Russische Zentralbank überrascht mit unverändertem Leitzins
Inflation bleibt hoch, Lohn-Preis-Spirale sorgt für neue wirtschaftliche Risiken

Die russische Zentralbank hat überraschend entschieden, ihren Leitzins unverändert bei 21 Prozent zu belassen. Diese Entscheidung kam unerwartet, da die Mehrheit der Analysten von einer weiteren Erhöhung ausgegangen war, um die anhaltend hohe Inflation zu bekämpfen. Von 27 befragten Experten hatten 23 eine Anhebung des Zinssatzes um zwei Prozentpunkte prognostiziert. Trotz der anhaltenden Teuerung, die weit über dem Ziel von vier Prozent liegt, blieben Maßnahmen zur weiteren Straffung der Geldpolitik vorerst aus.
Laut dem russischen Präsidenten Wladimir Putin bewegt sich die Inflationsrate auf Jahressicht zwischen 9,2 und 9,3 Prozent. Dies liegt deutlich über dem angestrebten Wert der Zentralbank. In einer Pressekonferenz appellierte Putin an die Währungshüter, bei ihrer Entscheidung eine „ausgewogene“ Linie zu verfolgen. Zugleich betonte er, dass die hohen Preissteigerungen die wirtschaftliche Lage weiterhin belasten.
Die Zentralbank unter Leitung von Elwira Nabiullina erklärte, dass sich das geldpolitische Umfeld seit Oktober stärker verschärft habe als ursprünglich angenommen. Vor zwei Monaten war der Leitzins zuletzt um zwei Prozentpunkte angehoben worden. Für die nächste Sitzung im Februar kündigte die Zentralbank an, eine erneute Überprüfung des Leitzinses vorzunehmen. Im Oktober und November lag die Inflation bei 11,1 Prozent, während die Kerninflation, die schwankende Preise für Energie und Lebensmittel ausklammert, 10,9 Prozent betrug. Die Zentralbank prognostiziert, dass die Verbraucherpreise erst 2026 auf das Ziel von vier Prozent zurückkehren könnten.
Eine zusätzliche Herausforderung stellt die kriegsbedingte Wirtschaftslage dar. Der seit mehr als zweieinhalb Jahren andauernde Angriff auf die Ukraine hat zur Umstellung der russischen Industrie auf eine Kriegswirtschaft geführt, was sich auf das Preisgefüge auswirkt. Gleichzeitig kämpfen Unternehmen in anderen Branchen mit einem erheblichen Arbeitskräftemangel und sehen sich gezwungen, hohe Löhne zu zahlen, um Mitarbeiter zu halten. Ökonomen warnen, dass diese Entwicklung eine Lohn-Preis-Spirale auslösen könnte, die die Inflation weiter anheizt.
Die derzeitige geldpolitische Zurückhaltung der russischen Zentralbank könnte daher mit dem Versuch zusammenhängen, einen Balanceakt zwischen der Stabilisierung der Wirtschaft und der Bekämpfung der Inflation zu schaffen. Dies wirft jedoch die Frage auf, ob die getroffenen Maßnahmen ausreichen werden, um die wirtschaftlichen Herausforderungen in den kommenden Monaten zu bewältigen.
