SpaceX strebt Billionen-Umsatz an: Musks KI-Umbau weckt Zweifel
SpaceX meldet 161 Prozent Umsatzwachstum und Elon Musk träumt von einer Billion Dollar Umsatz – doch die Vergangenheit mahnt zur Vorsicht.

SpaceX hat nach Börsenschluss Zahlen vorgelegt, die für Aufsehen sorgen. Der Umsatz stieg um 161 Prozent, das Unternehmen meldete ein positives EBITA. Im Podcast „Motley Fool Hidden Gems Investing“ ordneten die Beitragsschreiber Travis Hoium, Lou Whiteman und Jon Quast die Ergebnisse ein – und diskutierten, ob Elon Musks jüngste Ambitionen realistisch sind.
Im Zentrum steht eine Aussage von Musk selbst. Er sprach davon, zusätzlich 20 Gigawatt an Rechenkapazität aufzubauen, was einem Capex-Bedarf von rund 500 Milliarden bis einer Billion Dollar entsprechen würde. Zudem erklärte er, SpaceX könne bis Ende des kommenden Jahres – also bis Ende 2027 – zwischen 500 Milliarden und einer Billion Dollar Umsatz erreichen. „Das ist großartiges Wachstum, wenn es passiert. Das ist phänomenales Wachstum, wenn es passiert“, sagte Hoium.
Das Quartalsbild zeigt, wie weit sich das Unternehmen vom klassischen Raumfahrtgeschäft entfernt hat. Der Superintelligence-Bereich steuerte mehr als 7,5 Milliarden Dollar bei, der Starlink-Teil des Geschäfts (Connectivity) kam auf 5,2 Milliarden Dollar, während das Raumfahrtgeschäft (Space launch) 1,8 Milliarden Dollar beitrug. Damit ist das, was Laien unter SpaceX verstehen, inzwischen der kleinste Teil des Unternehmens.
Ein Weltraumkonzern? Eher ein Neo-Cloud-Anbieter
Ein Teil des Wachstums stammt allerdings nicht aus eigener Kraft. SpaceX hatte Cursor übernommen; Cursor taxierte vor der Übernahme eine annualisierte Run-Rate von 4 Milliarden Dollar. Jon Quast betonte, die 7,5 Milliarden Dollar des Superintelligence-Segments würden sicherlich durch Cursor mitgetragen – „das ist nicht alles organisch.“ Dennoch gebe es substanzielles organisches Wachstum, so Quast.
Whiteman brachte die neue Identität des Konzerns auf den Punkt: „Es ist ein Neo-Cloud mit einem Weltraum-Nebengewerbe. Das sind sie.“ Die KI liefere das Umsatzwachstum, Starlink die Gewinne. Selbst das Raumfahrtgeschäft sei im Kern ein Kommunikationsgeschäft – und Musk projiziere, dass es in den kommenden Jahren mehr Umsatz erzielen werde als T-Mobile heute. Whiteman äußerte dazu spöttisch, das setze wohl voraus, dass optimistische Roboter Mobiltelefonverträge abschließen. Verkehr sei eben nicht dasselbe wie Umsatz pro Nutzer.
Musks Prognosen: eine lange Spur gebrochener Versprechen
Hoium lieferte den nötigen Kontext zu Musks Aussagen. Denn wer den Milliardär seit Jahren verfolgt, kennt seine großzügigen Projektionen. Im Jahr 2019 sagte er, bis Ende 2020 würden eine Million Robotaxis auf den Straßen fahren – das geschah nicht. Er erklärte, Tesla könne bis 2030 jährlich 20 Millionen Fahrzeuge produzieren; die Marke von 2 Millionen wurde nie überschritten. Für 2022 versprach er ein Umsatzwachstum von 50 Prozent pro Jahr auf absehbare Zeit – gelungen sei das in 2022, danach nicht mehr. Tatsächlich sei der Tesla-Umsatz 2025 rückläufig gewesen. Auch die vollmundigen Versprechen rund um das Solar-Dach von SolarCity seien nie eingelöst worden; das Produkt werde nicht mehr hergestellt.
„Richtungsweisend gehen Tesla, SpaceX und all diese Unternehmen in die Richtung, die er sagt“, räumte Hoium ein. Doch heute sei das Risiko für Anleger deutlich größer. „Es scheint ein größeres Risiko zu sein, wenn sich dies nicht so entwickelt, wie er es sieht.“ Whiteman ergänzte, dass Anleger mittlerweile zu einer viel höheren Bewertung einsteigen, was den möglichen Aufwärtsspielraum selbst im Erfolgsfall begrenze.
Der Streit um die Rechenkapazität
Besonders interessant ist laut Whiteman die unterschiedliche Strategie der großen Konzerne bei KI-Verträgen. Musk setze auf kurzfristige Kontrakte mit der Neo-Cloud, weil er weiter steigende Rechenkosten erwartet und sich Preismacht offenhalten will. Amazon hingegen versuche, Verträge so lang wie möglich zu fixieren, weil es diese Überzeugung nicht teile. Meta wiederum verweist auf überschüssige Kapazitäten, die zum Verkauf stünden. „Jemand liegt hier falsch“, so Whiteman. Entweder sollte SpaceX die Preise festlegen, solange es könne, oder Amazon werde töricht wirken, weil es die künftige Preismacht nicht erkenne. Auch Cloudflare erwartet, dass der Internetverkehr durch agentische KI explodieren wird.
Zum Kontrast diskutierten die Beitragsschreiber auch Netflix. Die Aktie lag am Aufnahmetag rund 3 Prozent im Minus, obwohl der Umsatz zweistellig wuchs und die Margen besser als prognostiziert ausfielen. Der Content-Chef wurde entlassen, die Werbeverkäufe verlangsamten sich. Für das Gesamtjahr 2025 erwartet das Unternehmen 16 Prozent Wachstum, für 2026 dann 13 Prozent. Die Aktie handelt unter dem Zwanzigfachen des Gewinns – rückwärts wie vorwärts. Quast sieht darin zunehmend eine Value-Story, warnt aber vor der Angst, dass agentische KI die digitale Werbung disruptieren könnte. Für deutsche Anleger gilt: Sowohl bei SpaceX als auch bei Netflix entscheidet weniger die Story als die Frage, wie viel Fantasie bereits im Kurs steckt.
