Boomzession: Warum US-Amerikaner trotz Wirtschaftswachstum leiden
Neue Wirtschaftstheorie erklärt die Kluft zwischen starken Makrodaten und der finanziellen Realität vieler Haushalte.

Die US-Wirtschaft wächst, die Börsen erreichen neue Höchststände und die Arbeitslosenquote bleibt niedrig. Dennoch fühlt sich die Mehrheit der Amerikaner wirtschaftlich abgehängt. Der Ökonom Matt Stoller hat für dieses Phänomen einen Begriff geprägt: die "Boomzession" – ein Kofferwort aus Boom und Rezession.
Das Konzept beschreibt eine paradoxe Situation: Während makroökonomische Kennzahlen Wohlstand signalisieren, kämpfen viele Haushalte mit Rekordschulden und steigenden Lebenshaltungskosten. Laut einer Guardian-Harris-Umfrage vom Dezember glauben fast 60 Prozent der Amerikaner fälschlicherweise, dass sich das Land in einer Rezession befindet – 11 Prozentpunkte mehr als Anfang 2025.
Die Diskrepanz zwischen offiziellen Wirtschaftsdaten und der Verbraucherstimmung hat historische Dimensionen. Erstmals seit sechs Jahrzehnten korreliert das BIP-Wachstum nicht mehr mit einem verbesserten Konsumklima. Der Konsumklimaindex der Universität Michigan fiel im vergangenen Jahr fast auf ein Allzeittief, während die Wirtschaft im dritten Quartal 2025 um 4,3 Prozent wuchs.
Inflation trifft untere Einkommensschichten härter
Ein zentraler Faktor der Boomzession ist die ungleiche Verteilung der Inflationslast. Daten der Atlanta Fed zeigen, dass Lebensmittelpreise in ärmeren Gegenden zwischen 2006 und 2020 um etwa 9 Prozent stärker stiegen als in wohlhabenderen Gebieten. Diese Entwicklung hat sich nach der Pandemie verschärft.
Lebensmittel und Wohnkosten verzeichneten laut Morgan Stanley zwischen 2020 und 2025 die stärksten Preissteigerungen aller lebensnotwendigen Güter. Diese beiden Kategorien machen einen überproportional hohen Anteil der Ausgaben einkommensschwacher Haushalte aus. Die Morgan-Stanley-Ökonomin Heather Berger erklärt, dass Geringverdiener historisch höhere Inflationsraten erleben als wohlhabendere Mitbürger – besonders wenn die Gesamtinflation über dem Fed-Ziel von 2 Prozent liegt.
Die finanzielle Belastung zeigt sich in den Zahlen: Die Kreditkartenschulden erreichten im vierten Quartal 2024 ein Rekordhoch von 1,28 Billionen Dollar, wie Daten der New York Fed belegen. Ohne die Sicherheitsnetze der Pandemie-Hilfen fühlen sich viele Haushalte zunehmend verwundbar.
Arbeitsmarkt: Wenig Neueinstellungen, wenig Entlassungen
Ökonomen beschreiben die aktuelle Arbeitsmarktsituation als "beschäftigungslosen Boom" oder "Einstellungsrezession". Fed-Chef Jerome Powell charakterisiert das Umfeld als "low hire, low fire" – wenige Neueinstellungen bei gleichzeitig wenigen Entlassungen. Die Zahl der offenen Stellen fiel im Dezember auf den niedrigsten Stand seit 2020.
Die Produktivität pro Arbeitnehmer erreichte 2024 neue Allzeithochs, was paradoxerweise schlechte Nachrichten für Beschäftigte sein könnte. Der Anstieg wird als Zeichen gewertet, dass künstliche Intelligenz die Effizienz massiv steigert und Unternehmen zum Personalabbau ermutigt. Nike, Amazon und UPS kündigten bereits großflächige Stellenstreichungen an. Laut Challenger, Gray & Christmas stiegen die Entlassungen von Dezember bis Januar um über 200 Prozent.
Die sogenannte Lohnquote – der Anteil der Wirtschaftsleistung, der als Vergütung an Arbeitnehmer zurückfließt – fiel auf neue Tiefstände. Gleichzeitig wuchs die Kluft zwischen Unternehmensgewinnen und Arbeitnehmerentgelten als Anteil am BIP auf den höchsten jemals verzeichneten Wert.
K-förmige Wirtschaft: Oben Boom, unten Rezession
Die Konsumausgaben werden laut Moody's mehr denn je von den obersten 20 Prozent der Amerikaner getragen. Da einkommensstarke Schichten eher Aktien besitzen, stützen anhaltende Börsengewinne ihr wirtschaftliches Vertrauen und ihre Kaufkraft. Der Rest der Bevölkerung profitiert von dieser Entwicklung kaum.
Eine exklusive Snap-Finance-Umfrage für CNBC zeigt die Kluft deutlich: Während etwa ein Viertel aller Befragten ihre finanzielle Situation als "instabil" oder "sehr instabil" bezeichnete, schnellt dieser Anteil bei Personen mit niedrigen Kredit-Scores auf 41 Prozent und bei Haushalten mit einem Einkommen unter 50.000 Dollar auf 54 Prozent.
Diese Erfahrungen erklären die wachsende Skepsis gegenüber offiziellen Wirtschaftsdaten. Eine YouGov-Umfrage vom August 2024 ergab, dass erstmals mehr Amerikaner den Bundesberichten über die Wirtschaft misstrauen als ihnen vertrauen. Präsident Donald Trump behauptete im Januar, es gebe "praktisch keine" Inflation mehr, obwohl die aktuellen Raten über der 2-Prozent-Marke liegen.
Der Beschäftigungsbericht für Januar fiel zwar besser aus als erwartet, doch mehr als die Hälfte des Nettowachstums entfiel allein auf den Gesundheitssektor. Die BIP-Daten für das vierte Quartal werden am Freitag erwartet und könnten weitere Einblicke in die Boomzession liefern.
