Energieaktien: Warum Anleger ihre Zurückhaltung überdenken sollten
Steigende Ölpreise und geopolitische Unsicherheiten könnten Energietitel langfristig attraktiver machen – trotz bereits erfolgter Kursrallye.

Energieaktien stehen wieder im Fokus der Anleger. Angesichts der geopolitischen Spannungen rund um den Iran und die Straße von Hormus deuten viele Signale darauf hin, dass die Ölpreise längerfristig auf einem höheren – möglicherweise deutlich höheren – Niveau verharren werden. Für Investoren, die Energietitel jahrelang gemieden haben, könnte dies ein Umdenken erfordern.
Allerdings warnen Experten vor übereilten Entscheidungen. Angesichts des bereits erfolgten, starken Anstiegs der Bewertungen sollte jede Portfolioanpassung schrittweise erfolgen und nicht als Kurzschlussreaktion. Wer jetzt überstürzt in den Sektor einsteigt, riskiert, zu Höchstkursen zu kaufen.
Energiesektor stark untergewichtet
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit 2021 sind aus ETFs des Energiesektors mehr Mittel abgeflossen als zugeflossen, während alle Sektoren zusammen einen Nettozufluss verzeichneten. Das geht aus Daten von State Street Investment Management hervor. Investoren haben den Energiesektor also über Jahre hinweg systematisch untergewichtet.
Selbst nach der diesjährigen Rallye macht der Energiesektor weniger als 4 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus. Zum Vergleich: Der Technologiesektor kommt auf 32 Prozent. Gegen Ende des Jahres 2022, dem jüngsten Inflationsschock, lag der Energieanteil noch bei über 5 Prozent des Index. In den 1970er-Jahren entfiel laut einem Bericht des Finanzinvestors Carlyle sogar ein Viertel des gesamten S&P 500 auf den Energiesektor – ein historisch eindrucksvoller Vergleich.
Warum Anleger Energietitel so lange mieden
Die Gründe für die jahrelange Zurückhaltung gegenüber Energieaktien sind vielfältig. Nach den ölbedingten Inflationsschocks der 1970er- und 1980er-Jahre folgte eine vergleichsweise lange Phase der Stabilität. Selbst das Wiederaufflammen der Inflation in den Jahren 2021 und 2022 erwies sich als kurzlebig, nachdem sich die Lieferketten normalisierten und sanktioniertes russisches Öl seinen Weg auf den Weltmarkt fand.
Tim Murray, Kapitalmarktstratege bei T. Rowe Price, verweist zudem auf einen weiteren dämpfenden Faktor: Billige Exporte aus China hätten Preise und Inflation über lange Zeit niedrig gehalten. Hinzu kam der US-amerikanische Schieferöl-Boom, der dazu beitrug, die Ölpreise strukturell zu deckeln und die Marktmacht der traditionellen Förderländer zu begrenzen.
Geopolitik als Wendepunkt
Die aktuelle Lage rund um den Iran und die strategisch bedeutsame Straße von Hormus – durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Öltransports fließt – bringt neue Unsicherheit in die Energiemärkte. Es ist laut Analysten nahezu unmöglich vorherzusagen, welche Richtung der Konflikt einschlagen und wann die Meerenge wieder uneingeschränkt passierbar sein wird.
Unabhängig vom konkreten Ausgang des Konflikts scheint die Botschaft für Anleger klar: Die Ära dauerhaft niedriger Ölpreise könnte vorerst vorbei sein. Wer seinen Energieanteil im Portfolio bislang vernachlässigt hat, sollte die aktuelle Situation zumindest als Anlass nehmen, die eigene Allokation kritisch zu hinterfragen – und gegebenenfalls behutsam anzupassen.
