Evercore ISI warnt vor steigendem Risiko einer Umkehrung der Renditekurve
Evercore ISI sieht wachsende Inversionsgefahr bei US-Treasuries, hält aber an KI-Aktien fest und empfiehlt defensive Absicherung.

Die Investmentbank Evercore ISI warnt vor einem steigenden Risiko einer Umkehrung der US-Zinsstrukturkurve. Der laufende Zinserhöhungszyklus der Federal Reserve und die gleichzeitig steigenden langfristigen Renditen setzen die Spanne zwischen kurz- und langfristigen Treasury-Renditen zunehmend unter Druck. Gleichzeitig bleibt der von künstlicher Intelligenz getriebene Börsenaufschwung nach Einschätzung der Strategen weiterhin intakt.
Nach Angaben der Evercore-Strategen hat sich die Spanne zwischen den 2-Jahres- und 10-Jahres-Treasuries bereits erheblich flachgestellt. Die letzte vergleichbare Bewegung habe es im Jahr 2022 gegeben – und sei damals einem Inversionsereignis vorausgegangen, als die Fed die Zinsen anhob. Eine umgekehrte Renditekurve gilt historisch als führender Indikator für Rezessionen und Abschwünge an den Aktienmärkten, wobei die zeitlichen Abstände allerdings erheblich variieren.
Historische Vorlaufzeiten variieren stark
Laut Evercore lag die durchschnittliche Vorlaufzeit zwischen einer Inversion und dem Beginn einer Rezession bei etwa 15 Monaten. Die Spannbreite ist dabei groß: Nach der Inversion von 2019 dauerte es fünf Monate, nach der Episode von 1978 ganze 34 Monate. Zudem kam es in den Jahren 1998 und 2022 zu Inversionen, ohne dass eine wirtschaftliche Kontraktion folgte.
Die Strategen führen aus, dass Inversionen historisch oft von kurzfristiger Aktienmarktvolatilität und seitwärts gerichteten Handelsbewegungen gefolgt wurden – aber nicht zwangsläufig das Ende eines längerfristigen Bullenmarktes markierten. Als Beispiel verweisen sie auf das Jahr 1998, als eine relativ kurze Inversion von einem Marktrückgang von 22 Prozent gefolgt wurde, was den breiteren strukturellen Aufwärtstrend jedoch nicht beendete.
Evercore bleibt bei KI-Exposure – mit defensiver Beimischung
Trotz dieses Risikos behält Evercore weiterhin eine lange Exposure in KI-bezogenen Sektoren wie Informationstechnologie, Kommunikationsdienstleistungen und diskretionäre Konsumgüter. Die Bank argumentiert, dass es noch keine klaren Anzeichen für wirtschaftliche Schäden durch höhere Energiepreise oder Treasury-Renditen gibt.
Der Bericht hebt zudem ein historisches Muster der Sektorrotation rund um Inversionen hervor. Technologie- und Nasdaq-Aktien haben in der Zeit vor einer Inversion tendenziell besser abgeschnitten. Nach einer Inversion – wenn die Volatilität steigt und Anleger vorsichtiger werden – zeigten dagegen Gesundheitswesen, Kommunikationsdienstleistungen und Basis-Konsumgüter eine relativ konsistente Outperformance.
Evercore empfiehlt daher eine teilweise defensive Ausrichtung, anstatt die KI-Exposure vollständig aufzugeben. Anleger könnten die Portfolio-Optionality nutzen, solange die Volatilität gedämpft bleibe. „Negative-Beta“-Aktien könnten als Absicherung gegen makroökonomische Schocks in einem stark KI-lastigen Portfolio dienen.
Konjunkturdaten bleiben robust, aber Druckpunkte bestehen
Die konjunkturellen Rahmenbedingungen bleiben laut Evercore bislang solide: Unternehmensumfragen blieben expansiv, die Arbeitslosenansprüche niedrig und die Credit Spreads begrenzt. Dennoch stellen Ölpreise nahe 95 US-Dollar pro Barrel und 10-jährige Treasury-Renditen über 5 Prozent weiterhin Druckpunkte dar.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung der US-Zinsstrukturkurve von besonderer Bedeutung, da sie als Frühindikator für die weltweite Konjunktur gilt und damit auch die Exportaussichten der deutschen Wirtschaft beeinflusst. Eine Inversion der Kurve würde signalisieren, dass der Markt mit einer Abschwächung der US-Wirtschaft rechnet – ein Szenario, das angesichts der engen Handelsverflechtungen auch den DAX und europäische Aktien belasten könnte. Evercore rät daher zu einem ausgewogenen Ansatz: an der KI-Story festhalten, aber das Portfolio gegen mögliche makroökonomische Schocks wappnen.
