ANZEIGE

Siemens: One Tech Company, physische KI und Milliardenzukäufe

Cedrik Neike treibt die Strategie One Tech Company voran: Siemens verbindet Automatisierung mit KI, tätigt Milliardenzukäufe und baut den Konzern um.

•• 5 Min
Siemens: One Tech Company, physische KI und Milliardenzukäufe

Siemens richtet sich unter Konzernchef Roland Busch grundlegend neu aus. Die Strategie "One Tech Company" stellt die sogenannte physische KI in den Mittelpunkt – also den Einsatz künstlicher Intelligenz in Robotern und Maschinen. Die Sparte Digital Industries, in der Siemens seine Automatisierungs- und Industriesoftware-Aktivitäten bündelt, bildet dabei das Herzstück des Umbaus.

"Die letzten drei Jahre waren wahrscheinlich die herausforderndsten meiner Karriere", sagte Cedrik Neike, Siemens-Vorstandsmitglied und Leiter von Digital Industries. Der Manager sieht den Turnaround seiner Sparte als geschafft an. Sein Credo lautet, je nach Geschäftsfeld gleichzeitig zu beschleunigen und zu bremsen.

Der Konzern hat für den Kurswechsel viel Kapital eingesetzt. Im März 2025 übernahm Siemens den Simulationssoftware-Spezialisten Altair für zehn Milliarden Dollar. Hinzu kam der Zukauf von Dotmatics für weitere fünf Milliarden Dollar. Damit will Siemens die eigene Softwarekompetenz ausbauen – ein Geschäft, das Neike als entscheidend für die strategische Perspektive des Konzerns bezeichnet.

Die Details

Präsentiert wurde die Strategie One Tech Company von Konzernchef Busch im November 2025. Die Anleger reagierten zunächst skeptisch, der Aktienkurs rutschte ab. Inzwischen stützt vor allem die Sparte Smart Infrastructure die Rekordgewinne des Konzerns. Im August hob Siemens seine Prognose an: Der Gewinn je Aktie soll nun zwischen 11,20 und 11,50 Euro liegen, zuvor lag die Spanne bei 10,70 bis 11,10 Euro. In den ersten drei Quartalen erwirtschaftete der Konzern ein Ergebnis von 2,58 Milliarden Euro – im gesamten Vorjahr waren es 2,64 Milliarden Euro.

Der Umbau kostet Stellen. Rund ein Viertel aller Mitarbeiter ist betroffen, in Deutschland trifft es knapp die Hälfte der 87.000 Beschäftigten. Mit den Arbeitnehmervertretern wurde ein Interessenausgleich abgeschlossen, der die Sorge vor einem Stellenabbau adressiert. Organisatorisch führt Siemens eine neue gemeinsame Vertriebsstruktur namens Foundational Sales ein. Foundational Tech soll ab Oktober als gemeinsame Entwicklungseinheit folgen. Ziel ist es, doppelte Strukturen zu vermeiden und Synergien zu heben. Das Bild von Neike: Foundational Sales baut die Straße, die Sales-Einheiten fahren darauf das Auto.

Zentral für die neue Strategie ist Simulationssoftware. Altair bringt Expertise bei Stoß- und Kraftbewegungen sowie bei hohen elektromagnetischen Frequenzen mit. Die Kombination von hohen und niedrigen Frequenzen gilt als entscheidend für moderne Produkte. Hinzu kommen sogenannte Surrogate Models – KI-getriebene Ersatzmodelle, die schnelle Einschätzungen ermöglichen. Das Altair-Ökosystem passt zu Digital Twins und Industrial AI. Siemens ist inzwischen die Nummer zwei für Simulationssoftware, hinter Synopsys. Die Integration von Altair ist allerdings weiter fortgeschritten als die von Dotmatics.

Im Automatisierungsgeschäft läuft es in Europa schleppend, während in China Aufträge und Umsätze wieder steigen. Konkurrent Inovance hat seine Marktanteile bei kleinen Steuerungen verdoppelt. Siemens hält dagegen die Marktführerschaft bei mittleren und großen Steuerungen. Der Konzern hatte sich jahrelang aus günstigeren Segmenten zurückgezogen; Neike steuerte um und bietet nun kostengünstige Komponenten für China an. Im vergangenen Jahr entwickelte Siemens 18 Produkte in China, in diesem Jahr sollen 26 weitere Produkte für China und den asiatischen Markt hinzukommen.

Intern wird zugleich über die Nachfolge von Busch spekuliert. Neike gilt als Kandidat, ebenso Peter Körte, der seit Juli die Sparte Smart Infrastructure führt. Die KI-Entwicklung baut Siemens hauptsächlich in den USA auf, wo 200 bis 300 Mitarbeitende für neue KI-Anwendungen arbeiten. In Deutschland dagegen baut der Konzern IT-Stellen ab. Die IT-Tochter Evosoft mit 380 Mitarbeitern wird geschlossen; die Schließung wurde im Mai angekündigt. Als Begründung nennt das Unternehmen, dass IT am Standort Deutschland nicht wettbewerbsfähig sei.

