Verurteilung von Deutsche-Bank-Händler Bittar wegen Zinsmanipulation aufgehoben
Das britische Berufungsgericht hebt das Schuldbekenntnis von Christian Bittar auf – ein historisches Scheitern der Strafverfolgung.

Das britische Berufungsgericht (Court of Appeal) hat die Verurteilung des ehemaligen Star-Händlers der Deutschen Bank, Christian Bittar, wegen Manipulation von Zinssätzen aufgehoben. Dies geschah trotz seines vorangegangenen Schuldbekenntnisses – ein in der britischen Rechtsgeschichte seltener Vorgang. Die Entscheidung markiert den nahezu vollständigen Zusammenbruch der britischen Strafverfolgung im Bereich der Benchmark-Manipulation.
Die Aufhebung kommt kurz nach einer weiteren Niederlage für das Serious Fraud Office (SFO): Ebenfalls in dieser Woche wurden die Verurteilungen von fünf ehemaligen Barclays-Händlern wegen Zinsmanipulationen für nichtig erklärt. Während die Staatsanwaltschaft die Barclays-Fälle kampflos aufgegeben hatte, hatte das SFO bei Bittar aufgrund seines Schuldbekenntnisses auf einem anderen Standpunkt beharrt – und verlor dennoch.
Die Details
Christian Bittar, den ein Richter einst als „vielleicht der Beste der Welt" auf seinem Gebiet bezeichnete, verdiente Mitte der 2000er Jahre bei der Deutschen Bank in London zweistellige Millionenbeträge in Pfund. Der Derivate-Spezialist hatte sich 2018 vor dem Southwark Crown Court der Verschwörung zur Manipulation des Euribor-Zinssatzes schuldig bekannt und verbrachte daraufhin fast zwei Jahre im Gefängnis.
In der Anhörung am Freitag argumentierte Bittars Verteidiger Adrian Darbishire KC, es wäre „grotesk unfair", wenn die Verurteilung bestehen bliebe. Darbishire erklärte, Bittar habe sich nur deshalb schuldig bekannt, weil die damalige Rechtsprechung ihm keine tragfähige Verteidigung ermöglicht habe. Zudem hob er hervor, dass Bittar zwar auf schuldig plädiert, aber nicht zugegeben habe, Zinssätze gemeldet zu haben, die tatsächlich falsch oder unredlich waren.
Das SFO hielt dagegen: James Waddington KC, Vertreter der Behörde, forderte das dreiköpfige Richtergremium auf, die Verurteilung nicht aufzuheben. Das Geständnis sei ein „Beweis der Schuld, wobei es unerheblich sei, dass Herr Bittar gegenüber seinen Anwälten seine Unschuld beteuert habe". „Die Beweislast gegen Herrn Bittar war erdrückend", sagte Waddington vor Gericht. Lord Justice Edis, Mr. Justice Goose und Mr. Justice Moose erklärten dennoch, dass Bittars Verurteilung aufgehoben werden solle; die schriftliche Begründung soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht werden.
Bittar selbst reagierte mit einer persönlichen Erklärung: „Ich habe sehr, sehr lange auf diesen Tag gewartet. Endlich wurde das Unrecht anerkannt, das ich und andere erlitten haben." Sein Anwalt Ben Rose von der Kanzlei Hickman & Rose übte scharfe Kritik am SFO: „Es ist ein Skandal, dass das SFO konsequent daran gescheitert ist, seiner Pflicht nachzukommen und sicherzustellen, dass diese Prozesse fair ablaufen."
Jason Williams, Leiter der Abteilung für Betrug und Korruption beim SFO, erklärte: „Wir haben für ein anderes Ergebnis argumentiert, respektieren aber die Entscheidung des Gerichts in Bezug auf Christian Bittar. Das SFO bleibt entschlossen, gegen komplexesten Betrug, Bestechung und Korruption vorzugehen."
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Wurzeln dieser Entwicklung reichen bis in die Nachwirkungen der globalen Finanzkrise zurück. Benchmarks wie der Euribor und der Libor bildeten die Grundlage für Finanzkontrakte im Wert von Billionen US-Dollar und wurden täglich durch Meldungen großer Banken festgelegt. Sie wurden nach der Finanzkrise zu einem Blitzableiter für den öffentlichen Zorn auf die Banken, was intensive Strafverfolgungsmaßnahmen in Großbritannien auslöste.
In den darauffolgenden Prozessen hatten Richter den Geschworenen erklärt, dass jede Meldung, die von geschäftlichem Eigeninteresse beeinflusst wurde, von Rechts wegen automatisch falsch sei. Der Oberste Gerichtshof stellte jedoch im vergangenen Jahr fest, dass diese Anweisungen fehlerhaft waren – und hob die Verurteilungen der Händler Tom Hayes und Carlo Palombo auf. Dieses Grundsatzurteil ebnete den Weg für die nun folgenden Aufhebungen weiterer Verurteilungen.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist der Fall vor allem aus regulatorischer und institutioneller Perspektive relevant. Die Deutsche Bank war als Arbeitgeberin von Christian Bittar direkt in den Euribor-Skandal verwickelt. Die Aufhebung der Verurteilung wirft grundsätzliche Fragen über die Qualität und Fairness der britischen Strafverfolgung in Finanzmarktfällen auf.
Darüber hinaus zeigt der Fall, wie komplex die rechtliche Aufarbeitung von Marktmanipulationen ist – und wie lange solche Verfahren dauern können. Für Anleger, die in Bankaktien investiert sind, verdeutlicht die Saga, dass regulatorische und juristische Risiken im Finanzsektor langfristig nachwirken können, auch wenn die unmittelbaren Strafzahlungen bereits abgewickelt sind.
Ausblick
Mit der Entscheidung vom Freitag ist der einzige Händler mit einer noch bestehenden Verurteilung Peter Johnson, der sich 2014 der Verschwörung zur Libor-Manipulation schuldig bekannte. Der ehemalige Barclays-Händler hat ebenfalls vorläufige Berufungsgründe eingereicht. Seine Anwältin Ellen Gallagher, Partnerin der Kanzlei Vardags, erklärte am Freitag: „Peters Kampf um die Reinwaschung seines Namens geht weiter."
Das Berufungsgericht hat angekündigt, die schriftliche Begründung zur Aufhebung von Bittars Verurteilung zu einem späteren Zeitpunkt nachzureichen. Diese Begründung dürfte auch für den Fall Johnson von Bedeutung sein.
Kurz erklärt
- Euribor: Ein Referenzzinssatz, zu dem sich europäische Banken gegenseitig Geld leihen, der als Grundlage für zahlreiche Finanzkontrakte dient.
- Libor: Ein internationaler Referenzzinssatz für Interbankenkredite, der täglich auf Basis von Meldungen großer Banken festgelegt wurde.
- Schuldbekenntnis (Guilty Plea): Eine formelle Erklärung eines Angeklagten vor Gericht, mit der er die Schuld an einem Straftatbestand eingesteht, ohne dass ein vollständiges Verfahren stattfindet.
