Smartglasses zeigen: KI bedroht auch physische Güter massiv
Meta Ray-Ban-Brillen boomen – doch EssilorLuxottica-Aktien fallen. Ein Warnsignal für die gesamte Industrie.

Der Boom der KI-Smartglasses offenbart eine beunruhigende Wahrheit für Hersteller physischer Güter: Wenn Software den Wert eines Produkts dominiert, verlieren traditionelle Marken und Qualitätshersteller ihren wichtigsten Wettbewerbsvorteil. Meta Platforms verkaufte im vergangenen Jahr mehr als 7 Millionen Ray-Ban-KI-Brillen – eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Trotzdem gaben die Aktien von EssilorLuxottica nach, dem 110-Milliarden-Euro-Brillenkonzern, der die Geräte produziert.
Das Paradox erklärt sich schnell: Der Wert einer klassischen Ray-Ban-Brille liegt im Markenimage und der Verarbeitungsqualität. Bei einer smarten Ray-Ban hingegen kommt der entscheidende Mehrwert aus der Software, den KI-Funktionen und den Apps – Bereiche, die Meta kontrolliert, nicht EssilorLuxottica. Je mehr Nutzer die Funktionen schätzen, desto weniger spielt das Gestell eine Rolle.
Die Zahlen belegen den Margendruck bereits deutlich. Die operative Marge von EssilorLuxottica sank im Jahr 2025 um 70 Basispunkte auf 16 Prozent. Smartglasses sind schlicht weniger profitabel als konventionelle Brillen – obwohl sie zum Umsatzwachstum von 11 Prozent beitrugen.
Das Muster wiederholt sich branchenübergreifend
Das Phänomen ist kein Einzelfall. Bei Elektrofahrzeugen differenzieren sich Tesla und BYD nicht über den Motor, sondern über Software und Infotainment-Systeme – und setzten damit etablierte Autobauer unter enormen Druck. Im Uhrenmarkt haben Smartwatches das mittlere Preissegment ausgehöhlt: Die weltweiten Verkäufe Schweizer Uhren haben sich seit dem Jahr 2000 laut dem Verband der Schweizer Uhrenindustrie halbiert.
Für EssilorLuxottica verschärft sich der Wettbewerb zusätzlich. Huawei und Alibaba vertreiben bereits eigene Smartglasses-Modelle. Apple könnte in den Markt einsteigen, Google einen neuen Anlauf wagen – nach dem gescheiterten Google-Glass-Experiment vor über einem Jahrzehnt.
KI-Disruption erfasst die gesamte Industrie
Das eigentliche Signal geht weit über die Brillenbranche hinaus. Anleger haben sich bislang vor allem auf den KI-Einfluss bei Software und Dienstleistungen konzentriert. Doch die Technologie dringt zunehmend in physische Produkte vor – von Brillen über Autos bis hin zu Kühlschränken und Landmaschinen.
Branchen, die heute noch weit außerhalb der KI-Reichweite zu liegen scheinen, müssen künftig unter einem anderen Blickwinkel bewertet werden. Für Investoren bedeutet das: Auch vermeintlich sichere, markensstarke Hersteller physischer Güter sind nicht immun gegen die Disruption durch KI-getriebene Software. Wer die Schnittstelle zum Nutzer kontrolliert, kontrolliert letztlich den Wert des Produkts.
