Cerillion-Aktie bricht ein: Sollten Anleger den Kursverfall nutzen?
Nach Gewinnwarnung: Cerillion-Aktie bricht um 12,5 Prozent ein – Analyst bleibt skeptisch.

Der einstige Wachstumsstar Cerillion (LSE:CER) hat einen herben Rückschlag erlitten. Nach einer Gewinnwarnung des Software-Spezialisten für Telekommunikations-Abrechnungssysteme brach die Aktie am Montag um 12,5 Prozent auf 774 Pence ein. Analyst Edmond Jackson von interactive investor, der bereits im Mai 2025 vor einer Überbewertung gewarnt hatte, sieht nun weiteren Abwärtsdruck – trotz einer zwischenzeitlichen Erholung am Dienstagmorgen.
Cerillion war lange Zeit einer der gefeierten Wachstumswerte des Londoner AIM-Marktes. Der Kurs stieg von rund 150 Pence im Jahr 2019 auf 1.938 Pence im August 2024. Doch die jüngste Gewinnwarnung hat die Bewertung massiv unter Druck gesetzt. Das Unternehmen teilte mit, dass das zweite Halbjahr bis zum 30. September zwar besser ausfallen werde als das erste, doch verzögerte Kundenbestellungen zwängen zu einer Herabstufung der Umsatzerwartungen für das laufende Geschäftsjahr um 6,4 Prozent.
Operativer Hebel wirkt in beide Richtungen
Besonders schmerzhaft für Anleger: Der operative Hebel, der in guten Zeiten für überproportionale Gewinnsteigerungen sorgt, schlägt nun negativ zu Buche. Die beiden Broker von Cerillion senkten ihre Prognosen für den Gewinn je Aktie (EPS) um 17 Prozent. Grund ist die erwartete EBITDA-Marge, die mit 43 bis 45 Prozent deutlich unter den 50,9 Prozent des Vorjahres liegen wird.
„Die Senkung ist offensichtlich größer als der gestrige Rückgang von 12,5 Prozent“, schreibt Jackson. Allerdings seien die Aktien bereits in diesem Monat von rund 1.000 Pence auf 885 Pence gefallen, noch bevor die Herabstufungen bekannt wurden. Der Analyst hatte bereits im Mai 2025 bei Kursen um 1.700 Pence eine „Verkauf“-Position empfohlen und die Aktien angesichts eines Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) von 30x als überbewertet eingestuft.
Bewertung nach dem Absturz
Nach dem Kurseinbruch ergibt sich ein völlig anderes Bild. Die beiden Broker des Unternehmens projizieren nun einen bereinigten Gewinn je Aktie von 48,7 Pence für das laufende Jahr. Das entspricht einem rückwärtigen KGV von nahe 16x, das sich auf 14,5x entspannt, wenn die Erwartung von 53,3 Pence EPS für September 2027 erfüllt wird. Die Dividendenrendite liegt bei lediglich rund 2,3 Prozent, wenngleich mit einer soliden Gewinnabdeckung von 3,6x.
„Solche Aktien stehen zwischen den Stühlen“, analysiert Jackson. „Das Vertrauen, um die Wachstumsgeschichte zu stützen, schwindet, während die Rendite unzureichend ist, um einkommensorientierte Anleger anzuziehen.“
Wettbewerb als langfristiges Risiko
Ein zentrales Problem sieht der Analyst im zunehmenden Wettbewerb. Cerillion habe sich zwar eine hochprofitable Nische unter Telekommunikationsbetreibern des Mittelstands, digitalen Marken und mobilen Diensteanbietern erobert. Doch der Sektor sei überfüllt. „Es herrscht starker Wettbewerb um groß angelegte Telekommunikationsverträge von großen Konzernen und cloud-getriebenen Anbietern“, so Jackson. In Schwellenmärkten oder kleineren Einsatzgebieten hätten sich zudem agile Spezialanbieter manifestiert.
Interessant ist, dass selbst spezialisierte Branchenanalysten keine „Verkauf“-Positionen herausgaben. Sie blieben positiv, senkten jedoch ihre Kursziele – beispielsweise von rund 2.000 Pence auf 1.400 Pence als Reaktion auf die neueste Herabstufung. Dies scheint nach Jacksons Einschätzung ein allgemeines Prinzip widerzuspiegeln: Hohe Margen ziehen Wettbewerb an, und Wachstumswertbewertungen dürfen nicht als selbstverständlich angesehen werden.
Bestellungsbuch mit Vorsicht genießen
Cerillion warb zuletzt mit einem Rekord-Backorder-Buch von 81,2 Millionen Pfund zum 31. März und einer Pipeline neuer Kunden von 271 Millionen Pfund. Der Vorstand erhöhte zudem die Zwischendividende um 15 Prozent auf 5,5 Pence. Doch Jackson rät zur Vorsicht: „Vielleicht ist eine ausgewogene Sichtweise die, dass dieser starke Auftragshintergrund ein kurzfristiges Timing-Problem impliziert, das Softwareunternehmen periodisch plagt.“
Als warnendes Beispiel führt er den Ölfeld-Dienstleister Petrofac an, der früher ebenfalls mit einem starken Bestellungsbuch prahlte, aber letztlich aufgrund seiner Schulden und einer gescheiterten Umstrukturierung in der Insolvenz endete.
Fazit: Halten oder Verkaufen?
Am Dienstagmorgen stiegen die Aktien trotz fallender Märkte aufgrund erneuter Konflikte im Nahen Osten um 2 Prozent auf 790 Pence. „Eine ausgewogene Sichtweise würde respektieren, was das Gleichgewicht von Käufern und Verkäufern andeutet, als ob die Verkaufsdrucke nun absorbiert worden wären“, schreibt Jackson. Auf kurze Sicht könne daher eine „Halten“-Position gerechtfertigt sein.
Dennoch behält der Analyst seine „Verkauf“-Position bei. Hauptgrund ist der „offensichtliche Verlust der Einzigartigkeit in diesem kommerziellen Bereich, der ein langfristiger Faktor sein könnte, während die vernachlässigbare Rendite nicht ausreicht, um das Risiko des Aktienbesitzes zu kompensieren“. Den geeigneten Zeitpunkt für eine Aufwertung sieht Jackson in Sichtweite der Jahresergebnisse Ende November sowie wenn sich die Lage im Nahen Osten beruhigt hat.
