2,76 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss in Deutschland
Berufsbildungsbericht 2026 zeigt: Fast jeder Fünfte der 20- bis 34-Jährigen hat keine abgeschlossene Ausbildung.

2,76 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren haben in Deutschland keinen Berufsabschluss. Das geht aus dem Berufsbildungsbericht 2026 hervor, der am 30. Oktober im Rahmen der Ausbildungsmarktbilanz vorgestellt wurde. Damit ist nahezu jeder Fünfte in dieser Altersgruppe ohne abgeschlossene Berufsausbildung.
Gleichzeitig hat sich die Lage für Ausbildungssuchende weiter verschlechtert. Nur noch 179.000 Bewerberinnen und Bewerber haben eine Ausbildungsstelle gefunden – 12.000 weniger als im Vorjahr. Das entspricht einem Anteil von 40 Prozent an allen gemeldeten Bewerbern und markiert den geringsten Wert seit der Wiedervereinigung.
Andrea Nahles, Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, fasste die Entwicklung mit klaren Worten zusammen: "179.000 Bewerberinnen und Bewerber haben eine Ausbildungsstelle gefunden. Das sind 12.000 weniger als im Vorjahr." Die Zahl verdeutlicht, wie angespannt der Übergang von der Schule in den Beruf derzeit ist.
Die Teilzeitausbildung eröffnet alleinerziehenden Müttern neue Wege
Ein Beispiel für neue Lösungsansätze liefert das Katholische Klinikum Bochum. Dort absolviert die 22-jährige Sara Krämer eine Teilzeitausbildung zur Pflegekraft. Die Idee dazu stammte von der Pflegeschule BIGEST Bochum. Die Ausbildung dauert in dieser Form vier statt drei Jahre, dafür ist die Wochenarbeitszeit reduziert.
Für Krämer ist das der entscheidende Unterschied. "Ich habe eine fast dreijährige Tochter, und sie geht noch in den Kindergarten. Der öffnet erst um sieben Uhr morgens, und in der Vollzeitausbildung fängt es in der Praxis schon um sechs Uhr morgens an", schildert sie ihre Situation. Ohne das Teilzeitmodell wäre eine Ausbildung für sie kaum mit der Betreuung ihres Kindes vereinbar.
Der demographische Wandel erhöht den Bedarf an Pflegekräften ohnehin deutlich. Die Teilzeitausbildung wird in diesem Zusammenhang als Win-Win-Situation für Betriebe und Auszubildende beschrieben. Ohne solche Modelle gingen wertvolle Mitarbeitende verloren, die sonst gar nicht erst in eine Ausbildung einsteigen könnten.
Hohe Mieten erschweren die Ausbildung in Ballungsgebieten
Neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt der Wohnungsmarkt viele Auszubildende vor erhebliche Probleme. In Ballungsgebieten liegen die Mieten für WG-Zimmer häufig über 700 Euro. Für junge Menschen in der Ausbildung ist das oft kaum zu stemmen.
Das Kolping Jugendwohnen in Frankfurt am Main bietet hier eine Lösung. Trägerin Sandra Garbade erklärt das Modell: In dem Wohnheim werden ausschließlich Azubis aufgenommen. Die Warmmiete richtet sich nach dem Ausbildungsgehalt und liegt in einer Kategorie von 200 Euro, wie Nicklas Wagner erläutert. Internet ist inklusive.
Zusätzlich bietet das Wohnheim sozialpädagogische Unterstützung, etwa Nachhilfe. Diese Begleitung kann gefährdete Ausbildungen retten, die sonst abgebrochen würden. Für viele junge Menschen ist ein stabiles Wohnumfeld die Voraussetzung dafür, eine Ausbildung überhaupt durchzuhalten.
Der Übergang von der Schule in den Beruf passt häufig nicht zusammen
Hinter den schwachen Bewerberzahlen stehen nach Einschätzung von Fachleuten zwei Phänomene: eine zurückhaltende Ausbildungsbereitschaft der Betriebe und eine mangelnde Passung zwischen Jugendlichen und Arbeitgebern. Arbeitgeber haben feste Vorstellungen von ihren Bewerbern, während Unternehmen zugleich die Kapazitäten für die Förderung von Jugendlichen fehlen.
Jan Krüger vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) beschreibt die Folgen für die Betroffenen drastisch: "Sie sind im Prinzip, bevor ihr Erwerbsleben angefangen hat, eigentlich schon auf dem Abstellgleis gelandet." Junge Menschen ohne Abschluss tragen ein höheres Risiko für Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung. Unterbrochene Erwerbsbiografien und ein zu geringes Einkommen prägen diese Gruppe.
