UBS-Studie: Demografischer Wandel bremst globales Wachstum um zwei Prozentpunkte
Die Alterung der Bevölkerung und sinkende Geburtenraten könnten das globale Wirtschaftswachstum deutlich dämpfen, warnt UBS-Ökonom Reinhard Cluse.

Die rapide Alterung der Bevölkerung und sinkende Geburtenraten drohen das globale Wirtschaftswachstum um bis zu zwei Prozentpunkte zu dämpfen. Gleichzeitig werden die Renten- und Gesundheitsausgaben in den entwickelten Volkswirtschaften bis 2060 um mindestens 5% des BIP steigen. Das geht aus einem Forschungsbericht von UBS Global Research hervor, der sich mit globalen demografischen Trends befasst.
Der UBS-Ökonom Reinhard Cluse warnt darin, dass sich der demografische Wandel von einer Sorge über Überbevölkerung zu einer Ära der „Entvölkerung“ entwickelt hat. Diese werde öffentliche Bilanzen, das Arbeitskräfteangebot und die Kapitalmärkte neu formen. „Neben dem Klimawandel, der künstlichen Intelligenz, geopolitischer Fragmentierung und steigenden Staatsverschuldungen wird der demografische Wandel eine der prägenden Megatrends der kommenden Jahrzehnte sein“, schrieb Cluse.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung besonders relevant: Deutschland gehört zu den 66 Ländern, die ihren Bevölkerungspeak bereits überschritten haben. Damit zählt die Bundesrepublik zu einer Gruppe von Staaten, die zusammen 28% der Weltbevölkerung repräsentieren.
Die Details
Die globalen Fertilitätsraten sind von etwa fünf Kindern pro Frau in den frühen 1960er-Jahren auf heute rund 2,25 gesunken. Mehr als die Hälfte aller Nationen – was zwei Drittel der Weltbevölkerung entspricht – liegt unter der Ersatzrate von 2,1. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass die Weltbevölkerung in der Mitte der 2080er-Jahre ihren Höhepunkt bei rund 10,3 Milliarden erreichen wird, bevor sie wieder schrumpft.
Die nationalen demografischen Pfade divergieren jedoch stark. Sechsundsechzig Länder – darunter China, Deutschland, Japan, Italien und Südkorea – haben ihren Bevölkerungspeak bereits überschritten. Chinas Bevölkerung soll von heute 1,4 Milliarden bis zum Jahr 2100 um 54% auf 649 Millionen zurückgehen. Vierundvierzig Länder, darunter Brasilien, Vietnam und die Türkei, sollen innerhalb der nächsten 30 Jahre ihren Bevölkerungspeak erreichen.
Afrika dürfte seinen Anteil an der Weltbevölkerung von heute 19% bis 2100 auf 37% steigern. Getrieben wird diese Entwicklung durch jüngere Altersstrukturen in Ländern wie Nigeria, Äthiopien und der Demokratischen Republik Kongo.
Unter Verweis auf Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bemerkt UBS, dass die demografische Alterung das jährliche globale BIP-Wachstum im Zeitraum 2025–2050 gegenüber den Basiswerten von 2016–2018 um 1,1 Prozentpunkte senken wird. Im Durchschnitt über den Zeitraum 2025–2100 beziffert die Bank den Effekt auf zwei Prozentpunkte. Die Wachstumsschwächung resultiert vor allem aus schrumpfenden Arbeitskräften, geringerer innerstaatlicher Kapitalbildung und verlangsamenden Produktivitätszuwächsen.
UBS betont, dass der Ruhestand der Babyboomer-Generation kein vorübergehender Schock ist. Dauerhaft niedrige Geburtenraten bedeuten, dass die Altenquoten auf dauerhaft höheren Niveaus stabilisieren werden. Die fiskalischen Folgen bergen akute Risiken für die Tragfähigkeit der Staatsschulden.
In OECD-Ländern werden die öffentlichen Ausgaben für Renten, Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege voraussichtlich von durchschnittlich 16,7% des BIP auf über 21,6% bis 2060 ansteigen. Gleichzeitig bedrohen schrumpfende Erwerbsbevölkerungen die Einnahmen aus Einkommenssteuern und Sozialversicherungsbeiträgen.