Hintergrund: Was bisher geschah

Bereits am 12.02.2026 berichtete aktien.news, dass Buschs KI-Strategie auf dem Prüfstand der Anleger steht. Damals kehrte Siemens nach fünf Jahren digitaler Hauptversammlungen zur Präsenzveranstaltung in der Münchner Olympiahalle zurück, und Busch musste sich erstmals persönlich vor den Aktionären für die "One Tech Company" rechtfertigen. Der Bericht verwies darauf, dass jede dritte Maschine weltweit bereits mit Siemens-Software läuft.

Ebenfalls am 12.02.2026 meldete aktien.news, dass Siemens nach einem starken Quartalsergebnis die Jahresprognose erhöhte. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres erwirtschaftete der Konzern 2,22 Milliarden Euro Gewinn, nach 3,87 Milliarden Euro im Vorjahreswert – der damals einen einmaligen Sondereffekt von 2,1 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Innomotics-Sparte enthielt. Bereinigt ergab sich ein Gewinnzuwachs von knapp 25 Prozent aus fortgeführten Aktivitäten.

Am 11.02.2026 berichtete aktien.news, dass die separat börsennotierte Siemens Energy im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 einen Nettogewinn von 746 Millionen Euro erzielte, nach 252 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Am 26.04.2026 folgte die Meldung, dass die Aktie von Siemens Energy auf ein Rekordhoch von 191,66 Euro stieg, getrieben von der Netztechnik-Sparte.

Was das für Anleger bedeutet

Aus Sicht von Jasmin Wolfram von Union Investment ist die Strategie noch nicht vollständig belegt: "One Tech ist aus meiner Sicht bislang eher eine plausible, sinnvolle These mit ersten Belegen als ein bereits bewiesener finanzieller Erfolg." Für Anleger bedeutet das, die Kennzahlen genau zu verfolgen. Entscheidend sind der Gewinn je Aktie, der Fortschritt der Integration von Altair und Dotmatics sowie die Entwicklung des Automatisierungsgeschäfts in Europa und China.

Der Umbau ist ein zweischneidiges Thema: Einerseits sollen schlankere Strukturen und Synergien die Kosten senken, andererseits binden Umstrukturierung und Stellenabbau Ressourcen. Die Anhebung der Prognose im August zeigt, dass der Konzern operativ zugelegt hat. Zugleich fällt das Ergebnis der ersten drei Quartale mit 2,58 Milliarden Euro nur knapp über dem Wert des gesamten Vorjahres von 2,64 Milliarden Euro – die Vergleichbarkeit ist also begrenzt. Anleger sollten zudem beachten, dass die Aktie auf die Präsentation der Strategie im November 2025 zunächst negativ reagierte. Dies ist keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.

Ausblick

Konkrete nächste Schritte sind bereits terminiert. Ab Oktober startet Foundational Tech als gemeinsame Entwicklungseinheit. In China plant Siemens in diesem Jahr 26 weitere Produkte. Bei der Integration von Dotmatics besteht noch Aufholbedarf gegenüber Altair. Offen ist zudem, wer auf Busch folgt – Neike und Körte gelten als Kandidaten. Die angehobene Prognose von 11,20 bis 11,50 Euro je Aktie bleibt der Maßstab für das laufende Geschäftsjahr.

Kurz erklärt

  • Physische KI: Einsatz künstlicher Intelligenz direkt in Maschinen und Robotern statt nur in reinen Softwareanwendungen.
  • Digital Twin: Ein digitales Abbild einer realen Maschine oder Anlage, das sich mit Simulationssoftware analysieren lässt.
  • Surrogate Models: KI-getriebene Ersatzmodelle, die schnelle Einschätzungen komplexer technischer Zusammenhänge ermöglichen.
SiemensOne Tech CompanyPhysische KiDigital IndustriesCedrik NeikeAltairDotmaticsSmart Infrastructure

Meistgelesene News

  1. Mercedes-Benz: Neue Regeln für mobiles Arbeiten stehen kurz bevor
  2. Beschlagnahmte Iran-Öltanker segeln langsam in Richtung USA
  3. Ölpreise fallen: Asien importiert Höchstmenge Rohöl seit Iran-Krieg
  4. Alphabet und Nvidia: Was 1.000 Dollar bis 2030 wert sein könnten
  5. Ölpreis stabilisiert sich: USA und Iran prüfen gestaffelten Hormus-Deal

Disclaimer