Saudi-Aramco-Chef warnt: Ölmarkt normalisiert sich erst 2027
Die anhaltende Sperrung der Straße von Hormus bedroht die globale Energieversorgung – mit dramatischen Folgen für Ölvorräte und Lieferketten.

Der CEO von Saudi Aramco, Amin Nasser, hat Investoren mit einer eindringlichen Warnung aufgerüttelt: Sollte die Straße von Hormus über Mitte Juni hinaus gesperrt bleiben, wird sich der globale Ölmarkt erst im Jahr 2027 normalisieren. Diese Aussage machte Nasser während der Telefonkonferenz zu den Ergebnissen des ersten Quartals des weltgrößten Ölkonzerns.
„Selbst wenn die Straße von Hormus heute geöffnet würde, würde es noch Monate dauern, bis der Markt wieder ins Gleichgewicht kommt. Sollte sich die Öffnung um einige weitere Wochen verzögern, wird die Normalisierung bis ins Jahr 2027 andauern", erklärte Nasser gegenüber Investoren. Die Aussagen verdeutlichen das Ausmaß der Krise, die der Iran mit der Sperrung des strategisch bedeutsamen Seewegs ausgelöst hat.
Der Iran hat die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Weltmarkt verbindet, seit Anfang März blockiert. Vor dem Krieg passierten täglich rund 70 Schiffe die Meerenge – heute sind es lediglich zwei bis fünf. Vor dem Konflikt flossen etwa 20 Prozent des weltweiten Ölangebots durch diesen schmalen Korridor.
Massiver Angebotsausfall und chaotische Tankerflotte
Die Folgen für den Markt sind gravierend: Jede Woche, in der Hormus geschlossen bleibt, gehen dem Ölmarkt laut Nasser 100 Millionen Barrel an Angebot verloren. Insgesamt hat der Markt durch die Schließung bereits mehr als eine Milliarde Barrel verloren. Der Nettoverlust beläuft sich auf rund 880 Millionen Barrel – bereinigt um umgeleitete Exporte über die saudi-arabische Ost-West-Pipeline sowie die Freigabe strategischer Reserven durch Regierungen weltweit.
Derzeit sitzen mehr als 600 Schiffe – überwiegend Öl- und Produkttanker – im Persischen Golf fest. Weitere rund 240 Schiffe warten außerhalb von Hormus auf Durchfahrt. Die Tankerflotte sei „durcheinandergeraten", da viele Schiffe an den falschen Orten eingesetzt würden, so Nasser. Einige Tanker könnten andere Ziele ansteuern, da sie bereits zu lange in der Region festsitzen.
„Selbst im optimistischsten Szenario werden die Energie- und Rohstofflieferketten mehrere Monate benötigen, um zum Verkehrsaufkommen vor dem Konflikt zurückzukehren, da Schiffe umgeleitet werden oder versuchen, Leerlaufzeiten zu vermeiden", sagte der Aramco-Chef. Schiffe müssten aus verschiedenen Teilen der Welt neu positioniert werden, um die Lieferkette zu normalisieren.
Kritisch niedrige Vorräte noch vor dem Sommer möglich
Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung bei den Ölprodukten. Die Ölvorräte werden aufgrund des Lieferausfalls aus dem Nahen Osten rapide abgebaut – insbesondere bei Benzin und Kerosin. „Dies könnte noch vor der sommerlichen Reisezeit kritisch niedrige Stände erreichen", warnte Nasser. Für europäische und deutsche Verbraucher könnte das steigende Kraftstoffpreise in den kommenden Monaten bedeuten.
Politisch ist eine schnelle Lösung nicht in Sicht. Die USA und der Iran scheinen einer Einigung zur Beendigung des Krieges und zur Wiedereröffnung von Hormus nicht näherzukommen. US-Präsident Donald Trump erklärte am Montag, der Waffenstillstand mit Teheran befinde sich in einem kritischen Zustand, nachdem er den iranischen Gegenvorschlag zur Beendigung des Konflikts abgelehnt hatte.
Nasser bezeichnete die Unterbrechung der Schifffahrt durch die Meerenge als den „größten Schock für die Energieversorgung aller Zeiten". Die Aussage des Chefs des weltgrößten Ölproduzenten unterstreicht, wie ernst die Lage an den globalen Energiemärkten ist – und wie weitreichend die Konsequenzen einer anhaltenden Blockade für Wirtschaft und Verbraucher weltweit wären.