UBS hebt ein Phänomen hervor, das sie als „Alterungsparadoxon“ bezeichnet: Während der demografische Rückgang die Notwendigkeit struktureller Reformen erhöht – etwa die Anhebung der gesetzlichen Rentenalter, die Verbreiterung der Steuerbasis und die Förderung technologischer Innovationen –, neigt ein älteres medianes Wählerpublikum dazu, Kürzungen bei sozialen Leistungen und öffentliche Investitionen zugunsten der Bewahrung von Ansprüchen abzulehnen.
Zwar könnte die Einführung künstlicher Intelligenz die Produktivität steigern und Arbeitskräfteengpässe mildern, doch warnt UBS, dass KI wahrscheinlich keine vollständige Lösung darstellen wird. Der demografische Wandel verschiebt die aggregierte Konsumnachfrage hin zu persönlichen Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung und Altenpflege – Sektoren, in denen Automatisierung und Produktivitätszuwächse weiterhin schwer zu erzielen sind.
Nachhaltige Einwanderung kann demografische Defizite in Ländern wie den USA, Kanada und dem Vereinigten Königreich abfedern. UBS verweist jedoch auf das „demografische Trilemma“ und argumentiert, dass alternde Nationen mit ultra-niedrigen Fertilitätsraten Schwierigkeiten haben werden, gleichzeitig wirtschaftliche Dynamik und ethnische Homogenität ohne erhebliche politische Reibungen aufrechtzuerhalten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 13.02.2026 berichtete aktien.news, dass die demografische Entwicklung in den Industrienationen dramatische Dimensionen erreicht. In China lag die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau damals bei nur noch 0,98. Das bevölkerungsreichste Land der Welt verzeichnete 2024 die niedrigste Geburtenzahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1949. Auch Thailand und Frankreich meldeten historische Tiefststände.
Die Vereinten Nationen prognostizierten damals einen massiven Bevölkerungsrückgang für die Region von Europa bis China einschließlich Japan. Bis zum Jahr 2100 könnte sich Chinas Bevölkerung halbieren – eine Schätzung, die mittlerweile als zu konservativ gilt. Die aktuelle UBS-Analyse mit einem Rückgang um 54% auf 649 Millionen bestätigt diese Einschätzung.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger liefert der Bericht mehrere Anhaltspunkte. Erstens: Der demografische Wandel verschiebt die Konsumnachfrage strukturell hin zu Gesundheitsversorgung und Altenpflege. Zweitens: Schrumpfende Erwerbsbevölkerungen und steigende Staatsausgaben bergen Risiken für die Tragfähigkeit der Staatsschulden – ein Faktor, der für Anleiheinvestoren relevant ist. Drittens: Die Kapitalmärkte werden laut Cluse durch den demografischen Wandel neu geformt.
UBS betont ausdrücklich, dass der Ruhestand der Babyboomer kein vorübergehendes Phänomen ist. Anleger sollten daher nicht von einer kurzfristigen Normalisierung der Altenquoten ausgehen. Gleichzeitig bleibt offen, in welchem Tempo KI und Einwanderung die Lücken schließen können – die Bank erwartet hier keine vollständige Lösung. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass die Weltbevölkerung Mitte der 2080er-Jahre mit rund 10,3 Milliarden Menschen ihren Höhepunkt erreicht. Bis 2060 dürften die öffentlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Langzeitpflege in den OECD-Ländern auf über 21,6% des BIP steigen. Vierundvierzig Länder, darunter Brasilien, Vietnam und die Türkei, sollen innerhalb der nächsten 30 Jahre ihren Bevölkerungspeak erreichen. Afrika dürfte seinen Anteil an der Weltbevölkerung bis 2100 auf 37% steigern.
Kurz erklärt
- Fertilitätsrate: Durchschnittliche Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens zur Welt bringt.
- Ersatzrate: Geburtenniveau, ab dem eine Bevölkerung ohne Migration langfristig nicht schrumpft.
- Altenquote: Verhältnis der älteren Bevölkerung zur erwerbsfähigen Bevölkerung einer Volkswirtschaft.