Studien zufolge sind betriebliche Praktika der Schlüssel für einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss. Sie wirken anders als die reine Vermittlung im Klassenraum, weil Jugendliche und Betriebe sich dabei praktisch kennenlernen können. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn sowie die Agentur für Arbeit Frankfurt am Main und die Bundesagentur für Arbeit mit Bettina Lenk und Tim Arndt befassen sich mit diesen Fragen des Übergangs.
Bereits am 14.04.2026 berichtete aktien.news über den Rückgang der Ausbildungsverträge
Die aktuelle Entwicklung ist Teil eines längeren Trends. Bereits am 14.04.2026 berichtete aktien.news, dass die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge im Jahr 2025 um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 461.800 Verträge gesunken war. Das entsprach einem Rückgang von 13.300 Ausbildungsverhältnissen. Damit setzte sich ein Trend fort, der 2024 begonnen hatte, nachdem es in den Jahren 2021 bis 2023 noch leichte Zuwächse bei den Ausbildungsstarts gegeben hatte.
Auch der Arbeitsmarkt insgesamt zeigt sich durchwachsen. Am 30.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Zahl der Arbeitslosen im Oktober gegenüber dem September um 40.000 auf rund 2,955 Millionen gesunken war, die traditionell kräftige Herbstbelebung aber ausblieb. Die Arbeitslosenquote fiel um 0,1 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent. Saisonbereinigt stieg die Zahl der Arbeitslosen sogar um 4.000, und im Vergleich zum Oktober des Vorjahres waren knapp 44.000 Menschen mehr ohne Arbeit gemeldet.
Die schwache Ausbildungsbilanz trifft Unternehmen und Regionen unterschiedlich stark
Für Anleger ist die schwache Ausbildungsbilanz ein Signal, das über den Arbeitsmarkt hinausreicht. Junge Menschen ohne Berufsabschluss fehlen dem Arbeitsmarkt langfristig als Fachkräfte, was den bereits spürbaren Mangel in Branchen wie der Pflege weiter verschärfen dürfte. Unternehmen, die auf qualifizierte Nachwuchskräfte angewiesen sind, könnten dadurch höhere Kosten für Rekrutierung und Weiterbildung tragen.
Gleichzeitig zeigt das Beispiel der Teilzeitausbildung, dass sich Engpässe mit flexiblen Modellen zumindest teilweise abfedern lassen. Betriebe, die solche Wege gehen, sichern sich Mitarbeitende, die sonst nicht zur Verfügung stünden. Für Privatanleger lohnt es sich, bei der Bewertung von Unternehmen auch darauf zu achten, wie diese mit dem Thema Nachwuchssicherung umgehen. Eine pauschale Empfehlung lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
Auch die Wohnungssituation in Ballungsgebieten spielt eine Rolle. Wenn Auszubildende wegen hoher Mieten keine Stelle in einer teuren Region annehmen können, verschiebt sich die Verfügbarkeit von Arbeitskräften zwischen Regionen. Das kann Standortentscheidungen von Unternehmen beeinflussen.
Der Koalitionsvertrag nennt ein Ziel, der DGB fordert mehr Einsatz
Der Koalitionsvertrag sieht vor, die Zahl der Jugendlichen ohne Berufsabschluss zu senken. Der DGB fordert ein stärkeres Engagement der Bundesregierung, um dieses Ziel zu erreichen. Nach Einschätzung des DGB funktioniert die von der Ampelregierung eingeführte Ausbildungsgarantie nicht.
Damit bleibt offen, welche konkreten Maßnahmen folgen. Klar ist, dass die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss und der geringste Bewerberanteil seit der Wiedervereinigung den Handlungsdruck erhöhen. Ob Teilzeitmodelle, Azubi-Wohnheime und betriebliche Praktika ausreichen, um die Entwicklung umzukehren, wird sich an den kommenden Ausbildungsmarkt-Bilanzen zeigen.
Diese Fachbegriffe helfen beim Verständnis des Ausbildungsmarkts
- Berufsbildungsbericht: Ein regelmäßig erscheinender Bericht, der die Lage der beruflichen Ausbildung in Deutschland dokumentiert.
- Teilzeitausbildung: Eine Ausbildung mit reduzierter Wochenarbeitszeit und verlängerter Ausbildungsdauer.
- Ausbildungsgarantie: Ein staatliches Instrument, das jungen Menschen einen Zugang zu einer Berufsausbildung sichern soll.
- Mismatch: Das Auseinanderfallen von Anforderungen der Arbeitgeber und Qualifikationen der Bewerber am Arbeitsmarkt.
