich die Prognosen von Capital Economics bewahrheiten und die EZB tatsächlich nur noch einmal nachlegen, hätte das Auswirkungen auf Sparzinsen, Anleiherenditen und die Bewertung von Aktien. Die Kernfrage bleibt, ob sich der Energiepreisschock in den Löhnen und Gewinnen niederschlägt – oder ob er, wie von den Analysten angenommen, vorübergehender Natur bleibt.
