Biontech schließt drei deutsche Werke: Frist für Käufer läuft ab
Fast 2000 Arbeitsplätze in Tübingen, Idar-Oberstein und Marburg stehen auf der Kippe, die Frist endet im September.

Biontech steht vor einem tiefgreifenden Einschnitt in Deutschland. Wie die WirtschaftsWoche berichtet, will das Mainzer Unternehmen seine Standorte in Tübingen, Idar-Oberstein und Marburg schließen. Betroffen sind fast 2000 Arbeitsplätze. Die Ankündigung erfolgte bereits im Mai, doch nun läuft die entscheidende Frist ab: Bis Ende September müssen Käufer gefunden sein, sonst ist jeweils Ende 2027 endgültig Schluss.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß. In Marburg geht es um 540 Jobs, in Idar-Oberstein um über 400 Arbeitsplätze. Am härtesten trifft es Tübingen mit 820 Stellen, die auf der Kippe stehen. Dort wurden von einst über 1000 Arbeitsplätzen bereits 300 abgebaut. Die verbliebenen Tübinger Stellen könnten möglicherweise schon Ende 2026 wegfallen. Ein Plakat in der Stadt spricht von einem "Ramp-Down-Prozess im Rahmen des Transformationsprogramms Biontech".
Vom Symbol zum Sorgenfall
Das Marburger Werk galt zu Corona-Zeiten als Symbol deutscher Resilienz und Innovationskraft. Auf dem Höhepunkt der Pandemie wurden dort Hunderte Millionen Impfstoffdosen produziert. Die Anlage war 2020 von Novartis übernommen und als mRNA-Exzellenzzentrum geplant worden. Sogar Bundeskanzler Olaf Scholz besuchte den Standort im Februar 2023. Heute ist von dieser Aufbruchstimmung wenig geblieben.
Der Grund für den Rückzug liegt in der Geschäftsentwicklung. Nach dem Ende der Pandemie sind die Umsätze eingebrochen, aus Gewinnen wurden Verluste. Ein Krebsmedikament hat Biontech bislang nicht auf den Markt gebracht. Das Unternehmen erklärt, "unsere kommerziellen und klinischen mRNA-Produktionskapazitäten die Nachfrage übersteigen". Mit anderen Worten: Die Kapazitäten sind schlicht zu groß für das aktuelle Geschäft. Insider sprechen laut Bericht von zu viel Personal, zu vielen Projekten und zu vielen Produktionsstätten.
Für Anleger ist das ein wichtiges Signal. Biontech befindet sich in einer Umbruchphase, in der die einstige Pandemie-Story nicht mehr trägt. Der Markt wartet auf belastbare Ergebnisse aus der Krebsforschung, doch diese lassen auf sich warten. Die Werksschließungen sind daher auch ein Kostensenkungsprogramm, das die Bilanz entlasten soll.
Gründer gehen eigene Wege
Zusätzliche Unruhe bringt der Abschied der Gründer. Özlem Türeci und Uğur Şahin gründen ein eigenes mRNA-Unternehmen und scheiden Ende des Jahres aus. Laut Handelsblatt-Bericht heißt die neue Firma Arife. Die beiden befinden sich zudem im Streit mit Biontech um Patente und Beschäftigte. Als Nachfolger übernimmt Guido Oelkers, der derzeit noch beim schwedischen Unternehmen Sobi tätig ist.
Der Corona-Impfstoff soll künftig von Pfizer produziert werden, vermutlich in den USA. Damit verschiebt sich ein zentrales Stück Wertschöpfung ins Ausland. Auch die Übernahme von Curevac im Jahr 2025 spielt in dieses Bild: Curevac war einst mit seinem Corona-Impfstoff wegen mangelnder Wirksamkeit gescheitert, es läuft eine Klage wegen Patentverletzungen. Curevac forschte seit der Jahrtausendwende an mRNA, mit Laboren oberhalb von Tübingen.
Die Verhandlungen über die Zukunft einzelner Standorte laufen noch, der Erfolg ist offen. Biontech will sich derzeit nicht äußern. Moderna hatte früher Interesse an der Anlage bekundet, konkrete Käufer sind aber nicht bekannt.
Kritik von Gewerkschaft und Politik
Die Gewerkschaft IGBCE zweifelt am ernsthaften Willen des Managements. Roland Strasser, IGBCE-Landesbezirksleiter Rheinland-Pfalz, warnt: "Falls die Anlage geschlossen wird, geht damit viel Know-how verloren. Und das verschlechtert die Versorgung im Krisenfall. Was machen wir denn, wenn die nächste Pandemie kommt?" Strasser bezweifelt laut Bericht eine ernsthafte Verkaufsprüfung durch das Management und nennt die Aussagen eine Beruhigungspille. Er fordert mehr Druck der Regierung für den Erhalt der Anlage.
Auch aus der Kommunalpolitik kommt Widerstand. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer bringt die Lage auf den Punkt: "Erst kaufen, dann killen". Damit kritisiert er den Umgang mit übernommenen Standorten.
Für Privatanleger bleibt die entscheidende Frage, wie sich der Umbau auf die künftige Ertragskraft auswirkt. Biontech wurde 2008 gegründet und hat sich mit der mRNA-Technologie einen Namen gemacht, die Baupläne für körpereigene Abwehrzellen liefert. Ob das Unternehmen nach dem Abgang der Gründer und dem Rückzug aus der Fläche an die Erfolge anknüpfen kann, ist offen. Anleger sollten die weitere Berichterstattung über Käufer und Standortentscheidungen genau verfolgen.
