Ex-BOJ-Vorstand Noguchi fordert Ende der Niedrigzinspolitik in Japan
Der ehemalige Notenbanker erwartet weitere Zinserhöhungen im Dezember und warnt vor den Risiken einer expansiven Fiskalpolitik.

Tokio, 5. Oktober. Japan benötigt nach Einschätzung des ehemaligen Bank-of-Japan-Vorstandsmitglieds Asahi Noguchi keine expansiven fiskalischen und geldpolitischen Maßnahmen mehr, die auf eine Ankurbelung der Nachfrage abzielen. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag sagte Noguchi, die zugrunde liegende Inflation liege nahe am 2%-Ziel der japanischen Zentralbank, und die Löhne verankerten sich auf Niveaus, die mit einer Inflation von 2% vereinbar seien.
„Wenn dem so ist, wäre es zu riskant, Politiken umzusetzen, die die Nachfrage ankurbeln“, sagte Noguchi. Der Ökonom, der bis März dem BOJ-Vorstand angehörte, gilt als akademischer Reflationist – also als Vertreter einer Politik, die über billiges Geld und hohe Staatsausgaben gezielt Nachfrage erzeugen will. Seine jetzige Position unterstreicht, wie jahrelang steigende Inflation und Löhne zu einem Mentalitätswandel bei jenen führen, die einst große Staatsausgaben und eine lockere Geldpolitik befürworteten.
Konkret rechnet Noguchi damit, dass die Bank of Japan (BOJ) im Dezember erneut an der Zinsschraube dreht. Der derzeitige Leitzins liegt bei 1.25%. Für den Oktober erwartet er dagegen zunächst Stillhalten. Mittelfristig hält er sogar einen Leitzins von 1.75% oder 2% für möglich – abhängig von der Entwicklung in den USA und im Nahen Osten.
Die Details
Die BOJ hat das Tempo ihrer Zinserhöhungen zuletzt erhöht und im Juni und September entsprechende Schritte vorgenommen. Hintergrund ist ein Energieschock infolge des Iran-Kriegs, der die importierten Preisdrucke bei schwächerem Yen zusätzlich verstärkt hat. Obwohl die Zentralbank nach Noguchis Einschätzung eigentlich weiter vorsichtig vorgehen wollte, um einen erneuten wirtschaftlichen Abschwung zu verhindern, hatte sie kaum eine andere Wahl, als die Zinserhöhungen zu beschleunigen, um unerwünschte Yen-Abwertungen zu vermeiden.
„Es ist für die BOJ allein schwer, langsam zu handeln, wenn andere Zentralbanken angesichts globaler inflationärer Druckfaktoren in eine Phase von Zinserhöhungen wechseln“, sagte Noguchi. Das eigentliche Sorgenkind sei der Yen: „Die BOJ wird dies nicht offen sagen, aber sie macht sich vor allem Sorgen über das Risiko eines Yen-Rückgangs unter 160 zum Dollar, was zu einer neuen Welle von Lebensmittelinflation führen würde.“
Der Yen notierte zuletzt um die 158 und damit nahe der Marke von 160, die an den Märkten als Indikator für ein erhöhtes Interventionsrisiko gilt. Ein schwacher Yen ist für Japan zum Problem geworden, weil er die Importkosten treibt. Zugleich stützt die Aussicht auf kurzfristige US-Zinserhöhungen den Dollar.
Für den Oktober rechnet Noguchi zunächst mit Stillhalten: Die rückläufigen Aussichten auf eine US-Zinserhöhung im Oktober dürften die BOJ dazu bewegen, in diesem Monat die Hände stillzuhalten. Für Dezember bestehe dagegen eine gute Chance, dass der Leitzins von aktuell 1.25% auf 1.5% angehoben werde. Mittelfristig hält er 1.75% oder 2% für möglich – abhängig davon, wie weit die US-Notenbank die Zinsen erhöhen kann und wie sich der Konflikt im Nahen Osten entwickelt.
Dabei differenziert der Ökonom deutlich: Eine Anhebung auf 1.75% dürfte der Wirtschaft kaum schaden, eine Erhöhung auf 2% könnte dagegen riskant sein, weil sie Haushalte und Unternehmen schockieren könnte, die lange an extrem niedrige Kreditkosten gewöhnt sind. „Angesichts der großen Unsicherheit darüber, wie sich seine Zinserhöhungen auf die Wirtschaft auswirken, möchte die BOJ wahrscheinlich sehr behutsam vorgehen. Aber die Marktkräfte werden ihr das nicht gestatten“, sagte Noguchi.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 24.09.2026 berichtete aktien.news, dass die BOJ ihre Zinssätze voraussichtlich etwa alle drei Monate anheben und bis Ende Juni nächsten Jahres auf 2% erhöhen werde, um den wachsenden Inflationsdruck zu bekämpfen. Das sagte damals der ehemalige Bankvorstandsmitglied Makoto Sakurai in einem Interview mit Reuters. Mit der Anhebung auf ein 31-Jahres-Hoch von 1,25% im September habe die Zentralbank ihren Politikansatz geändert und konzentriere sich zunehmend darauf, den breiter werdenden Preisdruck durch stark steigende Kraftstoffkosten in den Griff zu bekommen. Regierungsdaten zeigten laut Sakurai, dass Japan in den letzten Monaten einen Anstieg der Kosten für importiertes Rohöl um rund 70% verzeichnet habe.
