Deutsche Wirtschaft unter Druck: Wachstum, Inflation und Geopolitik
Der Iran-Konflikt trifft Deutschland mit voller Wucht – Wachstumsprognosen sinken, Energiepreise explodieren.

Die deutsche Wirtschaft kämpft mit den Folgen des anhaltenden Iran-Konflikts. Führende Wirtschaftsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 von 1,3 auf nur noch 0,6 Prozent mehr als halbiert. Auch für 2027 fiel die Prognose von 1,4 auf 0,9 Prozent.
Gleichzeitig steigt die Inflation deutlich an. Die Verbraucherpreise dürften in diesem Jahr um 2,8 Prozent zulegen – nach früheren Schätzungen von 2,0 bis 2,3 Prozent. Treiber sind vor allem die Energiekosten, die im März um 7,2 Prozent stiegen – der erste Anstieg seit Ende 2023.
Die Stimmung der Verbraucher ist entsprechend schlecht. Der GfK-Konsumklimaindex fiel für April auf minus 28,0 Punkte. Hohe Spritpreise belasten die Haushaltskassen und drücken die Kauflaune.
EZB vor schwieriger Entscheidung
Die Europäische Zentralbank steht vor einem Dilemma. Die Inflation im Euroraum erreichte im März 2,5 Prozent – getrieben von einem Energiepreisanstieg von 4,9 Prozent. Damit überschreitet sie das EZB-Ziel von 2,0 Prozent deutlich.
Die Finanzmärkte preisen derzeit drei Zinserhöhungen für das laufende Jahr ein. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel signalisierte Offenheit für eine Anhebung bereits im April. Andere Notenbanker warnen jedoch vor überstürztem Handeln, das eine Stagflation – also gleichzeitige Stagnation und Inflation – riskieren könnte.
Die EZB will dabei nicht den Fehler von 2021/22 wiederholen, als sie die Hartnäckigkeit des Inflationsdrucks zu spät erkannte. Die Debatte innerhalb des EZB-Rats ist entsprechend kontrovers.
Industrie unter Druck, Konzerne investieren im Ausland
Die deutsche Industrie spürt die Auswirkungen unmittelbar. Laut einer ifo-Umfrage fühlen sich 90 Prozent der Industrieunternehmen negativ betroffen – durch steigende Energiekosten, Lieferkettenprobleme und höhere Logistikausgaben. Der ifo-Preiserwartungsindikator erreichte den höchsten Stand seit März 2023, da viele Firmen die Mehrkosten an Verbraucher weitergeben wollen.
Einige Großkonzerne suchen ihr Heil im Ausland. RWE investiert 17 der insgesamt 35 Milliarden Euro seines Investitionsbudgets bis 2031 in erneuerbare Energien, Erdgas und Batteriespeicher in den USA. Siemens Energy steckt eine Milliarde US-Dollar in den Ausbau seiner US-Fertigungskapazitäten. Beide Unternehmen wollen von der rekordhohen US-Stromnachfrage profitieren.
Arbeitsmarkt stabil, Infrastruktur macht Fortschritte
Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich bislang überraschend robust. Die Arbeitslosenquote liegt stabil bei 6,3 Prozent. Analysten warnen jedoch, dass Arbeitsmarktdaten auf geopolitische Schocks typischerweise mit Verzögerung reagieren.
Die Deutsche Bahn meldet derweil einen Erfolg: Zum Jahresbeginn 2026 wurde die langjährige Personalunterdeckung in den Stellwerken behoben. Rund 2.200 neue Mitarbeiter wurden zwischen 2024 und 2025 eingestellt – die Besetzungsquote liegt nun bei 100 Prozent.
Tesla wirbt in seinem Werk Grünheide mit sogenannten Open Days um Nachwuchs. Der Konzern setzt dabei auf Persönlichkeit statt Schulnoten und nutzt interaktive Robotik-Workshops zur Azubi-Gewinnung. Deutsche Glasfaser hingegen kämpft mit einem hohen Schuldenberg inmitten steigender Zinsen und Baukosten.
Die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz steht vor einer doppelten Herausforderung. Der Schuldenstand stieg im vergangenen Jahr um 144 Milliarden Euro auf 2,84 Billionen Euro. Gleichzeitig soll ein investitionsfreundliches Umfeld geschaffen werden – bei hohen Energiekosten und globaler Unsicherheit eine schwierige Aufgabe. Der Brent-Rohölpreis verharrt bei rund 115 US-Dollar je Barrel, während die USA 2.500 Marines in die Region entsandt haben.
