Europäische Versorger profitieren von höheren Erdgaspreisen
Bank of America erwartet längerfristig hohe Gaspreise und unterschätzte Gewinnpotenziale bei Versorgern.
Europäische Versorgungsunternehmen stehen vor einem nachhaltigen Gewinnschub durch anhaltend hohe Erdgaspreise. Die Analysten der Bank of America (BofA) rechnen damit, dass die europäischen Referenz-Erdgaspreise auch im Jahr 2027 bei 55 Euro pro Megawattstunde liegen werden. Grund dafür sind anhaltende Störungen in Katar, die steigende Nachfrage in Asien sowie niedrige Speicherfüllstände in Europa.
Der Markt unterschätze die Auswirkungen auf das EPS (Earnings per Share) der Versorgungsunternehmen um rund 6 bis 9 Prozent, so die Analysten weiter. Zwar könnten europäische Regierungen niedrigere Strompreisbremsen verhängen, doch die Niveaus dürften voraussichtlich über denen aus der Energiekrise im Jahr 2022 liegen, analysieren die Experten. Sowohl SSE als auch RWE dürften im November starke Ergebnisse liefern. Ein Korb aus europäischen Versorgeraktien steigt um 0,1 Prozent.
Die Details
Die Bank of America prognostiziert für den europäischen Erdgas-Referenzpreis ein Niveau von 55 Euro pro Megawattstunde für das Jahr 2027. Drei Faktoren treiben diese Entwicklung: anhaltende Lieferstörungen aus Katar, eine wachsende Nachfrage in Asien und niedrige Speicherfüllstände in Europa. Die Analysten sehen darin einen strukturellen Preisdruck, der die Gewinne der Versorger nachhaltig stützen wird.
Konkret beziffern die BofA-Experten die vom Markt übersehene Gewinnwirkung auf 6 bis 9 Prozent beim Gewinn pro Aktie (EPS) der Versorgungsunternehmen. Als mögliche Risiken nennen sie staatliche Eingriffe: Europäische Regierungen könnten niedrigere Strompreisbremsen verhängen. Allerdings dürften diese Niveaus voraussichtlich über denen aus der Energiekrise im Jahr 2022 liegen.
Zu den profiliertesten Unternehmen zählen laut Analyse der britische Versorger SSE und der deutsche Energiekonzern RWE. Beide dürften im November starke Ergebnisse liefern. Ein Korb europäischer Versorgeraktien notierte zuletzt mit einem Plus von 0,1 Prozent.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 29. Januar 2026 berichtete aktien.news, dass die Bank of America für 2026 einen Rückgang des Gewinns pro Aktie (EPS) um 4,5 Prozent beim STOXX Europe 600 erwartet, sollte der EUR/USD-Kurs bei etwa 1,19 verharren. Damals identifizierten die BofA-Quant-Strategen Energie- und Versorgungsunternehmen als klare Gewinner eines schwächeren Dollars.
Am 4. März 2026 kürte Morgan Stanley drei europäische Versorgeraktien als Top-Favoriten für 2026: National Grid, ENGIE und RWE. Das US-Brokerhaus verwies damals auf regulierte Ertragsstabilität und sichtbares Wachstum bei den Investitionsausgaben. Energiesicherheit stand wieder ganz oben auf der politischen Agenda Europas.
Am 8. September 2026 identifizierte die UBS ihrerseits drei europäische Versorger als Top-Picks: Engie, RWE und Veolia. Die Schweizer Großbank hob die strategische Positionierung der Unternehmen in den Bereichen erneuerbare Energien, Infrastrukturinvestitionen und Umweltleistungen hervor.
Was das für Anleger bedeutet
Die aktuelle Analyse der Bank of America unterstreicht einen Trend, den mehrere Großbanken bereits seit Jahresbeginn 2026 für den europäischen Versorgersektor identifizieren. Während Morgan Stanley und UBS vor allem auf die defensive Qualität und das Wachstum bei den Investitionsausgaben setzten, liefert die BofA nun ein konkretes Preisszenario für Erdgas als zentralen Gewinntreiber.
Die von der BofA genannte Unterschätzung der EPS-Wirkung um 6 bis 9 Prozent ist für Anleger ein relevanter Hinweis. Sollten die Gaspreise tatsächlich auf dem prognostizierten Niveau von 55 Euro pro Megawattstunde verharren, könnten die Gewinne der Versorger die aktuellen Markterwartungen übertreffen. Allerdings bleibt das Risiko staatlicher Eingriffe durch niedrigere Strompreisbremsen bestehen – wenn auch auf einem Niveau, das laut BofA über dem der Energiekrise 2022 liegen dürfte.
Die Nennung von SSE und RWE als Unternehmen mit starken November-Ergebnissen deckt sich mit früheren positiven Einschätzungen zu RWE durch Morgan Stanley und UBS. Deutsche Anleger sollten beachten, dass der Sektor neben dem Gaspreis auch von Währungseffekten profitiert, wie die BofA-Analyse vom Januar 2026 zeigte.
Ausblick
Die Bank of America erwartet, dass die europäischen Referenz-Erdgaspreise auch 2027 bei 55 Euro pro Megawattstunde liegen werden. Für November 2026 prognostizieren die Analysten starke Ergebnisse sowohl für SSE als auch für RWE. Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich von der geopolitischen Lage in Katar, der Nachfrageentwicklung in Asien und den europäischen Speicherfüllständen ab. Zudem bleibt abzuwarten, ob und in welchem Umfang europäische Regierungen von ihren Möglichkeiten zur Strompreisbremse Gebrauch machen.
Kurz erklärt
- EPS (Earnings per Share): Der Gewinn pro Aktie gibt an, wie viel Gewinn ein Unternehmen je ausgegebener Aktie erwirtschaftet. Er ist eine zentrale Kennzahl zur Bewertung der Ertragskraft.
- Referenz-Erdgaspreis: Der europäische Referenzpreis für Erdgas wird maßgeblich am niederländischen Handelsplatz TTF (Title Transfer Facility) bestimmt und dient als Benchmark für Gaslieferverträge in ganz Europa.
- Strompreisbremse: Ein staatlicher Eingriff, bei dem der Strompreis für Verbraucher oder Unternehmen gesetzlich gedeckelt wird, um sie vor übermäßigen Preissteigerungen zu schützen.