Am 23.07.2026 berichtete aktien.news über eine Reuters-Umfrage, nach der eine Mehrheit der befragten Ökonomen erwartet, dass die BoJ ihren Leitzins bis Ende Dezember erneut anheben wird. Möglicherweise könnte dieser Schritt bereits im Oktober erfolgen. Weitere Zinsschritte bis ins nächste Jahr hinein wurden von den befragten Experten ebenfalls in Betracht gezogen.
Am 02.10.2026 meldete aktien.news, dass Japans Wirtschaftsminister Minoru Kiuchi klargestellt hat, das Land befinde sich nicht mehr in einer Deflationsphase und benötige deshalb keine übermäßig expansive Geldpolitik zur Erreichung einer höheren Inflationsrate. Japan sei aus der Ära herausgewachsen, in der die unter Abenomics angewandten reflationistischen Politiken erforderlich gewesen seien. Die geldpolitischen Entscheidungen lägen jedoch in der alleinigen Zuständigkeit der BOJ, wie der Minister ausdrücklich hinzufügte.
Am 14.09.2026 berichtete aktien.news, dass ein hochrangiger BOJ-Funktionär die Notwendigkeit betont hat, sogenannte „nicht-lineare“ Preisspitzen bei der geldpolitischen Steuerung zu berücksichtigen. Die Aussagen stammen von Koji Nakamura, Direktor der BOJ und Leiter der für die Geldpolitik zuständigen Abteilung. Sie wurden auf einer von der BOJ im Mai veranstalteten Konferenz zur Geldpolitik gemacht und am Montag in Konferenznotizen veröffentlicht. Die Äußerungen fielen in eine Zeit, in der die BOJ den Leitzins bereits auf den höchsten Stand seit 31 Jahren angehoben hatte.
Was das für Anleger bedeutet
Für Anleger sind die Aussagen in mehrfacher Hinsicht relevant. Noguchi verweist darauf, dass Investoren Yen und japanische Staatsanleihen verkauft haben, weil sie befürchten, die BOJ hänge bei der Inflationsbekämpfung hinterher. Als weiterer Belastungsfaktor gelten die großen Ausgabenpläne von Premierministerin Sanae Takaichi, die die Aufmerksamkeit auf die verschlechterten Finanzen Japans lenken.
Der frühere Notenbanker warnt in diesem Zusammenhang vor einer zu expansiven Fiskalpolitik: Da die Produktionslücke nun positiv sei, müsse Japan darauf verzichten, die Ausgaben stark zu erhöhen. Eine zu expansive Fiskalpolitik könnte die Renditen von Staatsanleihen nach oben treiben und die Unternehmensinvestitionen dämpfen. „Japan braucht keine Politiken zur Ankurbelung der Nachfrage, da eine expansive Fiskalpolitik private Investitionen verdrängen würde, während zu niedrige Zinssätze zu Yen-Abwertungen führen würden“, sagte Noguchi. „Kurz gesagt, reflationäre Politiken spielen in Japan keine Rolle mehr.“
Bemerkenswert ist dabei die persönliche Kehrtwende Noguchis: Er trat 2021 dem BOJ-Vorstand als Verfechter einer aggressiven geldpolitischen Lockerung bei. Er stimmte gegen den Beschluss der BOJ, die negativen Zinsen im Jahr 2024 zu beenden, und gegen eine Anhebung auf 0.25% in diesem Jahr. Danach stimmte er jedoch für zwei Zinserhöhungen. Für Marktbeobachter ist das ein Signal, wie tief der Wandel in der japanischen Geldpolitik inzwischen reicht. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Für den weiteren Kurs der BOJ nennt die Quelle konkrete Anhaltspunkte. Noguchi hält es für wahrscheinlich, dass die Zentralbank im Oktober stillhält und im Dezember auf 1.5% erhöht. Mittelfristig sind aus seiner Sicht 1.75% oder 2% möglich. Wie weit es tatsächlich geht, hängt aus seiner Sicht davon ab, wie weit die US-Notenbank die Zinsen erhöhen kann und wie sich der Konflikt im Nahen Osten entwickelt.
Entscheidend für die BOJ bleibt zudem die Entwicklung des Yen, insbesondere die Marke von 160 zum Dollar, sowie die Frage, ob sich die Löhne weiter auf einem mit 2% Inflation vereinbaren Niveau verankern. Noguchi ist derzeit Professor an der Senshu University in Japan.
Kurz erklärt
- Reflation: Politik, die mit billigem Geld und Staatsausgaben gezielt Inflation und Nachfrage anheben will.
- Leitzins: Der zentrale Zinssatz einer Notenbank, an dem sich die Kreditkosten der Wirtschaft orientieren.
- Produktionslücke: Maß dafür, wie stark die tatsächliche Wirtschaftsleistung vom möglichen Potenzial abweicht.
- Yen-Intervention: Eingriff einer Notenbank am Devisenmarkt, um den Kurs der eigenen Währung zu stützen.
