EU-Unternehmen helfen chinesischen Konkurrenten bei der Globalisierung
Deutsche Firmen unterstützen chinesische Partner trotz geopolitischer Spannungen bei der Expansion ins Ausland.

In den vergangenen Jahren haben europäische Politiker ihre Unternehmen eindringlich aufgefordert, sich von China zu distanzieren und Risiken zu minimieren. Die Warnung vor einer übermäßigen Abhängigkeit von der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt war deutlich. Doch viele europäische Multinationals in China scheinen einen anderen Kurs zu wählen. Ihr neuer Leitsatz lautet offenbar: „Wenn man sie nicht schlagen kann, schließt man sich ihnen an."
Eine aktuelle Studie der AHK Greater China – der Deutschen Handelskammer in China – zeigt das Ausmaß dieser Entwicklung. Demnach stufen 36 Prozent ihrer Mitglieder „die Globalisierung chinesischer Firmen" als ihre relevanteste Geschäftschance ein. Insgesamt 68 Prozent der befragten Unternehmen haben bereits in irgendeiner Form mit chinesischen Firmen zusammengearbeitet, die im Ausland investieren. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem die geopolitischen Spannungen zwischen Brüssel und Peking zunehmen.
Chinesische Unternehmen drängen ins Ausland
Um dem brutalen Wettbewerbsumfeld in China zu entkommen, investieren viele chinesische Unternehmen rasch in Produktionsstätten im Ausland. Deutsche Firmen, die eine lange Tradition der Partnerschaft mit lokalen Unternehmen am chinesischen Markt haben, schließen sich diesen Bestrebungen an. „Chinesische Unternehmen bauen ihre internationale Präsenz aus", sagte Oliver Oehms, Geschäftsführer der AHK Greater China, „und deutsche Unternehmen sind Teil dieser Entwicklung."
Diese neue Welle chinesischer Auslandsinvestitionen unterscheidet sich deutlich von früheren. Diesmal wandern Hersteller ab – darunter einige der weltweit fortschrittlichsten Produzenten von Elektrofahrzeugen und Industrierobotik. Sie suchen nach höheren Margen oder versuchen, Zöllen zu entgehen. Das Ausmaß ist enorm: Die direkten chinesischen Auslandsinvestitionen stiegen im vergangenen Jahr um 7,1 Prozent auf 174,4 Milliarden US-Dollar.
Fünf Wege der Zusammenarbeit
Die AHK identifiziert fünf breite Wege, auf denen deutsche Unternehmen ihre chinesischen Partner unterstützen: durch Lieferung von Produkten oder Dienstleistungen für die ausländischen Aktivitäten chinesischer Unternehmen, Hilfe bei der Einhaltung ausländischer Compliance-Standards, Bereitstellung internationaler Erfahrung, gemeinsame Expansion in neue Märkte sowie das Folgen in Drittländer.
Ein konkretes Beispiel aus dem Bericht: Ein deutscher „Automobilzulieferer" ermöglichte seinen chinesischen Partnern die Nutzung seiner Anlage in Südostasien – ein sogenanntes „Factory-in-Factory"-Modell. Während die chinesischen Partner neue Technologie einbrachten, stellte der deutsche Partner die fertigen lokalen Einrichtungen bereit. Ein weiteres deutsches Unternehmen, ein globaler Logistikdienstleister, lässt seine chinesischen Partner die eigene Markenbekanntheit in Europa und anderswo nutzen, um Zugang zu ausländischen Märkten zu erhalten. Ein globaler Technologielieferant hilft chinesischen Herstellern dabei, Compliance- und Regulierungsstandards für Exportmärkte zu erfüllen, insbesondere bei fortschrittlichen Fahrerassistenzsystemen.
Wettbewerbsfähigkeit als Hauptmotiv
Ein Hauptmotiv für die europäischen Unternehmen ist die Aufrechterhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit – sowohl in China als auch im Ausland. Durch die Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen können sie weiterhin wachsen und von ihren Partnern lernen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei das Verständnis für den sogenannten „China-Speed" – die Fähigkeit chinesischer Unternehmen, neue Produkte dreimal schneller zu entwickeln als in Europa.
Die meisten Beteiligten sind sich jedoch einig, dass das Zeitfenster für diese Partnerschaften flüchtig ist. Europäische Unternehmen glauben, dass sie etwa 18 Monate Zeit haben, bevor die meisten chinesischen Firmen die Zusammenhänge selbst durchschauen werden.
Politische Brisanz
Während europäische Unternehmen die Vorteile dieser Partnerschaften sehen, könnte die Aussicht, dass sie ihren chinesischen Rivalen helfen, globale Marktanteile zu gewinnen, für viele Politiker in Brüssel schwer zu verkraften sein. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund massiver Arbeitsplatzverluste in der EU, die einem Zustrom hyper-wettbewerbsfähiger chinesischer Exporte in globale Märkte zugeschrieben werden. Europäische Champions wie Volkswagen bauen zehntausende Arbeitsplätze ab.
In diesem hochpolitischen Umfeld müssen die Hauptsitze europäischer Multinationals versuchen, der Öffentlichkeit besser zu erklären, warum sie sich mit ihren chinesischen Partnern und Rivalen engagiert halten müssen. „Vor zehn Jahren hätte niemand infrage gestellt, dass das, was für europäische Unternehmen in China gut ist, auch gut für Europa ist", sagte Jens Eskelund, Präsident der Europäischen Handelskammer in China. „Aber wo wir uns heute befinden, werden Fragen gestellt."
