Britisches Steuersystem: Grenzsteuersätze von 62 Prozent und mehr
Ein neuer Reformvorschlag soll absurde Steuerklippen im britischen Einkommensteuersystem beseitigen.

Das britische Steuersystem produziert seit Jahren paradoxe Ergebnisse: Wer mehr verdient, kann am Ende weniger in der Tasche haben. Schuld daran sind sogenannte Steuerklippen – abrupte Einschnitte bei staatlichen Leistungen, die zu effektiven Grenzsteuersätzen von mehreren tausend Prozent führen können. Der Thinktank Centre for British Progress hat nun eine konkrete, durchgerechnete Lösung vorgelegt.
Besonders drastisch ist die Situation ab einem Jahreseinkommen von 100.000 Britischen Pfund. Dort beginnt der schrittweise Entzug des persönlichen Steuerfreibetrags, was den Grenzsteuersatz auf 62 Prozent treibt. Oberhalb von 125.140 Pfund ist der Freibetrag vollständig aufgebraucht – und der Satz fällt paradoxerweise wieder auf 47 Prozent zurück. Ein System, in dem höheres Einkommen zunächst höher und dann wieder niedriger besteuert wird, lässt sich laut Experten nicht rechtfertigen.
Noch gravierender ist die Situation bei der Kinderbetreuungsförderung. Sobald das individuelle Einkommen die 100.000-Pfund-Grenze überschreitet, entfallen staatliche Leistungen im Wert von mehreren tausend Pfund vollständig. Das Ergebnis: Ein Elternteil mit 99.999 Pfund Jahreseinkommen kann finanziell besser dastehen als eines mit 140.000 Pfund – ein rechnerischer Grenzsteuersatz von tausenden Prozent.
Klippe trifft auch Geringverdiener
Am anderen Ende der Einkommensskala trifft eine ähnliche Falle Pflegepersonen mit niedrigem Einkommen. Das Pflegegeld (Carer's Allowance) wird vollständig gestrichen, sobald das Einkommen knapp über 10.000 Pfund steigt. Eine Pflegekraft mit 14.000 Pfund Jahresverdienst steht damit schlechter da als eine mit 10.000 Pfund – ein Anreiz, weniger zu arbeiten.
Die Zahlen belegen, dass diese Fehlanreize tatsächlich wirken. Im Jahr 2022/23 hielten 32.000 britische Steuerzahler ihr Einkommen bewusst unter 100.000 Pfund. Weitere 230.000 blieben unter 50.000 Pfund – damals der Schwellenwert für die Kindergeldrückforderung. Dan Neidle, Gründer von Tax Policy Associates, spricht von einem System, das es sowohl für eine Pflegekraft mit 9.000 Pfund als auch für einen Elternteil mit 99.000 Pfund rational macht, Arbeit abzulehnen.
Innovativer Reformvorschlag liegt auf dem Tisch
Der Thinktank Centre for British Progress schlägt nun eine elegante Lösung vor: Die abrupte 100.000-Pfund-Klippe bei der Kinderbetreuung soll durch eine neue Steuer von 3 Prozent auf das Einkommen über 100.000 Pfund pro Kind ersetzt werden. Damit würde die Förderung graduell abschmelzen statt abrupt wegfallen – ein Ansatz, der Fehlanreize beseitigt und gleichzeitig die Staatskasse schont.
Die britische Regierung hat signalisiert, die Kinderbetreuungsregelung erneut zu prüfen. Für deutsche Beobachter ist das Thema nicht ohne Relevanz: Auch hierzulande sorgen Abschmelzregelungen bei Sozialleistungen und die kalte Progression für ähnliche Verzerrungen im Steuersystem – wenngleich in geringerem Ausmaß als im Vereinigten Königreich.
