Eurozone: Inflation steigt deutlich, EZB unter wachsendem Druck
Der Energieschock im Nahen Osten treibt die Teuerung in der Eurozone an. Händler erwarten mehrere Zinserhöhungen bis Dezember.

Die Inflation in den größten Volkswirtschaften der Eurozone hat im September deutlich stärker angezogen als erwartet. Auslöser ist ein massiver Energieschock infolge der Spannungen im Nahen Osten. Die Preise für Erdgas, Benzin und Diesel steigen rapide an. Diese Entwicklung erhöht den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), ihren geldpolitischen Kurs zu verschärfen.
In den vier größten Volkswirtschaften des Währungsraums zeigt der Trend nach oben. In Spanien kletterte die Inflationsrate auf 5,0 Prozent, im August hatte sie noch 4,6 Prozent betragen. Italien verzeichnete einen Anstieg auf 4,1 bis 4,2 Prozent, nach 3,2 bis 3,3 Prozent im Vormonat. Deutschland kommt auf 3,3 Prozent – nach 2,9 Prozent im August und damit über den Prognosen von 3,2 Prozent. Frankreich meldet eine harmonisierte Inflationsrate von 3,4 Prozent, nach 2,6 Prozent im August. Alle Werte liegen deutlich über dem mittelfristigen Ziel der EZB von 2 Prozent.
Damit steht die Notenbank vor einer schwierigen Gemengelage. Die Teuerung wird maßgeblich von außen getrieben – über Energieimporte und den Wechselkurs –, während die zugrunde liegende Preisdynamik bislang vergleichsweise stabil bleibt. Genau diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob die Währungshüter nur beobachten oder nachsteuern.
Die Details
Kern der aktuellen Preiswelle sind die Energiemärkte. Die Ölpreise stiegen im Zuge des Konflikts im Nahen Osten wieder über die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel. Die europäischen Erdgaspreise haben das höchste Niveau seit der Krise des Jahres 2022 erreicht. Verschärft wird die Lage durch drohende Exportbeschränkungen für Diesel aus den USA. Europäische Politiker warnten in diesem Zusammenhang vor dem „schlimmsten Winter“ seit vier Jahren.
Hinzu kommt die Stärke des US-Dollars, die die Eurozone belastet. Da Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, verteuert sich deren Import für europäische Abnehmer zusätzlich. Der Wechselkurseffekt wirkt damit wie ein zweiter Preistreiber neben den eigentlichen Notierungen an den Energiemärkten.
Bemerkenswert ist die Entwicklung der Kerninflation. Ohne Energie und Lebensmittel stagnierte sie den dritten Monat in Folge bei 2,4 Prozent. Analysten wie Rory Fennessy von Oxford Economics warnen jedoch vor Zweitrundeneffekten. Pantheon Macroeconomics sieht zudem Aufwärtsrisiken für die Kerninflation, da der Energieschock zeitversetzt auf die Warenpreise durchschlägt.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte, dass eine moderate Reaktion angemessen bleibe, solange keine gefährlichen Zweitrundeneffekte auftreten. Zugleich räumte sie ein, dass die Inflation hartnäckiger ausfallen könnte als ursprünglich angenommen.
Die Märkte haben bereits reagiert: Händler haben ihre Erwartungen für Zinserhöhungen deutlich nach oben korrigiert. Sie rechnen nun mit einer weiteren Anhebung um 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent bis Dezember. Eine Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent wird einem Schritt bereits bei der Oktober-Sitzung beigemessen. Für das kommende Jahr werden insgesamt vier weitere Zinsschritte eingepreist.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die jüngste Entwicklung ist Teil einer Kette von Meldungen, die sich seit dem Frühjahr verdichtet haben. Bereits am 29.05.2026 berichtete aktien.news, dass sich die Inflation in Frankreich und Spanien auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2024 beschleunigt hatte. In Frankreich stiegen die Verbraucherpreise im Mai im Jahresvergleich um 2,8 Prozent, in Spanien um 3,6 Prozent. Haupttreiber war schon damals der kriegsbedingte Anstieg der Energiekosten, und die Daten stützten die Argumente für eine Zinserhöhung durch die EZB.
