Demografischer Wandel: Chinas Bevölkerung könnte sich bis 2100 halbieren
Historische Tiefststände bei Geburtenraten in Europa und Asien werfen Fragen zur Zukunft auf.

Die demografische Entwicklung in den Industrienationen erreicht dramatische Dimensionen. In China liegt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau mittlerweile bei nur noch 0,98. Das bevölkerungsreichste Land der Welt verzeichnete 2024 die niedrigste Geburtenzahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1949. Auch Thailand und Frankreich meldeten historische Tiefststände.
Die Vereinten Nationen prognostizieren einen massiven Bevölkerungsrückgang für die Region von Europa bis China einschließlich Japan. Bis zum Jahr 2100 könnte sich Chinas Bevölkerung halbieren – eine Schätzung, die mittlerweile als zu konservativ gilt. Eine 2020 in der renommierten Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Studie geht von noch niedrigeren Fertilitätsraten aus und sagt voraus, dass auch zahlreiche europäische Länder sowie Japan um die Hälfte schrumpfen werden.
Während die Weltbevölkerung laut UN-Prognosen bis in die 2080er-Jahre weiter wachsen wird, konzentriert sich dieses Wachstum fast ausschließlich auf Subsahara-Afrika. Der nördliche Gürtel von Europa über Russland bis China und Japan hat seinen Bevölkerungshöchststand bereits erreicht.
Lehren aus der Geschichte
Der Oxforder Historiker James Belich zieht in seinem 2022 erschienenen Werk "The World the Plague Made" einen ungewöhnlichen Vergleich. Nach dem Schwarzen Tod ab 1345 halbierte sich die Bevölkerung Westeuropas innerhalb kurzer Zeit. Belichs Forschung zeigt: Die Überlebenden und ihre Nachkommen profitierten wirtschaftlich von dieser Entwicklung.
Der entscheidende Unterschied zu heute: Damals verschwanden Menschen durch eine Katastrophe, während die aktuelle Entwicklung auf freiwilligen Entscheidungen beruht. Die Gemeinsamkeit liegt jedoch darin, dass Land und Güter erhalten bleiben, während die Bevölkerung schrumpft. Dies führt zu einem höheren Pro-Kopf-Vermögen.
Nach der Pest verdoppelte sich das effektive Wohnraumangebot in Europa. Die Menschen gaben schlechtere Immobilien zugunsten besserer auf. Die Wirtschaft schrumpfte zwar insgesamt, wuchs aber pro Kopf. Diese Boomphase dauerte bis etwa 1500 an, als die Bevölkerungszahlen wieder stiegen und die Löhne entsprechend sanken.
Auswirkungen für Deutschland
Für deutsche Anleger und die Wirtschaft ergeben sich weitreichende Implikationen. Schrumpfende Bevölkerungen bedeuten veränderte Konsummuster, einen angespannten Arbeitsmarkt und neue Anforderungen an die Rentensysteme. Gleichzeitig könnten Immobilienmärkte unter Druck geraten, während der Wert von Arbeitskraft steigt.
Die demografische Transformation wird die kommenden Jahrzehnte prägen – gemeinsam mit dem Klimawandel und dem Aufstieg künstlicher Intelligenz. Für Investoren bedeutet dies, langfristige Strategien an diese fundamentalen Verschiebungen anzupassen.
