SNB-Chef Schlegel: Hitze belastet Lebensmittelpreise, aber nicht Inflation
Der SNB-Präsident sieht den Preisanstieg in der Schweiz fast ausschließlich durch Erdölprodukte getrieben und hält am Nullzins fest.

Die rekordhohen Temperaturen des diesjährigen Sommers haben nach Einschätzung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zwar die Lebensmittelpreise beeinflusst, sind aber nicht die Ursache der gestiegenen Inflation in der Schweiz. Das erklärte SNB-Präsident Martin Schlegel in einem Interview mit dem Radio-Sender SRF, das am Samstag ausgestrahlt wurde. Die jährliche Inflationsrate der Schweiz war im August auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahren gestiegen und hatte sich damit gewissermaßen verdoppelt.
Dieser Anstieg hatte Sorgen über kleinere Ernten und niedrigere Wasserstände auf Transportrouten wie der Donau und dem Rhein ausgelöst. Beide Faktoren verteuern Lebensmittel und treiben die Preise insgesamt nach oben. Schlegel betonte jedoch, dass die SNB die Auswirkungen des heißen Wetters auf die Lebensmittelpreise genau beobachte, ohne darin die Hauptursache der aktuellen Teuerung zu sehen.
Die Details
In dem Interview räumte Schlegel durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Wetter und einzelnen Preisentwicklungen ein. „Der heiße Sommer, insbesondere der trockene Sommer, hat sich auf die Lebensmittelpreise ausgewirkt – man kann durchaus sehen, dass es bestimmte Preisbewegungen gegeben hat“, sagte der SNB-Präsident. Zugleich verwies er auf politische Gegenmaßnahmen und ordnete die Teuerung klar ein: „Es wurden zudem politische Maßnahmen ergriffen, um dem entgegenzuwirken, und bisher ist der Anstieg der Inflation fast ausschließlich auf Erdölprodukte zurückzuführen“, so Schlegel.
Der geldpolitische Hintergrund: Die SNB hatte ihren Leitzins am Donnerstag bei 0% belassen. Damit geht die Schweizer Notenbank einen Sonderweg, denn andere Zentralbanken heben die Kreditkosten an, um die mit teurerem Treibstoff zusammenhängende Inflation zu bekämpfen. Möglich ist diese Haltung, weil die SNB erwartet, dass die Inflation nach einer vorübergehenden Zunahme wieder sinken und bis zum Ende ihres Prognosezeitraums innerhalb ihres Zielkorridors von 0% bis 2% bleiben wird. Dieser Prognosezeitraum reicht bis Mitte 2029.
Schlegel begründete die Zuversicht mit der erwarteten Entwicklung an den Rohölmärkten. „Wir gehen davon aus, dass der Rohölpreis wieder fallen wird, und das bedeutet einfach, dass die Wirkung eines höheren Ölpreises im Moment im Laufe der Zeit allmählich etwas nachlässt“, sagte er. Der Preisdruck durch Energie würde sich demnach also von selbst abschwächen, ohne dass die SNB mit höheren Zinsen gegensteuern müsste.
Ein weiteres Thema des Interviews war der Wechselkurs des Schweizer Franken. Schlegel betonte, dass der jüngste Rückgang des Frankenkurses nach Jahren der Aufwertung nur eine geringfügige Veränderung darstelle. „Es gab lange Phasen, in denen der Franken tatsächlich fast kontinuierlich etwas stärker wurde“, sagte er. „Was wir gerade gesehen haben, ist ein geringer Gegen-Trend.“ Der SNB-Präsident relativierte damit die Bedeutung der jüngsten Währungsbewegung.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Einordnung Schlegels steht in einer längeren Reihe von Äußerungen, in denen sich der SNB-Präsident mit den Risiken für die Schweizer Wirtschaft befasst. Bereits am 24.04.2026 berichtete aktien.news, dass Schlegel auf der Generalversammlung der Schweizerischen Nationalbank in Bern erklärte, der Nahostkonflikt werde die Schweizer Wirtschaft spürbar belasten. Der Krieg habe die weltwirtschaftliche Lage „sehr unsicher“ gemacht und die Aussichten für Inflation und Konjunktur in der Schweiz „deutlich unklarer“ werden lassen. Kurzfristig rechnete Schlegel mit verhaltenem Wachstum, während die Inflation in den kommenden Quartalen durch höhere Energiepreise weiter ansteigen sollte.