Am 11.09.2026 berichtete aktien.news über die zweite Zinserhöhung des Jahres: Die EZB hob ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent an. Damit lag der Einlagensatz am oberen Ende der sogenannten neutralen Spanne, die die Währungshüter als weder stimulierend noch bremsend für die Konjunktur ansehen. Die Ratssitzung fand damals in Berlin statt.
Nur drei Tage später, am 14.09.2026, rückte die EZB das Erdgas in den Fokus. Öl- und Gaspreise lagen bereits deutlich über den „Baseline“-Niveaus der eigenen Prognosen, was darauf hindeutete, dass das hohe Preiswachstum möglicherweise persistenter sein könnte als bislang befürchtet.
Am 22.09.2026 warnte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane vor einer „zweiten Welle von Preisanstiegen“, nicht nur bei Öl, sondern auch bei Gas. Lane rechnet damit, dass die Inflation erst ab Mitte 2027 wieder in Richtung des Zielwerts von zwei Prozent zurückgeht. Die Inflationsrate im Euroraum lag zuletzt im August bei 3,3 Prozent.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger verschiebt sich mit diesen Daten die Erwartungshaltung an die Geldpolitik. Solange die Kerninflation bei 2,4 Prozent verharrt, bleibt der Energieschock für die EZB in erster Linie ein importierter Preisschub. Erst wenn sich die Teuerung über Löhne und Warenpreise verbreitert, wächst der Handlungsdruck. Genau auf diese Zweitrundeneffekte verweisen die zitierten Analysten.
Die Marktteilnehmer haben ihre Wetten bereits angepasst: Eine Anhebung auf 2,75 Prozent bis Dezember gilt als eingepreist, für das kommende Jahr sind vier weitere Zinsschritte eingepreist. Wer Sparguthaben, Anleihen oder Immobilienfinanzierungen plant, sollte diese Zinserwartungen im Blick behalten. Zugleich bleibt die Unsicherheit hoch, denn die EZB-Entscheidungen hängen an den eingehenden Daten – und die kommen kurzfristig.
Ein zweiter Punkt betrifft die Energiepreise selbst. Öl über 100 US-Dollar pro Barrel, Erdgas auf dem höchsten Stand seit 2022 und mögliche Diesel-Exportbeschränkungen aus den USA treffen die Margen energieintensiver Unternehmen unmittelbar. Die Belastung wirkt dabei über zwei Kanäle: über die direkten Kosten und über den starken Dollar, der diese Kosten in Euro zusätzlich erhöht.
Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Die Datenlage ist uneindeutig – stagnierende Kerninflation auf der einen, steigende Markterwartungen auf der anderen Seite.
Ausblick
Am Freitag wird die offizielle Eurostat-Schätzung für den gesamten Euroraum erwartet. Experten prognostizieren einen Anstieg auf 3,6 Prozent. Ökonomen gehen davon aus, dass die Inflation im Euroraum bis Jahresende auf nahe 4 Prozent steigen könnte. Das entspräche dem „ungünstigen Szenario“ der EZB-Prognosen.
Der nächste geldpolitische Termin ist die Oktober-Sitzung der EZB, für die die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent für einen Zinsschritt sehen. Als weitgehend gesetzt gilt eine Anhebung um 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent bis Dezember. Über den weiteren Pfad entscheidet nach Einschätzung von Philip Lane auch die Frage, wie lange die Energiepreise hoch bleiben: Er rechnet erst ab Mitte 2027 mit einer Rückkehr der Inflation in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels.
Kurz erklärt
- Basispunkt: Ein Basispunkt ist die kleinste gebräuchliche Maßeinheit für Zinsänderungen und entspricht einem Hundertstel eines Prozentpunkts.
- Kerninflation: Die Kerninflation misst die Teuerung ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Lebensmittel.
- Zweitrundeneffekte: Von Zweitrundeneffekten spricht man, wenn ein externer Preisschub über höhere Löhne und Vorleistungskosten auf breite Teile der Wirtschaft durchschlägt.
