Russlands Wirtschaft verliert an Dynamik
Hohe Zinsen, sinkende Investitionen und Rubelstärke bremsen das Wachstum

Die russische Wirtschaft zeigt seit Ende 2024 deutliche Anzeichen einer Abschwächung. Während das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2024 noch um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr wuchs, fiel das Wachstum im ersten Quartal 2025 auf rund zwei Prozent. Expertenschätzungen gehen für das laufende Jahr nur noch von einem Anstieg um etwa 1,5 Prozent aus. Nach zwei Jahren stabiler Entwicklung trotz westlicher Sanktionen und enormer Militärausgaben scheint die Phase robusten Wachstums vorerst beendet zu sein.
Ein wesentlicher Faktor für die aktuelle Entwicklung ist die Tatsache, dass viele bereits in der Vergangenheit beauftragte militärische Projekte inzwischen abgeschlossen und abgerechnet sind. Gleichzeitig nehmen Investitionen russischer Unternehmen ab, obwohl diese hohe Gewinne verzeichnen. Im Jahr 2024 betrug das Nettofinanzergebnis rund 30,8 Billionen Rubel, was etwa 342 Milliarden Euro entspricht. Anstatt das Geld zu reinvestieren, parken viele Firmen ihre Gewinne bei russischen Banken. Die Einlagen erreichten im April ein Rekordhoch von rund 60 Billionen Rubel – etwa 666,6 Milliarden Euro – und profitieren von hohen Zinssätzen von derzeit 22 Prozent.
Ökonom Vladislav Inozemtsev geht davon aus, dass diese Mittel aufgrund der politischen Unsicherheit im Land nicht kurzfristig in produktive Investitionen fließen werden. Gleichzeitig wirkt sich der hohe Leitzins von 21 Prozent auf die Geldmenge und den Haushalt aus. Der starke Rubel führt dazu, dass der Erlös aus Ölexporten in Rubel sinkt. So lag der Erlös pro Barrel im Dezember 2024 noch bei etwa 6500 Rubel, mittlerweile nur noch bei rund 4000 Rubel – ein Rückgang um mehr als 30 Prozent.
Zur Haushaltsfinanzierung setzt die russische Regierung auf Steuererhöhungen. Die Gewinnsteuer für Unternehmen wurde zu Jahresbeginn von 20 auf 25 Prozent angehoben. Auch Spitzenverdiener müssen höhere Einkommensteuern zahlen. Parallel verschärfte die Europäische Union ihr Sanktionsregime gegen Russland und richtet es verstärkt gegen Firmen, die an der Umgehung der bisherigen Maßnahmen beteiligt sind.
Ein möglicher Friedensschluss in der Ukraine könnte laut Inozemtsev die Militärausgaben Russlands zwar reduzieren, jedoch nur schrittweise. Er rechnet mit einem Rückgang von derzeit 13 bis 14 Billionen Rubel auf rund zehn Billionen Rubel im ersten Jahr nach Kriegsende. Ein solches Szenario könnte auch Handelshemmnisse lockern und eine Absenkung des Leitzinses ermöglichen.