Ebenfalls am 24.04.2026 warnte Schlegel laut aktien.news in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung vor den Folgen eines langanhaltenden Energiepreisschocks. Sollten die Preise dauerhaft hoch bleiben, drohten steigende Inflation und gedämpftes Wachstum. Ob bereits ein Stagflationsrisiko bestehe, sei laut Schlegel damals noch nicht abzuschätzen gewesen. „Die entscheidende Frage ist, wie lange der Konflikt andauern wird und ob die Energiepreise hoch bleiben“, sagte er seinerzeit.
Am 18.06.2026 meldete aktien.news, dass Schlegel die Unsicherheit im Nahen Osten weiterhin als sehr hoch einschätzt. Auf die Frage nach dem Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran erklärte er: „Die Situation ist nach wie vor sehr unsicher.“ Die Zentralbank habe die jüngsten Entwicklungen in der Region sorgfältig bewertet, bevor sie ihre geldpolitischen Entscheidungen getroffen habe. Schlegel schloss ausdrücklich nicht aus, dass die Deeskalation des Konflikts nur vorübergehender Natur sein könnte.
Ebenfalls am 18.06.2026 berichtete aktien.news, dass die SNB ihren Leitzins unverändert bei null Prozent beließ und zugleich ihre Bereitschaft zu Devisenmarktinterventionen bekräftigte. Schlegel und seine Kollegen stellten klar, dass sie den Schweizer Franken bei Bedarf verkaufen würden, um eine unerwünschte Aufwertung der Währung zu verhindern. Bemerkenswert war die Botschaft an die Märkte, dass ein mögliches Friedensabkommen im Nahen Osten nichts an der grundsätzlichen Haltung der Nationalbank geändert habe.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Haltung der SNB vor allem deshalb relevant, weil sie den Schweizer Franken und damit auch Schweizer Anlagen betrifft. Die Nationalbank hält an ihrem Nullzins fest und erwartet, dass die Inflation bis Mitte 2029 im Zielkorridor von 0% bis 2% bleibt. Solange diese Erwartung Bestand hat, besteht aus Sicht der SNB kein Anlass für eine straffere Geldpolitik.
Interessant ist die Unterscheidung, die Schlegel trifft: Der aktuelle Inflationsanstieg geht aus seiner Sicht fast ausschließlich auf Erdölprodukte zurück, nicht auf die hitzebedingten Lebensmittelpreise. Fällt der Rohölpreis wie erwartet, dürfte sich dieser Effekt nach Einschätzung der SNB allmählich abschwächen. Anleger, die auf eine baldige Zinserhöhung in der Schweiz setzen, erhalten damit ein Signal, dass die SNB zunächst abwartet.
Auch die Aussagen zum Franken verdienen Beachtung. Schlegel stuft den jüngsten Kursrückgang ausdrücklich als geringen Gegen-Trend nach Jahren der Aufwertung ein. Die SNB hatte bereits im Juni ihre Bereitschaft zu Interventionen am Devisenmarkt bekräftigt, um eine unerwünschte Aufwertung zu verhindern. Für Anleger mit Franken-Exposure bleibt dieses Instrument damit ein Faktor, der die Währungsentwicklung beeinflussen kann.
Ausblick
Die SNB erwartet, dass die Inflation nach einer vorübergehenden Zunahme wieder sinken wird und bis zum Ende ihres Prognosezeitraums Mitte 2029 innerhalb des Zielkorridors von 0% bis 2% bleibt. Diese Erwartung ist ausdrücklich an die Annahme geknüpft, dass der Rohölpreis wieder fällt. Schlegel will die Auswirkungen des heißen Wetters auf die Lebensmittelpreise weiterhin genau beobachten. Neue geldpolitische Entscheidungen oder konkrete Termine nannte er in dem Interview nicht.
Kurz erklärt
- Leitzins: Der von einer Zentralbank festgelegte Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken Geld beschaffen können und der die Kreditkosten der gesamten Wirtschaft beeinflusst.
- Inflation: Der allgemeine Anstieg des Preisniveaus, durch den die Kaufkraft einer Währung über die Zeit sinkt.
- Zielkorridor: Der Bereich, innerhalb dessen eine Zentralbank die Inflation als mit ihren Zielen vereinbar ansieht.
- Devisenmarktintervention: Der gezielte Kauf oder Verkauf eigener Währung durch eine Zentralbank, um den Wechselkurs zu beeinflussen.
